08.12.2011 · Schalke 04 darf mit Werbung für Glücksspiel Geld verdienen, in Berlin verbietet es der Fußballverband: Ein kurioser Streit verzerrt den lukrativen Wettbewerb um Sponsoren im Sport.
Von Michael AshelmHinter dem VfB Lübeck liegen schwere Zeiten. Der einstige Fußballzweitligaklub, 2004 sogar im Halbfinale des DFB-Pokals, stand kurz vor der Auflösung. Vor drei Jahren konnte nur ein Insolvenzverfahren die überschuldeten Lübecker noch retten, seither fristet der Verein sein karges Dasein in den professionellen Niederungen. Dass plötzlich Hoffnung aufkommt, liegt an einem neuen Sponsor, der eine Viertelmillion Euro investiert, was viel Geld ist für einen Abstiegskandidaten in der Regionalliga.
Das Unternehmen aus der Glücksspielbranche hat dafür das Namensrecht an der Spielstätte des VfB erhalten, die fortan „PokerStars.de-Stadion an der Lohmühle“ heißt. Der Geschäftsstellenleiter des Fußballvereins, Florian Möller, kann das Glück noch gar nicht fassen und freut sich über den „warmen Regen“.
Eigentlich dürfte er die Hilfe gar nicht annehmen, wenn nicht ein politisches Kuriosum die Partnerschaft möglich machte. Im Ringen um einen neuen Glücksspielstaatsvertrag, der vom nächsten Jahr an in Deutschland gültig sein soll, hatte sich Schleswig-Holstein im Lauf der zähen Verhandlungen mit den anderen 15 Bundesländern selbständig gemacht und von der Europäischen Kommission einen eigenen Vorschlag notifizieren lassen. Der sieht die weitgehende Auflösung des staatlichen Monopols vor - und vor allem eine sehr weitreichende Öffnung des so lukrativen Sportwettenmarktes.
Bis Ende des Jahres darf in Deutschland nur der staatliche Anbieter Oddset mit seinen wenig attraktiven Quoten aktiv werden, weshalb seit Jahren mehr als 95 Prozent des Milliardenumsatzes hierzulande über Internetanbieter im Ausland läuft - vorbei an der Steuer. Die in Kiel auf Vorstoß der CDU/FDP-Landesregierung beschlossene Liberalisierung macht den Standort Schleswig-Holstein besonders interessant für die privaten Glücksspielunternehmen, um ganz legal den Fuß in den deutschen Markt zu bekommen. Für ihre Produkte müssen sie dann natürlich werben - und so ist auf Seiten des Sports mit dem Blick aufs Geld schon vom neuen Dorado im hohen Norden die Rede.
Nicht nur die Kicker in Lübeck können sich freuen. Gerade meldete der deutsche Handball-Rekordmeister THW Kiel den Abschluss eines Sponsorenvertrages mit dem europäischen Marktführer für Sportwetten Bwin, der von 2012 an für alle sichtbar auf der Kleidung der Spieler, auf Banden und dem Boden der Ostseehalle zu sehen sein wird und dafür eine sechsstellige Summe zahlt. Auch der Rivale SG Flensburg-Handewitt verhandelt gerade mit dem Anbieter Bet-at-Home über ein großes Werbepaket. Und damit soll es nicht genug sein. „Wir prüfen weitere Sponsorenabschlüsse in Schleswig-Holstein“, heißt es bei Bwin. Betfair, die größte Wettbörse der Welt, bestätige ebenfalls Gespräche mit Sportveranstaltern.
Hardliner im Rest der Republik, speziell aus den staatlichen Lottogesellschaften, versetzen die Situation in Alarmstimmung. Sie verteidigen das alte Recht und führen dabei den Schutz vor Spielsucht an. Vor allem aber machen sie sich Sorgen um den Verlust ihrer Pfründe. Einige wollen sogar Netzsperren für die neuen Wettangebote im Internet einsetzen und Schleswig-Holstein hier abschotten. Sie fühlen sich massiv getroffen von der Nord-Offensive der privaten Konkurrenz. Diese wiederum erhöht damit den Druck auf die Politik. Denn noch wird gestritten.
Die 15 übrigen Ministerpräsidenten haben einen eigenen Entwurf für einen neuen Glücksspielstaatsvertrag. Der sieht zwar ebenso eine Öffnung vor, allerdings mit einer willkürlich begrenzten Zahl von Konzessionen für Sportwettenanbieter, anderen Einschränkungen und werblichen Verboten sowie einer umstrittenen steuerlichen Behandlung. Aus Sicht privater Anbieter handelt es sich um eine „Pseudoöffnung“. Die Europäische Kommission hat schon ihre Bedenken mitgeteilt und die erste Ablehnung formuliert. Zugleich hat das Unternehmen Betfair zum zweiten Mal Beschwerde in Brüssel gegen den Entwurf des Glücksspiel-Staatsvertrags der 15 Bundesländer eingelegt.
Der Kampf der Lobbygruppen geht weiter. Am nächsten Donnerstag treffen sich die Ministerpräsidenten noch einmal, um sich vielleicht doch noch mit Schleswig-Holstein einigen zu können. Wenn dies nicht gelingt, gäbe es in Deutschland im nächsten Jahr bei Glücksspiel, Wetten und der Werbung im Sport erst einmal zwei verschiedene Rechtsgebiete. Je nach dem, wo ein Verein seinen Sitz hat, würden sich damit auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten unterscheiden. Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga, hofft noch auf einen Konsens, sonst aber entstünden „Ungerechtigkeiten“.
Die Politik hat eine abstruse Entwicklung zur Folge, die schon jetzt zu Wettbewerbsnachteilen führt. Elf von 18 Klubs in der Fußball-Bundesliga werben derzeit offen für private Sportwettenanbieter. Rechtlich ist das nicht abgesichert und eigentlich illegal. Doch die Verwirrung um den auslaufenden Glücksspiel-Staatsvertrag treibt ihre Blüten. Die Behörden kommen in vergleichbaren Fällen zu unterschiedlichen Ergebnissen. So können Hoffenheim, Freiburg oder Schalke für Glücksspiel werben und daraus Sponsoreneinnahmen generieren, Leverkusen wurde das Werben für die Firma „Tipico“ untersagt. Die zuständige Bezirksregierung in Düsseldorf stellte sich quer. Beim Heimspiel gegen Hoffenheim präsentierte Bayer dann die Firma „Bet 3000“ als Werber an der Bande.
Dem Berliner Oberligaklub Türkiyemspor wurde Trikotwerbung mit der Wettbörse Betfair vom Berliner Fußballverband verboten - wohl auf Druck der Landeslottogesellschaft. Dagegen hat der FC Bayern seine bestehende Partnerschaft mit Bwin gerade wieder unproblematisch aktiviert. So stehen die Werbebanden nun widerspruchslos im Fußballstadion und in der Basketballhalle in München. Der Sport probiert es aus. „Wir haben unseren Klubs gesagt, dass sie ihre Zurückhaltung aufgeben können“, sagt Jan Pommer, Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga. Ob noch Frieden einkehrt im Glaubenskrieg um Glücksspiel und Sportwetten, ist sehr fraglich. Nicht nur Pessimisten gehen in der nächsten Zeit eher von neuen Konfrontationen aus - mit Zwangsgeldern und juristischen Verfahren, sogar vor dem Europäischen Gerichtshof.
All in
Oliver Mättig (O.Maettig)
- 09.12.2011, 17:39 Uhr