28.09.2005 · Die Debatte um die Fusion von Deutschem Sportbund und Nationalem Olympischen Komitee geht weiter. Einige Landessportbünde lehen das Bündnis ab, weil sie offenbar um ihre Macht- und Sonderstellung fürchten.
Der Deutsche Sportbund (DSB) ist am Zug. Am Dienstag ist abermals deutlich geworden, daß die angestrebte Fusion von DSB und Nationalem Olympischen Komitee (NOK), den beiden Spitzenorganisationen des deutschen Sports, zur Zeit deshalb kontrovers diskutiert wird, weil unter den 16 Landessportbünden als wichtigen DSB-Mitgliedsorganisationen konkrete Informationsdefizite und diffuse Ängste bestehen.
"Der rauhe Gegenwind weht nicht dem NOK entgegen", sagte NOK-Präsident Klaus Steinbach. "Die Fusion ist eine Initiative des DSB gewesen. Wir haben immer gesagt, daß wir gesprächsbereit sind, aber nur auf der Grundlage der Olympischen Charta." Steinbach ließ erkennen, daß seine Geduld erschöpft ist. Schließlich hatte ihm DSB-Präsident Manfred von Richthofen schon während der Olympischen Spiele 2004 in Athen zu einem ungeeigneten Zeitpunkt die Fusions-Debatte beschert. Die Auseinandersetzung dürfe nun nicht weitergehen und auch noch die Winterspiele 2006 in Turin belasten, heißt es im NOK.
Widerstand auch beim NOK?
"Was Struktur- und Satzungskommission von DSB und NOK ausgearbeitet haben, entspricht der Charta", stellte Steinbach fest. "Es hat ja schon Einwendungen und Korrekturen gegeben. Und die Landessportbünde sind sich in der Ablehnung nicht einig. Es ist unmißverständlich klar, daß eine Minderheit keine Mehrheitsqualitäten bekommen kann." Der NOK-Präsident fügte ein bißchen boshaft hinzu: "Es kann nicht sein, daß wir das Internationale Olympische Komitee mehrfach für all jene um Interpretationen bitten müssen, die die Charta einfach nicht gelesen haben." Vehement bestritt Steinbach, im eigenen Haus in Gestalt der Persönlichen Mitglieder (die mit einer Fusion Kompetenzen verlieren werden) ebenfalls ein Widerstandsnest zu haben. "Es gibt keine Fraktion der Persönlichen Mitglieder im NOK. Es handelt sich um die Meinung von Einzelpersonen. Dort herrscht aber eine relative große Bereitschaft, die notwendigen Veränderungen mitzutragen."
Ein kurzes Gespräch am Dienstag in Frankfurt von IOC-Präsident Jacques Rogge mit einem kleinem Kreis von deutschen Spitzenfunktionären, darunter in Ekkehard Wienholtz auch ein Vertreter der Landessportbünde, hat Bekanntes bestätigt: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) pocht auf seine Charta und erwartet deshalb von einem vereinten Deutschen Olympischen Sportbund, daß dort die 29 olympischen Sportfachverbände die Stimmenmehrheit haben. Die Landessportbünde wollen sich allerdings in ihren Kernkompetenzen wie Vereins- und Breitensport nicht von der Mehrheit der Fachverbände majorisieren lassen. Aus Hessen kommt eine harsche Ablehnung der vorliegenden Fusionspapiere. Rogge habe "gewisse Spielräume" außerhalb der Satzung eingeräumt, berichteten Gesprächsteilnehmer in Frankfurt. Sollten diese Spielräume jedoch in Zukunft von Mal zu Mal aufs neue ausgelotet werden müssen, so ist Streit wohl programmiert. Eine strenge Trennung zwischen Spitzensport und anderem Sportgeschehen besteht hierzulande im übrigen nicht, NOK wie DSB verfolgen jeweils übergeordnete Ziele.
Macht- und Sonderstellung der Landessportbünde
Steinbach sprach von "Zweiflern und Forderern", die in dieser Woche darüber entscheiden könnten, ob es beim vorgesehen Zeitplan und damit bei einem letztlich erfolgreichen Fusionsprozeß bleibe. Die Schlußfassung der neuen Satzung soll am 12. Oktober veröffentlicht werden. Am 10. Dezember sollen sich in Köln DSB und NOK (jeweils mit Dreiviertelmehrheit) auflösen, am 20. Mai 2006 in Frankfurt soll dann das neue Dach errichtet werden. Eine Opposition aller oder einiger wichtiger Landessportbünde könnte dies verhindern. Die Landessportbünde haben angeregt, den Dezember-Termin für eine Diskussion mit allen Beteiligten zu nutzen und die Auflösung des DSB auf Februar oder März zu verschieben. Doch selbst dann würden die Landessportbünde eine Macht- und Sonderstellung, die sie mit dem föderalen Aufbau Deutschlands rechtfertigen, nicht erreichen.
Was nicht vergessen werden darf: Schon jetzt bestimmt der olympische Sport die Richtung - im DSB, aber auch in den Ländern, und zwar über die Fachverbände. Die Stärke der Landessportbünde ergibt sich jedoch aus ihrer Bedeutung für die Verteilung von Fördermitteln an Verbände und Vereine. Auch wenn es mitunter so dargestellt wird: Föderale Grundstrukturen kann eine Fusion nicht beseitigen; lediglich an der Spitze, bei DSB und NOK, wird sie wirklich zu personeller Verschlankung und finanziellen Einsparungen führen.
An diesem Donnerstag treffen in Frankfurt führende Repräsentanten aller Gruppen aufeinander, die Satzungskommission von DSB und NOK tagt abermals. Klare Worte tun not. Braucht und will man die Fusion nun oder nicht?