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Olympia-Ausschluss : Der Professor hat den Schwarzen Peter

Rivalen der Sportpolitik: 2012 konnten IAAF-Präsudent Sebastian Coe (l.) und IOC-Chef Thomas Bach noch gemeinsam lachen Bild: Picture-Alliance

Vor kurzem stand IAAF-Präsident Coe das Wasser noch bis zum Hals, jetzt gilt er in der Russen-Frage als Kämpfer für Gerechtigkeit. IOC-Chef Bach steht dafür als Verhinderer da.

          Vielleicht ist dies die Geschichte vom Ende einer 35 Jahre währenden Freundschaft. Die Verbindung zwischen Thomas Bach, heute Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), und Sebastian Coe, Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), begann 1981 in der neuen, vom Pioniergeist beseelten IOC-Athletenkommission. Die beiden jungen Olympiasieger, der Deutsche im Fechten und der Brite über 1500 Meter, starteten damals ihre brillanten Karrieren als Sportfunktionäre. Heute sind sie 62 und 59 Jahre alt und haben eine Menge Probleme. Mindestens eines haben sie gemeinsam: die Russen-Frage. Aber das verbindet die beiden nicht. Im Gegenteil.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Wieso? Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden: Coe stand bis vor kurzem das Wasser bis zum Hals - im Skandal um systematisches, womöglich staatlich orchestriertes Doping in Russland wird ihm zumindest Mitwisserschaft vorgeworfen. Außerdem komplizenhafte Nähe zu seinem Vorgänger Lamine Diack und dessen Sohn Papa Massata, die diesen Missstand auch noch ausbeuteten, indem sie Sportler mit positiven Doping-Tests um Geld erpressten - ein schmutziges Geschäft, das alle Prinzipien des Anti-Doping-Kampfs auf den Kopf stellt. Bach dagegen hat keine direkte Verbindung zu diesen Vorgängen. Coe müsste in diesem Punkt also eigentlich unter Beschuss stehen und Bach nicht.

          Der gute Präsident

          Doch Coe ist es gelungen, innerhalb weniger Tage das Bild zu drehen. Heute steht er in der Öffentlichkeit als der gute Präsident da, Bach dagegen als Lavierer. Coe als Kämpfer für Gerechtigkeit, Bach als Verhinderer. Ein glänzendes Manöver von Coe auf Bachs Kosten. Ginge es nicht um Sportpolitik, müsste man sagen, „Shakespeare“ und „der Professor“, wie Coe und Bach einander einst nannten, spielten Schwarzer Peter.

          Die unangenehme Karte trägt in diesem Spiel das Bild einer Russin. Das der neuen Ikone des Anti-Doping-Kampfes, der Kronzeugin gegen das skrupellose russische Betrugssystem, der 800-Meter-Läuferin Julia Stepanowa. Sie hat zusammen mit ihrem Mann Witalij entscheidende Belege für die üblen Machenschaften in ihrem Land geliefert und damit einen der größten Doping-Skandale der Sportgeschichte publik gemacht. Zum Ausgleich, so der große mediale Konsens zumindest außerhalb Russlands, sollte sie nun Startrecht bei allen Veranstaltungen bekommen - und all die ins russische System eingebundenen Athleten natürlich nicht.

          Lord Sebastian Coes Leichtathletik-Weltverband führte zu diesem Zweck eigens eine Regel ein. Er verlängerte zwar die bereits zuvor ausgesprochene Suspendierung des russischen Verbandes über Rio hinaus. Doch für Athleten, die wie Stepanowa im Ausland leben und dort regelmäßig getestet worden sind, gibt es eine Ausnahmeregelung. Sie können auf Antrag zugelassen werden und unter neutraler Flagge starten. Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften vom 6. Juli an in Amsterdam wird Stepanowa auf diesem Weg wohl laufen können.

          Für das IOC kommt ein Ausschluss nicht infrage

          Doch bei Bachs IOC ist das anders. Um so zu verfahren wie die Leichtathletik und nachweislich „saubere“ Russen unter neutraler Flagge starten zu lassen, hätte das IOC das komplette Russische Olympische Komitee (ROC) von den Spielen ausladen müssen. Diese Möglichkeit schien nicht in Frage zu kommen angesichts unabsehbarer politischer und wirtschaftlicher Folgen. Selbst der altgediente kanadische Anti-Doping-Kämpfer Richard Pound nannte das die „nukleare Option“.

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          Also legte am vergangenen Dienstag ein Gremium aus Sportführern, das unter dem Begriff „Olympischer Gipfel“ zusammenkam, fest, dass man das ROC nicht ausschließen werde, sondern jeder einzelne russische Athlet sich von seinem Fachverband auf seinen Doping-Status überprüfen lassen muss. Das ROC, so hieß es, stehe nicht unter Verdacht, am russischen Doping-System beteiligt zu sein. Dazu wurde ein Satz aus dem Bericht der Task Force angeführt, die für die IAAF den Fall untersucht hatte. Darin wird die engagierte Mitarbeit des ROC gelobt. Das Zitat wurde übernommen mit Einverständnis von IAAF-Präsident Coe, der beim Gipfel mit am Tisch saß und damit dem IOC ein wichtiges Argument lieferte, um das ROC nicht ausschließen zu müssen.

          Start unter olympischer Flagge

          Die Sperre der russischen Leichtathleten durch den Weltverband mitsamt ihrer Ausnahmereglung für „saubere Russen“ wurde zwar einstimmig akzeptiert, nachdem ROC-Chef und IOC-Mitglied Alexander Schukow wegen Befangenheit die Runde verlassen hatte. Aber ohne den Zusatz „neutrale Flagge“. Solange das ROC - wenn auch unter Auflagen - Athleten entsenden darf, kann nach den Regeln kein russischer Athlet unter einer neutralen Flagge starten, sondern nur unter der Landesflagge. Laut Olympischer Charta haben nur die Nationalen Olympischen Komitees das Recht, Sportler für die Spiele zu nominieren, es sei denn, sie sind suspendiert, wie zurzeit Kuweit.

          Dann werden die betreffenden Sportler eingeladen, unter der Olympischen Flagge zu starten. Die Mitglieder des Flüchtlings-Teams, das auch unter Olympischer Flagge antreten darf, müssen vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR anerkannt sein. Im Fall Stepanowas, die zwar in die Vereinigten Staaten ausgewandert, aber kein offizieller Flüchtling ist, sieht der Fall darum so aus: Die Kronzeugin, im eigenen Land als Lügnerin und Verräterin gebrandmarkt, müsste vom ROC für Rio gemeldet werden. Das würden die wütenden Funktionäre aber niemals tun. Das heißt: Sie ist raus, es sei denn, Bach ist bereit, einen eigenen Status für sie zu entwickeln.

          Allerdings hätte das IOC große Probleme, Stepanowa unter dem Banner mit den fünf Ringen zur Eröffnung einlaufen zu sehen. Schließlich war sie einst gedopt, war zum Beispiel bereit, ihren eigenen Urin einzufrieren, um ihn eventuellen Kontrolleuren in betrügerischer Absicht statt der aktuellen Körperflüssigkeit zu präsentieren. Erst als sie erwischt und gesperrt war, packte sie zunächst gegenüber der Welt-Anti-Doping-Agentur, und als diese nicht reagierte, gegenüber dem WDR aus. Jede Annäherung an ihre alten Bestleistungen muss zudem mit Misstrauen beobachtet werden. Schließlich bescheinigte ihr der russische Doping-Arzt Sergej Portugalow, die „Hilfsmittel“ hätten bei ihr gewirkt, als ob man ihr „einen Turbo verpasst“ hätte.

          Und jetzt? Jurist Bach spielt auf Zeit. Wird er noch eine Lösung präsentieren? Oder würde Stepanowas Start in Rio womöglich seine ganze Russen-Konstruktion gefährden? Sebastian Coe schaut interessiert zu: „Wir sorgen für die Startberechtigung“, sagte er der Nachrichtenagentur AP: „Es liegt am IOC, einzuladen. Da ist nichts Kompliziertes dabei.“

          Quelle: F.A.Z.

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