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Sport-Kommentar : Mehr Risiko

Bewegungs-Erfolge von gestern: in London haben die deutschen Athleten noch mal ganz gut abgeschnitten Bild: AFP

Wir ergötzen uns an Risiken, wollen aber keine eingehen. Wir fordern Medaillen, fördern aber keine Talente. Dabei braucht Deutschland angemessene Bewegungsförderung und flächendeckend gute Trainer, um voran zu kommen. Das muss der Vorsatz für 2013 sein.

          Wir ergötzen uns an Risiken - der anderen. Am Samstag an den aberwitzigen Kurvengeschwindigkeiten der Abfahrtsläufer in Bormio, am Sonntag an den Flügen der Skispringer. Oder wir berauschen uns tagelang an dem irrsinnigen Fallrückzieher des Zlatan Ibrahimovic, vielleicht in einem kleinen Zirkel sogar am phantastischen Spiel des französischen Stabhochspringers beim olympischen Finale in London. Erst mal die Höhe gerissen, die nächste ausgelassen, alles auf eine Karte gesetzt und dann auf den Olymp geschwungen.

          2012 gab es wieder Tausende dieser spannenden Momente. Augenblicke, in denen Athleten den Absprung wagten, ohne genau zu wissen, wo sie landen werden. Wie diese Parkour-Läufer, die hinausgeturnt sind aus den Sporthallen in die Städte, wo sie tun, was uns seit je her bewegt und voranbringt: grotesk große Hindernisse, Abgründe elegant überwinden, allein mit Händen und Füßen. Athleten haben 2012 gezeigt, was Menschen möglich ist. Dafür mussten sie Risiken eingehen.

          Aber was ist dieser Mut noch wert in unserer Gesellschaft? Nämlich etwas mit vollem Herzen zu betreiben, was zweckfrei erscheint, allenfalls unterhält? Wenn wir doch unsere Kinder wie Sprinter mit Scheuklappen auf einer Geraden möglichst zum Abitur und dann schleunigst in die Erwerbstätigkeit jagen. Der Schritt, auszuscheren, erscheint unter diesen Umständen als Dummheit. Weil die Lebensrechnung angeblich nicht mehr aufgeht: Der Spitzensportler riskiert, wenn er nicht gerade Fußballprofi ist, noch vor seiner Gesundheit bei der Landung nach dem geschraubten Doppelsalto seine Ausbildung, seinen Beruf, also seine Zukunft.

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          Können wir unter diesen Umständen guten Gewissens zum Hochleistungssport raten? Es ist schon schwer genug, sich für Olympische Spiele zu qualifizieren. Wenn wir, wie Umfragen angeblich belegen, unbedingt Goldmedaillen wollen, wenn wir, wie Politiker behaupten, Siege für die Repräsentation unseres Staates nutzen, wenn Spitzensport Teil einer Leistungskultur sein soll: Warum suggeriert diese Gesellschaft dann ihren Sportlern, dass sie eigentlich nur verlieren können?

          Der Trainerberuf genießt kein Ansehen

          In London haben sie noch einmal gewonnen. Aber diese Leistungen kaschieren eklatante Schwächen. Obwohl Pädagogen seit Jahrzehnten den Einsatz von guten Trainern bei Kindern empfehlen, ist das Gegenteil eingetreten. Denn der Beruf genießt kein Ansehen, die Honorierung gleicht einem Hungerlohn. Also treibt es die Besten ins Ausland oder aus dem Beruf. Der organisierte Sport vermochte es nicht, diesen Trend zu stoppen. Genauso wenig war er in der Lage, Kultusministerien von der Bedeutung des Sports für die Entwicklung des Gehirns zu überzeugen. Auf die bewiesene Korrelation zwischen körperlicher und geistiger Beweglichkeit hat es keine ausreichende Reaktion gegeben.

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          Deutschland braucht dringend eine angemessene Bewegungsförderung vom Kindergarten bis zum Abitur, flächendeckend gute Trainer. Das muss das Ziel der deutschen Sportpolitik für 2013 sein. Es wird nur erreichbar sein, falls Konzepte bundesweit entwickelt werden und falls der organisierte Sport bereit ist, notfalls seinen Willen auf der Straße zu demonstrieren. Das ist nicht der Stil des diplomatischen Sportchefs in Deutschland, Thomas Bach. In dieser Hinsicht entstünde vielleicht kein Schaden, falls der Fecht-Olympiasieger im September zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees gewählt würde und sich aus Deutschland zurückzöge. Der drohende Kampf mit der Kultur um Ansehen und Förderung wird die Sportpolitik zu einer offensiven Strategie zwingen, zum Wechsel vom Florett auf den Säbel.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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          Quelle: F.A.Z.

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