Masato Mizuno will auf keinen Fall undankbar wirken. Er weiß, dass die Leute es gut meinen mit ihm und seinem Land Japan. Immer wieder fragen sie ihn mit besonderer Wärme, wie es ihm geht. „Der Sport ist eine große, internationale Familie“, sagt er. „Das spüren wir im Moment ganz besonders.“ In diesen Tagen muss er in einem großen Londoner Hotel am Rande der internationalen Sportkonferenz SportAccord ständig versichern, dass mit ihm und seinen Lieben alles in Ordnung ist.
Mizuno ist einer der Erben des weltweit operierenden japanischen Sportartikel-Konzerns, den sein Großvater gegründet hat. An der großen Netzwerk-Veranstaltung der internationalen Sportpolitik nimmt er als Vizepräsident des japanischen Olympischen Komitees teil. Er lächelt tapfer, dieses japanische Lächeln, das auch im Angesicht des Abgrunds nicht erlischt. „Sonst sind wir es, die anderen Ländern helfen“, sagt er. „Wir wissen das Mitgefühl zu schätzen.“ Mizuno war am 11. März in seinem Büro in Tokio. „Ich habe keine Angst vor Erdbeben, aber es hat so lange gedauert, mehr als eine Minute.“ Und dann der Tsunami. „Ein echtes Desaster.“ Und die drohende Atomkatastrophe. Zu diesem Thema hat er eine klare Meinung. „Es wird eine Lösung geben.“ Mizuno zieht ein hastig fabriziert wirkendes Faltblatt aus seiner Tasche, auf dem es unter anderem heißt: „Tokio ist hell und lebendig wie immer.“
Unglücklicherweise, sagt Mizuno, hätten die Eiskunstläufer ihre für 21. März in Tokio geplanten Weltmeisterschaften nicht austragen wollen. „Die ausländischen Athleten wollten nicht kommen.“ Dabei sei das Atomkraftwerk Fukushima weit weg. „Unsere Gefühle sind kompliziert“, erklärt er. „Wir sind dankbar für die großzügigen Botschaften. Aber ich würde am liebsten manchmal sagen: So schlimm ist es auch wieder nicht. Tokio ist nicht tot.“
Alles wie geplant
Bei den Meetings in London wird auch über die Frage diskutiert, was mit den Veranstaltungen geschehen soll, die in den nächsten Monaten in Japan geplant sind. Zumal die japanische Fußball-Nationalmannschaft am Dienstag ihren Verzicht auf die Gastrolle bei der Südamerika-Meisterschaft im Juli erklärt hat. „Bitte nicht absagen“, sagt Mizuno. „Wir heißen Sie mehr als willkommen.“ Die Olympiaqualifikation der Basketball-Frauen Ende August in Nagasaki, die Turn-Weltmeisterschaften im Oktober, der Weltcup der Volleyball-Männer im November in mehreren Städten, ausgenommen den Norden – wenn es nach Mizuno geht, soll all das stattfinden. Es sind die Nicht-Japaner, die sagen, dieses Volk habe zur Zeit andere Sorgen – die Toten, Vermissten, Obdachlosen, die Schäden und die Angst vor der Strahlung. „Bitte sagen Sie den Leuten, wie sicher wir sind“, sagt Mizuno.
Vor den Konferenzräumen in London steht eine Sammelbox, die gemeinsam mit SportAccord, der Dachorganisation der Welt-Sportverbände, und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) dort aufgestellt wurde. Langsam wird sie voller. Die beiden Organisationen haben vor wenigen Tagen beschlossen, ihre Hilfsaktionen zu koordinieren, die vor allem der Rekonstruktion von Sportstätten dienen sollen. Exekutivmitglied Ser Miang Ng aus Singapur ist der Verbindungsmann des IOC. „Er war so nett, uns vor anderthalb Wochen zu besuchen“, sagt Mizuno. Konkrete Projekte sind noch nicht beschlossen. Erwogen wird, Besuche von Sport-Champions in Japan zu organisieren. „Sie könnten Kindern Kurse geben, Autogramme verteilen oder Bäume pflanzen“, meint Mizuno.
Weitere Olympiabewerbung?
Allerdings sind die Zeichen bisher andere: Viele Verbände laden ihre japanischen Freunde zu Trainingslagern im Ausland ein. Hein Verbruggen, Chef von SportAccord, ist sicher, dass den stolzen Japanern mit Mitleidsgesten nicht geholfen ist. „Man muss dort so viel wie möglich stattfinden lassen“, sagt der Niederländer. „Aber es ist schwierig, Athleten zu verpflichten, so lange nicht einmal Flugpersonal nach Tokio fliegen will.“ Sollte sich eine japanische Stadt außerhalb der Gefahrenzone für die von SportAccord ins Leben gerufenen „Artistic Games“ bewerben, den Spielen von Tanzen, Synchronschwimmen, Rhythmischer Sportgymnastik und Kunstradfahren, würde Verbruggen das aber begrüßen.
Auch eine weitere Olympiabewerbung Tokios nach der Niederlage gegen Rio de Janeiro für 2016 ist im Gespräch. Konkrete Pläne können allerdings erst nach den Gouverneurswahlen am kommenden Sonntag gemacht werden – der Wahlsieger wird die Entscheidung treffen. Sie seien, beteuert Mizuno, absolut nicht zu verzweifelt, um über Olympia nachzudenken. „Wir sind das Nationale Olympische Komitee und haben die Aufgabe, die Spiele zu promoten. Natürlich müssen wir über die Bedingungen nachdenken“, sagt er lächelnd. Als nächstens werden die Spiele 2020 vergeben. „Wir haben keine Zeitmaschine“, sagt Mizuno. „Aber im Jahr 2020 könnten wir zeigen, dass wir die Krise überwunden haben.“