02.01.2010 · Doping, Korruption, Kommerz: Der Spitzensport steckt in einer moralischen und ethischen Krise. Muss sich die Kirche stärker einmischen? Norbert Müller, Sportwissenschaftler und Berater des Papstes, spricht über Fairplay, Moral und christliche Werte.
Doping, Korruption, Kommerz: Der Spitzensport, das hat dieses Jahr gezeigt, steckt in einer moralischen und ethischen Krise. Muss sich die Kirche stärker einmischen? Norbert Müller, Sportwissenschaftler und Berater des Papstes, spricht über Fairplay, Moral und christliche Werte.
Haben Sie das Handspiel des Franzosen Thierry Henry verfolgt, mit dem er den Traum der Iren zerstört hat, sich für die Fußball-WM in Südafrika zu qualifizieren?
Ja, ich fand sein Verhalten inakzeptabel, und ich fand auch das Verhalten der Fifa unmöglich. Es hätte entweder ein Wiederholungsspiel geben müssen oder eine andere Form der Entscheidung. Dass die Fifa mit Verweis auf ihr Regelwerk alles von sich weist, wird die Sportgeschichte für lange Zeit verfolgen. Es wurde in vollem Umfang gegen Fairplay verstoßen, ohne dass versucht wurde, dies in Ordnung zu bringen und die Regeln im Sinne der Glaubwürdigkeit gerecht auszulegen. Damit hat die WM 2010 ihren ersten Skandal. Ich finde das alles unglaublich, und ich finde auch, dass die Berichterstattung der Medien, vor allem des Fernsehens, die ethische Position nicht genügend herausgestellt hat, dass der Vorgang viel zu technisch abgehandelt wurde. Stattdessen hätte der Betrüger viel mehr angeklagt werden müssen. Doch mit dem kleinen Irland kann man so umgehen.
Ein anderer Aufreger dieses Jahres: Was können wir aus dem Fall Pechstein lernen?
Claudia Pechstein hat sich taktisch schlecht verhalten. Aber dass eine Athletin, die einmal der Liebling der Nation war, so zur Gehetzten wird, das ist schwer zu akzeptieren. Das ist ein Mensch, der eigentlich erst einmal Kredit verdient. An ihr ein Exempel zu statuieren, ohne dass dies wissenschaftlich völlig abgesichert wäre, halte ich für problematisch. Wenn diese Blutprofile in Zukunft ohne direkten Schuldbeweis für ein Dopingvergehen genommen werden sollen, dann müsste ihre wissenschaftliche Sicherheit absolut gegeben sein, und das ist wohl noch nicht der Fall.
Wie sehen Sie prinzipiell die Siegchancen im Kampf gegen Doping?
Die Dopingproblematik ist in ihrer rasanten Fortentwicklung nicht mehr in den Griff zu bekommen. Wenn wir Gendoping als nächste Stufe anschauen, dann ist das eine kaum vorstellbare Dimension, die man sich ganz deutlich vor Augen führen muss: Ein gen-gedopter Sportler ist als Mensch irreversibel verändert bis in seine Nachkommenschaft - und das ist dann eine grundsätzliche ethische Frage, besonders für die Kirchen. Sie müssten eine ganze Uniklinik marschieren lassen, wenn sie das wissenschaftlich in den Griff bekommen wollten. Der Sport in seiner derzeitigen Struktur ist außerdem mit den Kosten solcher Maßnahmen völlig überfordert. Wir laufen Dingen hinterher, die uns aus der Hand geschlagen worden sind, und wir verteidigen im Namen des Olympismus Werte, die von vielen nur noch als Alibi gesehen werden; sie mit Kindern in der Grundschule einzuüben ist sicher wichtig, die entscheidenden Zielgruppen werden nicht erreicht.
Selbst wenn man das Problem national in den Griff bekommen würde, blieben im internationalen Maßstab immer noch Ungleichheiten. Wie steht es mit globaler Chancengleichheit?
Ich bin sehr pessimistisch. Dieser Weltsportzirkus, der bei Olympia noch halbwegs durch die Breite der Sportarten und das Startrecht aller 205 Mitgliedsnationen des IOC für kurze Zeit eingefangen wird, hat sich verselbständigt. Das Problem ist nicht mehr in den Griff zu bekommen, auch nicht mit einem Heer von Kontrolleuren und Polizisten. Sie müssten eine Durchgriffsmöglichkeit auf internationaler Ebene haben, die nicht einmal Interpol hat. Außerdem beraubt eine solche Totalüberwachung den Sport völlig seines pädagogischen Auftrags, seiner Vorbildwirkung; das Vertrauen der Eltern, die ihre Kinder in die Vereine schicken, wird total zerstört. Nationale Gesetze können nur partiell etwas lösen.
Wenn wir das Drama um Robert Enke betrachten - das letzte Mal, dass in Deutschland am Sterben eines Menschen so viel Anteil genommen wurde, war vermutlich bei Papst Johannes Paul II. Wie ist diese massenhafte Trauer um einen Fußballtorwart zu erklären?
Von meinem religiösen Hintergrund her finde ich das, was da geschehen ist, sehr eindrucksvoll. Dass 40.000 Menschen im Stadion das Vaterunser sprechen und Millionen über Tage so tiefe Betroffenheit und Trauer zeigen, war für mich ein unerwartetes Zeugnis großer menschlicher Anteilnahme der Fußballfans bis in die Öffentlichkeit. Wir haben offenbar noch immer ein gutes Potential an christlich-ethischen Grundwerten, auch wenn wir vom aktiven Gottesdienstbesuch oft einen anderen Eindruck mitnehmen. Und dass wir das haben, macht mich mutig, auch die herausragende Rolle von DFB-Präsident Theo Zwanziger.
Zwanziger hat Sie überzeugt?
Absolut. Wie er sich verhält und äußert, das kennen wir von Sportfunktionären normalerweise nicht. Das gilt für den Tod von Enke genau wie für den Wettskandal. Wenn Zwanziger in der Fifa mehr zu sagen hätte, hätte er die Sache Irland sicher auch anders gelöst.
Auf der einen Seite im System Hochleistungssport zu stecken, also Erfolge zu brauchen, auf der anderen Seite moralisch zu argumentieren, ist das glaubwürdig?
Bei Zwanziger schon. Er hat erkannt, dass der Fußball in unserer Gesellschaft eine Gesamtverantwortung besitzt. Er setzt sich wohltuend von der Liga ab, die ein Teil des Ganzen, aber nicht alles ist, und demonstriert damit die weitergehende Verantwortung des DFB für das Ganze. Man merkt, dass er eine echte christliche Verwurzelung hat. Zwanziger ist ein Glücksfall, in ethischen Fragen vorbildhaft. Er ist für mich der moralische Führer im deutschen Sport, nicht nur der Vorsitzende des größten Einzelsportverbandes der Welt.
Einer der Aufreger des Jahres war der Fall der intersexuellen Caster Semenya, die bei der Leichtathletik-WM in Berlin von den Funktionären vorgeführt wurde.
Das war eine völlig überzogene Pressekampagne. Man wartete in Berlin auf Dopingfälle, bekam keine, und hatte dann diesen Fall. Die Funktionäre hätten das in einer vertraulichen Art erörtern können, vor der WM, aber das haben sie nicht getan. Und dann kam es zur Skandalisierung, man brauchte einen Skandal, auch da muss man die Medien mit ins Boot nehmen.
Sie haben den Wettskandal angesprochen. Welche Gefahr droht dem Sport durch Korruption?
Korruption liegt voll in der Linie, die den Spitzensport in telegenen Sportarten zum Zirkus macht, ihn ins Kalkül von Zirkusdirektoren stellt. Auch der Wettbetrug wird immer weiter verfeinert und ist, wie Doping, auf Dauer nicht zu kontrollieren, da er ein weltweites Netz berührt.
Wenn Kontrolle nicht funktioniert, was soll dann helfen? Moralappelle? Und was kann die Kirche mit ihrem Wertekodex leisten?
Die Kirchen in Deutschland sollten sich deutlich mehr zum Sport äußern, um der Menschen willen. Wir waren im letzten Jahrzehnt zu ruhig, zu angepasst. Die Ebene des Sports war in den Kirchen lange nicht als wichtig genug angesehen worden. Dann hat Johannes Paul II. 2004 eine Arbeitsstelle für den Sport im Laienrat, Abteilung Jugend, eingerichtet. Damit hat er für die katholische Kirche ein starkes Signal gegeben. 2005 gab es das erste vatikanische Sportseminar, und jetzt wird plötzlich in den Bischofskonferenzen der Welt über Sport geredet. Das ist wichtig, denn Sport kann nicht nur ein Massenartikel im Sinne eines Rausches sein, sondern muss auch in Verantwortung und um des Menschen willen geschehen. Denken Sie nur an die fußballverrückten Menschen in Südamerika, von denen der Großteil katholisch ist.
Wie steht der Papst dazu?
Benedikt XVI. wird in diesem Jahr eine umfangreiche Erklärung zum Sport abgeben, fast im Stil einer Enzyklika. Das Papstwort im nächsten Jahr wird deshalb von großer Bedeutung sein. Es wird allen vatikanischen Dienststellen und - was noch wichtiger ist - den Katholiken auf der Welt die pastorale Bedeutung des Themas verdeutlichen.
Sport ist ein globales und auch interreligiöses Phänomen. Wie sehen Sie die Rolle anderer Weltreligionen?
Für mich ist die Frage sehr wichtig: Gibt es von den monotheistischen Weltreligionen einen Grundkonsens im Sinne der Werte des Sports? Wir wollen dieses Thema im November 2010 mit einer Tagung in Mainz anschieben. Wir wollen versuchen, ein gemeinsames weltethisches Verständnis des Sports zu identifizieren, und damit Anregungen geben für die Satzungen der Weltsportverbände und des Internationalen Olympischen Komitees, so dass wir sagen können, hier stehen 3,6 Milliarden Menschen folgender Religionen hinter dieser sportethischen Positionsbeschreibung. Wenn wir das schaffen, lässt es sich nicht ignorieren.
Wird der Sport in seiner Wirkung nicht überschätzt? Wie soll er ideelle Werte in eine Gesellschaft tragen?
Ein wunderbares Beispiel sind die Paralympics 2008 in Peking. In China war der Behinderte noch vor ganz kurzer Zeit ein minderwertiger Mensch, der irgendwo versteckt lebte. Nicht von ungefähr sind 80 Prozent der Waisenhauskinder in China behinderte junge Menschen, weil viele Einkind-Familien behinderte Kinder abschieben, um damit die Chance zu haben, eine zweites, gesundes zu bekommen. Dann kamen die Paralympics. Sie haben das Bild der behinderten Menschen in der chinesischen Gesellschaft völlig verändert.
Inwiefern?
Die Chinesen erkannten ihre Gastgeberrolle und damit die Imagepflege gegenüber dem Ausland, und sie erkannten auch die Möglichkeit der Selbstdarstellung durch paralympische Medaillengewinne. Sie folgten dieser Chance und machen die Paralympics zu einem großen Publikumserfolg. Dadurch und durch die Liveübertragung im Fernsehen zeigten sie der chinesischen Gesellschaft, die vom dialektischen Materialismus geprägt den Behinderten nicht als Produktivmittel wahrnahm, diesen plötzlich in einer völlig anderen Bewertung. Der Sport hatte es geschafft, dass eine 1,3-Milliarden-Nation die Gleichheit von behinderten und nicht behinderten Menschen zumindest indirekt anerkennt. Deshalb sind für mich 2008 die Paralympics das überragende Ereignis des Jahres gewesen - sowohl im Sinne der Menschlichkeit als auch der christlichen Anthropologie.
Welche Herausforderungen sehen Sie auf die olympische Bewegung zukommen? Wie soll sich das IOC zwischen Kommerz und Olympismus positionieren?
Als 1990 die Grundlagenartikel der IOC-Satzung neu geschrieben wurden, haben wir den Begriff „Menschenwürde“ eingeführt. Dieser Begriff hat am Beispiel China und dem Fackellauf nach Peking enorm viel an Außenwirkung ausgelöst. Das IOC muss sich in Zukunft auch an Fragen der Menschenrechte messen lassen. Es hat vor vier Wochen von den Vereinten Nationen den offiziellen UNO-Beobachter-Status bekommen, das heißt, das IOC sitzt bei den UN mit auf der Bank in der Generalversammlung und in den Ausschüssen. Wenn IOC-Präsident Rogge, was er angekündigt hat, Organisationen wie Greenpeace, Human Rights Watch oder Amnesty International in die Planung zukünftiger Olympischer Spiele einbindet, dann ist er einen gewaltigen Schritt gegangen. Beim Olympischen Kongress in Kopenhagen Anfang Oktober war Human Rights Watch bereits vertreten, das tat der Veranstaltung gut.
Golf und Rugby sind als neue Sportarten ins Programm aufgenommen worden - warum schaffen es die Olympier nicht, Sportarten aus der Jugendkultur einzubinden?
Weil die Leute, die das entscheiden, zu traditionell denken, und weil sich alle olympischen Sportarten zunächst selbst erhalten wollen. Ich nehme an, das wird schon bald aufbrechen. Man wird die Diskussion führen müssen. Olympia braucht neue und junge Sportarten. Die ersten Olympischen Jugendspiele im Sommer 2010 in Singapur werden hierfür Schrittmacher sein.
An welche denken Sie?
Skateboarden zum Beispiel, mehr Surfdisziplinen, Eisklettern oder ganz einfach Bouldern. Es ist eine Tatsache, dass sich die Jugendkultur radikal verändert hat, und in der Folge wird sich auch der Sport radikal verändern. Es gibt aber auch eine Sehnsucht, Sport mit Spaß und Geschicklichkeit zu betreiben. Wenn Sie Breakdancern zuschauen, es ist phantastisch, was die leisten. Auch das ist eine Form des Sports, an der wir auf Dauer nicht vorbeikommen werden. Wenn Sie die in Westafrika tief verwurzelte Ringkampftradition anschauen, gibt es noch viele unentdeckte Bewegungskulturen. Die Frage ist aber: Macht man mit Medaillenvergaben einen solchen Sport kaputt? Es gibt viele Beispiele aus verschiedenen Kulturkreisen, die zeigen, dass eine Bewegungsart ihre Seele verliert, wenn sie plötzlich nach Punkten betrieben wird. Daher sind nicht alle für Olympia geeignet.
Wenn man sich ein Champions-League-Spiel im Fußball anschaut, dann erinnert vieles an kirchliche Rituale. Was halten Sie vom Sport als sakraler Inszenierung?
Offenbar gibt es ein Bedürfnis der Menschen nach solchen Ritualisierungen, deshalb werden ja auch bei jedem kleinen Boxkampf Hymnen gespielt, und Rauchmaschinen dampfen, das kennen die Jugendlichen alles aus der Disco. Es geht bei dieser pseudosakralen Ummantelung von Sportereignissen um die Erzeugung von Emotionen. Der Hochleistungssport hat sich auf den Weg gemacht, ein Religionsersatz zu werden. Das ist für mich ein Problem.