24.10.2006 · Skilangläuferin Evi Sachenbacher-Stehle galt jahrelang als strahlendstes Gesicht des Verbandes. Doch die Staffel-Olympiasiegerin von 2002 ist angegriffen. Vor allem bei einem Thema: ihrer Schutzsperre bei den Olympischen Winterspielen in Turin und den bis heute spürbaren Folgen.
Von Jörg HahnDer Rahmen war wie eine Showbühne bereitet. Bei der traditionellen Einkleidung der Nationalmannschaften des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) hatte Gastgeber Adidas in Herzogenaurach an nichts gespart, selbst Vorstandschef Herbert Hainer war gekommen. Und auch andere Sponsoren wie Bogner und Audi gaben ihr Bestes. Skilangläuferin Evi Sachenbacher-Stehle galt jahrelang als strahlendstes Gesicht des Verbandes. Doch in Herzogenaurach lief die Staffel-Olympiasiegerin von 2002 wie Falschgeld herum. Auf Fragen antwortete sie mit noch dünnerer Stimme als gewohnt, ihre Augen flackerten unruhig. Vor allem bei einem Thema: ihrer Schutzsperre bei den Olympischen Winterspielen in Turin und den bis heute spürbaren Folgen.
Evi Sachenbacher hatte im Februar wegen eines Hämoglobinwerts im Blut von 16,4 Gramm pro Deziliter (bei einem Grenzwert von 16,0) ihr Lieblingsrennen und damit eine große Medaillenchance verpaßt. Von umgehender Abreise und sofortigem Karriere-Ende war damals die Rede. Evi Sachenbacher bestätigt das heute: "Mein Kopf war zu, ich wollte nicht mehr." Man nahm sie in den Arm, sprichwörtlich und auch praktisch. Die Nähe zu den Teamkolleginnen und zu Bundestrainer Jochen Behle wuchs. Irritationen, weil Evi Sachenbacher manchen Sonderweg für sich beanspruchte, wurden in der Not beiseite geschoben. Schließlich holte die Staffel, mit ihr, in Turin noch die Silbermedaille.
Auch die Rennen nach Olympia liefen ganz ordentlich für die bald 26 Jahre alte Oberbayerin aus Reit im Winkl. Sie faßte neuen Mut. Doch das monatelange Warten auf einen Entscheid des Internationalen Skiverbandes (FIS) über den DSV-Antrag, Evi Sachenbacher aufgrund eines vermuteten genetischen Defekts bei künftigen Blutkontrollen einen höheren Wert zuzugestehen, zehrte weiter an ihren Nerven. Noch am Freitag sagte sie: "Das Ganze habe ich noch nicht verdaut. Es macht mir weiterhin ziemlich zu schaffen. Die Situation ist nicht so einfach, speziell wenn ich zu Wettbewerben oder Training in die Höhe gehe, wo der Hämoglobinwert steigt. Ich bin machtlos und habe immer die Furcht, nicht starten zu dürfen."
Im Sommer stellte sie sich Belastungstests der FIS - ohne das gewünschte Resultat, wie man nun weiß. Bundestrainer Behle zügelt in der Sache sein Temperament und unterwirft sich der DSV-Linie, den Weltverband nicht zu schelten. In Turin war Behle einer der schärfsten Kritiker der Bluttests und anderer, aus seiner Sicht überzogener Anti-Doping-Maßnahmen gewesen. "Für die Mannschaft ist die Situation eindeutig eine Belastung. Es ist nervig, daß der Sport uninteressant wird und es nur noch um Blutwerte geht", sagte Behle in Herzogenaurach. Aktuell sagt er nichts mehr. Der DSV prüft die Begründung und äußert sich ebenfalls vorerst nicht. Mögliche gerichtliche Schritte sind reine Spekulation. In Turin hatte der DSV für Evi Sachenbacher vor dem Internationalen Sportgerichtshof vergeblich für die Aufhebung der Schutzsperre geklagt.
"Speziell für Evi ist das schlimm. Da wird von Doping geredet, obwohl sie bei Olympia nur eine Schutzsperre bekommen hat, die damit überhaupt nichts zu tun hat", sagte Behle vergangene Woche. "Alle deutschen Skilangläufer sind sauber." Den ominösen Wert von Evi Sachenbacher schreibt Behle vor allem der besonderen Trainingsform zu - einer sogenannten Höhenkette mit mehreren Aufenthalten in verschiedenen hochgelegenen Regionen als Vorbereitung auf die Rennen in den Turiner Bergen. "Das ist nun eben zu berücksichtigen. In dieser Saison kommt es ohnehin nicht vor." Daß seine Athletin gehemmt sei, seine Maßnahmen ständig hinterfragen, gar in Zweifel ziehen könnte, all das bestreitet Behle nicht. Evi Sachenbachers Psyche dürfte angegriffen, das Leistungsvermögen beeinträchtigt sein. Ihr Talent ist überragend, aber mentale und gesundheitliche Probleme haben ihr schon oft zu schaffen gemacht.
Behle bedauert diese Entwicklung. Er hatte sich so viel davon versprochen, daß sich sein Verhältnis zu der Athletin und zu deren als harsch wie hart bekanntem Privattrainer Wolfgang Pichler deutlich gebessert hatte. Um Pichler baut man gerade eine starke Trainingsgruppe auf. Der gewünschte Schub für Evi Sachenbacher könnte nun ausbleiben, sogar ein Rückschritt ist möglich. "Ich bin sauber, Doping wäre mit meinem Gewissen nicht zu vereinbaren", versichert die Läuferin immer wieder. Doch den Schatten, den "Mist von Turin", wie sie es nennt, wird sie jetzt erst recht nicht mehr los (siehe Kommentar auf dieser Seite).