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Schulen des Sports : Eliten und Nieten

Über Frankfurt nach London: die frühere Elite-Schülerin Betty Heidler Bild: dpa

Seit Olympia steht die Spitzensportförderung in Deutschland zur Diskussion. Der DOSB stellt nun dem Gros der Eliteschulen des Sports ein miserables Zeugnis aus. Diese Überprüfung wiederum halten Kritiker für eine Farce.

          Im Sommer ist der Leiter der Carl-von-Weinberg-Schule aus allen Wolken gefallen: Mindestpunktzahl nicht erreicht, stand in der Auswertung des DOSB für die Eliteschule des Sports in Frankfurt. „Ich war geschockt“, sagte Wolfram Waltemathe am Donnerstag: „Wir sind als Schule super aufgestellt. Wir hatten vier Ehemalige bei den Spielen in London, darunter Betty Heidler, Bronzemedaillen-Gewinnerin im Hammerwerfen. Es kam bei der Bewertung auch auf die Zahl der Kaderangehörigen in einer Schule an. Da sind einige statistische Angaben wohl nicht durchgekommen.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Das Urteil aber steht fest: Frankfurt hat das Prädikat „Eliteschule des Sports“ vorerst nur auf Bewährung erhalten. „Die Evaluation beruht auf Fakten“, sagt Ullrich Feldhoff, einst ehrenamtlicher Leistungssportchef des deutschen Sports, jetzt im Arbeitskreis Eliteschulen aktiv: „Es gab klare Kriterien und Bewertungen, der Rest ist Mathematik. Das Ergebnis ist erschreckend.“ Sechzehn der 41 hochgelobten Kaderschmieden (davon zwei Neuanträge) sind durchgefallen, weil sie die sechs vom DOSB aufgestellten Kriterien nicht erfüllten.

          Nur zehn Schulen - fünf aus dem Osten, fünf aus dem Westen - bestanden die Prüfung. 13 wurde die Aberkennung ihres Status als Eliteschule angedroht, 18 weiteren wurde dieser ebenfalls nur für zwei statt für vier Jahre bestätigt. „Grundsätzlich ist das Ergebnis positiv“, sagt ein Leistungssportexperte, der die der F.A.Z. vorliegende Untersuchung kennt: „Wir haben festgestellt, dass es Probleme gibt.“ Mehr als 11.000 Schülerinnen und Schüler besuchen die vom DOSB anerkannten Eliteeinrichtungen, an denen die Schulausbildung mit dem Leistungssport verbunden werden soll. Das ist oft nur durch die geplante Verlängerung der Schulzeit möglich.

          „Wenn der DOSB den Titel ,Eliteschule des Sports’ vergibt, versteht es sich von selbst, dass auch schulische und pädagogische Aspekte Berücksichtigung finden. Wesentliche Aufgaben der Eliteschulen des Sports ist es, nicht nur den sportlichen Erfolg, sondern bildungsbezogene Erfolge nach dem individuellen Potential des jeweiligen Schülers zu ermöglichen“, sagte Michael Vesper, der Generaldirektor des DOSB.

          „Man kann schnell wieder nach oben kommen“

          Allerdings konnten 25 Schulen, das entspricht 61 Prozent, für den Prüfzeitraum bis Ende 2010 laut DOSB nicht nachweisen, dass ihre Kandidaten sich in ausreichender Zahl für Nationalmannschaften qualifizierten und angemessene Bildungsabschlüsse erlangten. Laut Auswertung erfüllten sechzehn der Eliteschulen nicht die Bedingungen für eine sportliche Ausbildung. Allein die Eliteschulen in Berchtesgaden, Bonn, Cottbus, Dresden, Essen, Frankfurt/Oder, Kaiserslautern, Oberwiesenthal, Potsdam und Tauberbischofsheim konnten bei der Evaluierung bestehen. Neben Frankfurt erhielten Hannover, Klingenthal, München und Saarbrücken nicht die Mindestpunktzahl, aber Auflagen.

          „Man kann mit wenig Aufwand schnell wieder von unten nach oben kommen“, sagt Waltemathe mit Blick auf seine Frankfurter Schule und stellt angesichts eines zu erwartenden Pendelverkehrs im Ranking die Frage nach der Prüfungsqualität: „Was soll die Untersuchung?“ Nachdem Schulleitungen, Schulverwaltung und Länderministerien die Evaluierung mehr oder weniger heftig kritisierten, steckt der DOSB nun in einem Dilemma: Sind seine Eliteschulen wirklich so schlecht? Oder hat er, der erste Leistungssport-Organisator und Prüfer im Lande, in einer wichtigen Phase mit einer untauglichen Analyse Verwirrung angerichtet, statt den Spitzensport für die Zukunft fit zu machen?

          Der gewählte Diener macht sich so zum Richter“

          „Das Ergebnis der Evaluierung stellt die Eliteschulen keineswegs in Frage“, antwortet DOSB-Generaldirektor Vesper. „Es ist richtig, dass wir ein Qualitätsmanagement betreiben, von dem diese Bewertung ein Teil ist. Es sind Mängel festgestellt worden und man hat den Schulen zwei Jahre Zeit gegeben, sie abzustellen.“ Die Qualitätskriterien seien Grundlage des Arbeitskreises Eliteschulen, sagt der DOSB; diesen verleihe ein Vertreter der Kultusministerkonferenz die Kompetenz, schulische und pädagogische Aspekte beurteilen zu können.

          Ganz anderer Meinung ist Eike Emrich, Soziologe, Mathematiker und einst Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. „Die vom DOSB gewählten Indikatoren stehen in keinerlei sachbezogenem Zusammenhang zu dem Problembereich, für den Aussagen getroffen werden sollten, hier also die Frage der sportlichen und schulischen Leistungsfähigkeit der Eliteschulen“, sagt er: „Faktisch handelt es sich letztlich um Werturteile des DOSB, mit denen unter Änderung der Verrechnungsgrundlage beliebige Rangreihen produziert werden können, und zwar im Gewande der scheinbaren wissenschaftlichen Korrektheit.“

          Kurz gesagt: Emrich hält diese Evaluation für unbrauchbar, verweist aber auf den strategischen Nutzen: „Der DOSB führt einen Wettbewerb unter den Eliteschulen ein, dessen Regeln er festlegt, in dem er als Schiedsrichter fungiert, die Anstrengungen der Schulen überwacht, bestraft, prämiert, in dem er ihnen ein Etikett verleiht oder wegnimmt. Der gewählte Diener der Verbände macht sich so zum Richter. Er hat die Deutungshoheit und übt die Macht aus.“

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