Die Olympischen Winterspiele von Salt Lake City, die vor zehn Jahren eröffnet worden sind, bedeuten einen Meilenstein im Leben von Mitt Romney, der heute aussichtsreich im Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur liegt. Seine Leistung als Chef des damaligen Organisationskomitees wird in Berichten über den 64 Jahre alten Politiker oft unterschlagen - zu Unrecht.
Die „Salt Lake Tribune“ berichtete gerade, dass Romney die Spiele als ein Schlüsselerlebnis und einen Höhepunkt seines Lebens ansehe. In einer Grußbotschaft zum zehnten Jahrestag schreibt er selbst von „wahr gewordenen Träumen“. Und kürzlich sagte er bei einem Wahlkampf-Auftritt in Florida selbstbewusst, er habe einst geholfen, die olympische Zukunft insgesamt zu sichern. Tatsache ist: Es stand rund um die Jahrtausendwende schlecht um die olympischen Ideale.
Es gibt wenige Straftaten, auf die Amerikaner empfindlicher reagieren als auf Bestechung und Einflussnahme. Das war auch deutlich zu spüren, nachdem bekannt wurde, mit welchen „Gaben“ sich Salt Lake City vor der Vergabe 1995 beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) die Winterspiele erkauft hatte. Bestechung widerspricht der amerikanischen Lebensphilosophie, nach der jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Wer hart und ehrlich arbeitet, soll nicht durch finstere Mächte und dunkle Geschäfte um seinen Lohn gebracht werden.
Die olympische Bewegung verlor Ende 1998 gerade bei den Amerikanern schlagartig das Vertrauen, als der Skandal um direkte oder indirekte Zuwendungen an IOC-Mitglieder aufflog. Zehn Olympier wurden ausgeschlossen oder traten zurück. Für das IOC begann eine Zeit des Umbruchs. Im Juli 2001 folgte der Belgier Jacques Rogge als IOC-Präsident auf Juan Antonio Samaranch, er forcierte die Neuausrichtung noch. In Salt Lake City erlebte Rogge seine ersten Spiele als IOC-Chef, London 2012 werden nun schon die letzten seiner Amtszeit sein.
„Männer in Nadelstreifen-Anzügen haben versagt“
In der Stadt im Bundesstaat Utah war es Mitt Romney, der nach dem Skandal aufräumte. Als er Anfang 1999 den Chefposten im Organisationskomitee übernahm, habe er sich gefühlt wie der Hauptdarsteller im Film „Mission Impossible“, sagte er einmal. Sein Credo: Die Spiele sollten den Skandal überschatten, nicht umgekehrt. „Nicht der Sport und die Sportler haben versagt, sondern die Männer in Nadelstreifen-Anzügen“, wurde er nicht müde zu sagen. Er verstand schnell, die Sprache der Athleten zu sprechen. Das wurde eine seiner Trumpfkarten.
Er stammt aus einer alten, angesehenen und wohlhabenden Mormonen-Familie und ist promovierter Rechtswissenschaftler. Dass Romney, seit 41 Jahren verheiratet und Vater von fünf Söhnen, auch noch Bischof eines Mormonen-Sprengels in Massachusetts war, passte zum Anforderungsprofil. Nur ein Mormone aus der sogenannten „Kirche der Heiligen der letzten Tage“, behauptete man in der Olympiastadt, habe den Weg aus der Krise weisen können - unerschrocken, aufrichtig, zupackend und zielstrebig wie die Vorväter.
Romney zog nicht nur aus dem Bestechungsskandal Lehren, sondern auch aus dem vielfach kritisierten Bild, das Atlanta 1996 abgegeben hatte. Die überkommerzialisierten und von organisatorischen Pannen gekennzeichneten Coca-Cola-Sommerspiele empfand man als Mahnung. Sein Team schaffte es obendrein, das Etatdefizit von zwischenzeitlich 400 Millionen Dollar auszugleichen, am Ende gab es bei einem Etat von 1,3 Milliarden Dollar sogar einen kleinen Überschuss. Romney hat all das in seinem Buch „Turn-around: Crisis, Leadership, and the Olympic Games“ beschrieben.
Wo Romney auftrat, verbreitete er wortgewandt und mit einem Lächeln Optimismus und Tatendrang. Er war zwar sportfern - allerdings kam er regelmäßig mit der Familie zum Skifahren nach Utah -, konnte aber auf beste Referenzen aus der Privatwirtschaft verweisen. Sein Vater war Geschäftsführer der American Motors Corporation und später Gouverneur des Bundesstaates Michigan.
Die olympische Mission als Sprungbrett
Romney selbst hatte 1984 ein Unternehmen geschaffen, das Firmengründern mit Wagniskapital unter die Arme griff. Er wurde dadurch selbst wohlhabend. In Salt Lake City verzichtete er demonstrativ auf ein Gehalt. Während er als Geschäftsmann früh ähnlich erfolgreich wie sein Vater wurde, unterlag er bei seinem ersten politischen Auftritt, als er 1994 als Kandidat der Republikaner gegen den Demokraten Edward Kennedy im Rennen um den Senatssitz von Massachusetts verlor.
Allerdings mit einem höchst achtbaren Ergebnis von 41 Prozent der Stimmen - außergewöhnlich viel für einen konservativen Republikaner in einem traditionell demokratisch wählenden Bundesstaat. Im November 2002 wurde er dann zum 70. Gouverneur in Massachusetts gewählt. Die olympische Mission war für ihn zu einem Sprungbrett geworden. Aus der Präsidentschaftskandidatur 2008 stieg er aber vorzeitig aus.
Das Olympia-Projekt in Salt Lake City geriet dann noch einmal massiv unter Druck, kein halbes Jahr vor der Eröffnung - ausgelöst durch Usama Bin Ladins Terrorismus. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde die Frage gestellt, ob die Sicherheit der Teilnehmer und Zuschauer bei den Olympischen Spielen zu gewährleisten sei. Dann warfen einige IOC-Mitglieder, vor allem aber europäische und muslimische Politiker die Frage auf, ob ein Land, das sich im Krieg befinde, überhaupt die Spiele ausrichten dürfe.
Über Ausweichszenarien wurde schon debattiert. Eine 2001 vom IOC für die Zeit der Spiele von Salt Lake City ausgerufene Waffenruhe hatten die Amerikaner ausgeschlossen. Romney musste nach vielen Seiten arbeiten, um weltweit Vertrauen in die amerikanischen Organisatoren herzustellen, aber auch um zu verhindern, dass der Geist der Spiele in einem martialischen Sicherheitskorsett erstickte.
Die XIX. Winterspiele waren gerettet
Die Winterspiele 2002 fanden statt - die Eröffnungsfeier gerade fünf Monate nach den Anschlägen wurde bestimmt vom Gedenken an die Opfer der Anschläge, aber auch von der politischen Mission George W. Bushs, wie Romney Republikaner. „Im Namen einer stolzen, entschlossenen und dankbaren Nation erkläre ich die Spiele von Salt Lake City zur Feier der Winter-Olympiade für eröffnet“, rief Bush am 8. Februar 2002.
Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika schrieb mit seinem patriotischen Zusatz olympische Geschichte: Als erstes Staatsoberhaupt änderte er die Eröffnungsformel ab. Romney aber hatte sein Ziel erreicht: Die XIX. Winterspiele waren gerettet.