http://www.faz.net/-gtl-79j0i

Sportministerkonferenz : Und Baku zahlt das Mittagessen

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich: „Doper und Wettbetrüger bedrohen den Sport“ Bild: dpa

Er ist ein Paradoxon, der Sport: weltumfassend und spektakulär, doch zugleich schwach. Beim Kampf um seinen guten Geist fallen auf der Sportministerkonferenz große Worte und Kleingedrucktes ins Gewicht.

          Großer Sport? Das deutsche Finale der Champions League in London war sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch Unesco-Generaldirektorin Irina Bokova einen Hinweis wert, als sie in Berlin die Großkonferenz der Sportminister der Welt eröffneten. Der Wert von Fußball und Olympischen Spielen allerdings soll nicht allein in der Aufmerksamkeit der nach Hunderten von Millionen zählenden Fernsehzuschauer liegen, die so lukrativ für die Werbung sind, sondern vielmehr in ihrem Kern aus Gleichheit und Fairness, aus Gesundheit, Selbstverwirklichung und Toleranz.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          “Wir wollen diese andere Seite betonen“, sagte die Bulgarin Bokova zur Eröffnung der dreitägigen Konferenz, die an diesem Freitag zu Ende geht. „Durch Sport entsteht ein anderes Wertesystem, entstehen andere Menschen.“ Der Sport sei ein Paradox, so weltumfassend und spektakulär wie nie, doch zugleich schwach und unsichtbar, wie sich am Rückgang etwa des Sportunterrichts ablesen lasse. Gern überlasse sie die großen Veranstaltungen den Politikern, doch niemand solle übersehen, dass diese Konferenz mit Delegationen aus mehr als hundert Ländern und Ministern aus mehr als fünfzig dem Ziel diene, den Geist des Sports wiederzubeleben: „Sport ist kein wirtschaftliches Gut.“

          Den Ball nahm die Kanzlerin gern auf; im Amt ist sie schließlich zur begeisterten Besucherin von Fußballspielen geworden. Nicht nur betonte sie die Wirksamkeit der Fußball-WM fürs Image: „2006 haben viele gelernt, dass Deutsche lachen können.“ Sie konstatierte auch, dass aus der schönsten Nebensache der Welt längst eine emotionale und soziale Kraft geworden sei. Diese gelte es zu schützen vor kriminellen Machenschaften durch gemeinsame Prävention und Sanktionen. Wenn die Integrität berührt werde, würden am Ende die Werte unterminiert und der Sport zerstört, sagte sie.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel: „2006 haben viele gelernt, dass Deutsche lachen können“

          So spannte sich der Bogen der Konferenz vom Kampf gegen Spielmanipulation durch Wettsyndikate bis zum Bemühen um die Anerkennung eines universellen Rechts auf Sport, das weltweit insbesondere für Frauen, Mädchen und Behinderte durchzusetzen sei. Es war, als sei von einer Religion die Rede, welche die Welt retten kann, die aber gleichzeitig bewahrt werden muss vor Auswüchsen, die durch Großereignisse entstehen, ihren Hochämtern und Messen. „Doper und Wettbetrüger bedrohen den Sport“, rief Innen- und Sportminister Hans-Peter Friedrich. „Wenn der Ausgang eines Spiels nicht mehr ungewiss ist, verliert es seine Magie.“

          Der Prunk nutzloser Stadien

          Unter dem großen Bogen hatte auch die Kritik Friedrichs Platz, dass Großereignisse längst so groß geworden sind, dass viele Länder sie gar nicht mehr bewältigen können. Er warnte davor, dass Veranstalter sich mit dem Prunk nutzloser Stadien zu übertreffen suchten und dass kleine Staaten von den Kosten für Großereignisse überfordert würden. Er warb dafür, dass kleine Länder sich für die Ausrichtung von Spielen und Meisterschaften zusammentun.

          Sylvia Schenk, Sportbeauftragte von Transparency International: Nachhaltigkeit bei Großereignissen soll auch gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Dimension umfassen

          Weniger die großen Worte als vielmehr das Kleingedruckte beeindruckte Sylvia Schenk. Bei Transparency International für den Sport zuständig, hatte die Juristin und ehemalige SPD-Politikerin an der Berliner Erklärung mitgewirkt, die am Freitag verabschiedet werden soll. Darin wird gefordert, dass Nachhaltigkeit bei Großereignissen nicht nur Naturschutz und Sportanlagen, sondern auch die gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Dimension umfassen soll.

          Dass sich die Bewerber um Großveranstaltungen einem Verhaltenskodex unterwerfen. Dass Verbände Vergabekriterien veröffentlichen. Dass die Sportbewegung Transparenz und Demokratie übt, um Integrität, Verantwortlichkeit, Gleichbehandlung und Nachhaltigkeit zu fördern. Und dass Verbände sich Regeln der Good Governance geben. „Eine deutsche Olympiabewerbung muss ein Beispiel genau dafür werden“, folgerte sie. „Das hätte ich mir vor einem Jahr noch nicht träumen lassen.“

          Mittels Sport Gutes erreichen - oder Großes

          Während Friedrich wiederholte, für ihn sei es überhaupt keine Frage, dass Deutschland sich um Olympische Spiele bemühen muss, und während DOSB-Generaldirektor Michael Vesper dies als Unterstützung mitnahm beim Sprung zur Konferenz Sport-Accord, welche zur selben Zeit in St. Petersburg stattfand, stand die Grünen-Abgeordnete Viola von Cramon am Büfett.

          Sie aß allerdings nicht, sondern fotografierte die Sponsorentafel mit dem Logo des Jugend- und Sportministeriums von Aserbaidschan. „Unfassbar“, schimpfte sie. „Die Bundesregierung lässt sich das Mittagessen von diesen Menschenrechtsverletzern bezahlen.“ Als ehemaliger und kommender Olympia-Bewerber sowie als Ausrichter der Europa-Spiele 2014 ist Baku Mitglied der Gemeinde, die mittels Sport nur Gutes erreichen will. Oder Großes.

          Weitere Themen

          Eine Runde mit einem Weltmeister Video-Seite öffnen

          Minigolf : Eine Runde mit einem Weltmeister

          Marcel Noack ist Weltmeister im Mingolf. Das Freizeitspiel ist für ihn ein Sport, bei dem nicht nur Präzision gefordert ist. Im Video erklärt er, warum die Beschaffenheit des Balls eine zentrale Rolle spielt.

          Topmeldungen

          Laut einer Postbank-Studie mögen viele Deutsche von der alten Währung D-Mark noch nicht ganz ablassen.

          Nach 16 Jahren Euro : Jeder dritte Deutsche rechnet noch in D-Mark um

          Der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Fast zwei Jahrzehnte bezahlen wir nun schon in Euro – in die alte Währung umgerechnet wird trotzdem noch. Den Namen „Teuro“ trägt die Gemeinschaftswährung aber zu unrecht.
          Pastor Friedhelm Blüthner schöpft beim Pfingstgottesdienst der Bremischen Evangelischen Kirche einen Krug Wasser aus der Weser. Die Evangelische Kirche verzeichnet längst nicht so viele Taufen wie Todesfälle.

          Mitgliederverluste der Kirchen : Entscheidungschristentum

          Die Kirchen verlieren Mitglieder ohne Ende. In wenigen Jahren droht eine doppelte Zäsur. Aufhalten lässt sich das Ganze nicht – aber die Grundhaltung wird entscheidend sein. Ein Kommentar.

          Zwischenwahlen in Amerika : Demokraten hoffen auf Obama

          Für viele Demokraten ist Trumps Amtsvorgänger nach wie vor ein Star. Sie hoffen, dass Barack Obama in den Wahlkampf eingreifen wird. Noch hält sich Obama zurück – aber er denkt schon an 2020.
          Am 9. Januar 2007 hat Steve Jobs das erste iPhone der Welt vorgestellt.

          Die Billion-Frage : Wirtschaftswunder Apple

          Warum ist eigentlich gerade Apple als erstes privates Unternehmen der Welt mehr als 1 Billion Dollar wert? Wieso nicht Facebook oder Amazon oder Google? Jetzt unseren neuen Podcast hören.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.