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Veröffentlicht: 08.05.2015, 08:47 Uhr

Sportfunktionär Beilschmidt Der „doppelte Lump“

Rolf Beilschmidt wird wohl in Amt und Würden bleiben. Die blitzsaubere Karriere vom Olympia-Hochspringer der DDR mit Doping- und Stasi-Kapiteln zum Spitzensportfunktionär in Ost wie West könnte der Geschäftsführer des Landessportbunds Thüringen nun fortsetzen.

von Anne Armbrecht und Thomas Purschke, Erfurt
© Imago Umstrittener Sportfunktionär: Rolf Beilschmidt soll in Thüringen in Amt und Würden bleiben

Vor ein paar Tagen hat Rolf Beilschmidt Post von der Stasi-Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes bekommen. Das Schreiben ist noch nicht veröffentlicht worden. An diesem Freitag will der Landessportbund Thüringen eine Presseerklärung dazu veröffentlichen. Von einer Wende im Thüringer Sport wird darin nicht zu lesen sein.

Nach Informationen dieser Zeitung hat die Stasi-Kommission zu Beilschmidt, Zuträger des Ministeriums für Staatssicherheit von 1976 bis 1989, keine „negative Empfehlung“ an das ehrenamtliche Präsidium des Landessportbundes (LSB) übermittelt. Der Geschäftsführer des LSB, der Strippenzieher im Thüringer Leistungssport, wird wohl in Amt und Würden bleiben. Die blitzsaubere Karriere vom Olympia-Hochspringer mit Doping- und Stasi-Kapiteln zum Spitzensportfunktionär in Ost wie West könnte der 61-Jährige nun fortsetzen – bis zur Rente. Wie ist das möglich?

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Beilschmidt war am Donnerstag nicht zu erreichen. Er hat sich zu den Vorwürfen nur selten geäußert. Mal will er abgeschöpft worden sein, mal hat er versucht, sich bei einem Ehepaar, dass er diffamiert hatte, um Entschuldigung zu bitten, mal kann er sich nicht erinnern. Die Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde helfen auf die Sprünge. Dass Beilschmidt unter dem Decknamen „Paul Grün“ in den siebziger Jahren als IM gearbeitet hatte, ist seit Jahren bekannt. Aber im vergangenen Herbst tauchten weitere Dokumente auf. Sie belegen, dass der frühere Athlet seine Zuträgerdienste an das Schild und Schwert der Sozialistischen Einheitspartei nicht wie behauptet beendete, nachdem die Stasi ihn als „unzuverlässig“ eingeschätzt hatte.

Beilschmidt berichtete weiter aus dem Kreise seiner Bekannten und Vertrauten und soll stets auf der Hut vor einer Enttarnung gewesen sein, wie sein Führungsoffizier schrieb: Um das „Vertrauensverhältnis nicht aufs Spiel“ zu setzen. So konnte er ehemalige Freunde aushorchen, über Westkontakte von Mitbürgern, über Charakterzüge und Intimes, über das Engagement der politischen Opposition berichten.

Schaden billigend in Kauf genommen

Jeder halbwegs gescheite DDR-Bürger wusste, in welchen absurden Aktionismus die Stasi bei diesen Stichworten verfiel, dass sofort die Überwachungsmaschine das gesamte Leben der Angeschwärzten durchleuchtete. Im riesigen Netz blieben viele hängen. Deshalb hat eine frühere Stasi-Kommission des deutschen Sports unter Führung des Bürgerrechtlers Matthias Büchner eine strenge Definition für ihre Empfehlung entwickelt: „Wer Schaden für andere Menschen billigend in Kauf genommen hat, sollte im Sport keine führende Position übernehmen.“

Beilschmidt hat Schaden billigend in Kauf genommen. Im März 1983, so geht es aus den Unterlagen hervor, informierte er die Stasi über die Absichten des Regimekritikers Roland Jahn, heute Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde. Dessen Vater hatte Beilschmidt erzählt, dass der gerade aus dem Gefängnis entlassene Sohn „nicht die Absicht besitzt, einmal in die BRD legal übersiedeln“ zu wollen. „Er will in der DDR den Friedenskampf weiterführen.“

Nur durfte er das nicht. Wenige Wochen später wurde Roland Jahn in Knebelketten in einen Zug Richtung Bayern gesetzt, zwangsausgewiesen. Ein Postkarte Jahns aus dem Westen lieferte Beilschmidt Wochen später bei der Stasi ab. Jahn hält sich zurück bei der Beurteilung. Im vergangenen Herbst aber sagte er: „Als ich erfuhr, dass mein Jugendfreund eine Postkarte bei den Genossen abgegeben hat, habe ich mich klar und deutlich verraten gefühlt.“

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