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Sport und Menschenrechte : „Politik und Sportverbände müssen Pressefreiheit einfordern“

Dass Olympia 2008 China zu einem besseren Land gemacht hat, ist nicht gerade mehrheitsfähig Bild: picture-alliance/ dpa

Imke Dierßen, Abteilungsleiterin bei Amnesty International, im Gespräch über die Verantwortung von Sportfunktionären und die Erwartungen an einen möglichen IOC-Präsidenten Thomas Bach.

          Stellt sich bei Sportveranstaltungen in Ländern, die Menschenrechte verletzen, grundsätzlich die Frage: Boykott oder Wandel durch Annäherung?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Wir als Menschenrechtsorganisation halten nicht viel von Boykott. Das würde die Lage in einem solchen Land nicht verbessern. Wir glauben, dass eine Veranstaltung wie die Fußball-Weltmeisterschaft die Aufmerksamkeit auf ein Land lenkt. Das sollte genutzt werden, die Menschenrechtsfrage anzusprechen.

          Andererseits müssen wir dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) widersprechen: Allein durch die Spiele, das hat Peking 2008 gezeigt, verbessert sich die Lage der Menschenrechte nicht. Ganz im Gegenteil muss man feststellen, dass sich die Gangart Chinas gegen Menschenrechtler verschärft hat.

          Im Vorfeld und während der Spiele gab es Menschenrechtsverletzungen. Wir hätten uns deutlichere Äußerungen des IOC gewünscht und auch des Deutschen Olympischen Sportbundes.

          Sind Sie einverstanden mit der Vergabe von Sportveranstaltungen in solche Länder, wenn die Verbände sich anschließend politisch äußern oder wenigstens politische Äußerungen zulassen?

          Verbände haben die Möglichkeit, bereits bei der Vergabe entlang von überprüfbaren Menschenrechtskriterien Einfluss auf Regierungen zu nehmen und zu verlangen, dass sich die Menschenrechtslage verbessert. Man muss sich schon überlegen, an welches Land man die Spiele vergibt.

          China hatte sich in seiner Bewerbung verpflichtet, die Menschenrechtssituation zu verbessern. Als China dies nicht tat, hat das IOC versäumt, sich zumindest deutlich dazu zu äußern. Wir erwarten, dass Verbände dies in Zukunft tun und dass sie Sportlern keine Maulkörbe verpassen; viele haben eine kritische Haltung, fürchten aber, dass eine Äußerung als Regelverletzung gilt.

          Es gab während der Fußball-Europameisterschaft die Diskussion, ob Politiker in die Ukraine reisen sollen oder besser zu Hause bleiben.

          Wenn sie reisen, sollten sie sich auch deutlich äußern. Sie sollten politische Gespräche führen und sich für die Menschenrechte einsetzen. Wir schauen durchaus kritisch auf die Eishockey-Weltmeisterschaft in Weißrussland im nächsten Jahr, auf die Winterspiele 2014 in Sotschi und auf Brasilien, wo die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 stattfinden werden.

          Dort haben wir dokumentiert, dass es immer wieder zu rechtswidrigen Zwangsräumungen kommt. Um städtische Infrastrukturprojekte umsetzen zu können, werden Familien aus ihren Häusern und Wohnungen vertrieben. Sie werden in abgelegene Gegenden umgesiedelt; zum Teil ist die Sicherheitslage dort kritisch. Wenn die Menschenrechte verletzt werden, weil ein solches Sportereignis stattfindet, sind die Sportfunktionäre in einem gewissen Maß mit verantwortlich.

          Können Sportveranstaltungen Demokratie und Menschenrechte befördern?

          Ein Automatismus ist das auf keinen Fall. Wir haben das bei den Olympischen Spielen in China gesehen: Chinesische Journalisten sind gegängelt worden in ihrer Berichterstattung. Pressefreiheit ist eine Grundvoraussetzung für Demokratie.

          Das hat sich nicht automatisch geregelt in China. Das müssen die Politik und auch die Sportverbände einfordern, am besten vor und während der Veranstaltung. Dann ist die Aufmerksamkeit am größten.

          Sind Sportveranstaltungen attraktiver geworden für Despoten, oder hat sich seit Adolf Hitler und den Olympischen Spielen von 1936 nichts verändert?

          Regierungen betreiben einen enormen Aufwand, um sich mit Großveranstaltungen gut darzustellen. Sotschi wird Winterspiele in einem Ort abhalten, der nicht sehr winterlich ist, noch dazu am Rand des Nordkaukasus, wo es immer wieder Probleme mit der Sicherheit gegeben hat, wo Menschen umgekommen sind und wo Menschen umkommen. Russland erweckt den Eindruck, dass es sich mit diesen Spielen schmücken will.

          Da wird Imagepflege betrieben. Das ist nicht anders als in Bahrein, wo politische Proteste niedergeknüppelt werden und wo Menschen für kritische Äußerungen ins Gefängnis geworfen werden. Eine solche Regierung glaubt, dass Protest und Kritik dem Image ihres Landes schadet und ein Formel-1-Rennen dem Image guttut. Die Länder verpflichten große Werbeagenturen, damit das auch alles wirkt.

          Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, will im September Präsident des IOC werden. Verbinden Sie mit seiner Person Erwartungen?

          Wir kennen ihn aus der Zeit der Olympischen Spiele in Peking. Wir haben Gespräche mit ihm geführt, weil wir nicht nur vom IOC, sondern auch vom deutschen Verband gefordert haben, sich kritisch zur Menschenrechtslage in China zu äußern.

          Wir hatten uns mehr erhofft. Herr Bach kennt die Lage. Wir fordern ihn auf, sich als Präsident des IOC deutlicher für die Menschenrechte in den Ländern auszusprechen, in denen Spiele stattfinden, sich kritisch zu äußern und den Konflikt mit den Regierungen nicht zu scheuen.

          Warum sind Sie bei der Anhörung des Sportausschusses zum Umgang mit Menschenrechtsverletzungen nicht dabei?

          Die Frage kann ich nicht beantworten. Ich kann nur sagen, dass wir das bedauern. Wir hoffen, dass der Sportausschuss bei anderer Gelegenheit auf uns zukommt, denn mit einer Anhörung ist das Thema nicht umfassend behandelt.

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