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Ringer-Kommentar : Tonvasen in Scherben

Nicht mehr lange werden die Ringer im Zeichen der Ringe kämpfen Bild: AP

Nach dem Wunsch des IOC-Kabinetts ist nach Rio 2016 das große Ringen zu Ende. Das Signal scheint deutlich: Eine Sportart, die sich im olympischen Programm halten will, muss sich ständig weiterentwickeln.

          Ringen nicht mehr im olympischen Programm? Das wirkt zunächst so, als wäre das Internationale Olympische Komitee (IOC) dabei, seine eigenen Wurzeln auszureißen. Ringen war schließlich schon fast 1600 Jahre vor der Gründung des IOC olympisch, Ringer trugen von den ersten Spielen der Neuzeit 1896 in Athen mit einer einzigen Unterbrechung bis London 2012 zum Gesamtbild Olympias bei wie Diskuswerfer und Läufer.

          Ganze Assoziationsketten laufen beim Stichwort Ringen ab: Glänzende Gladiatorenkörper auf antiken Vasen. Wilfried Dietrichs Schultersieg 1972 in München über den Amerikaner Chris Taylor. Pasquale Passarellis Brücke von Los Angeles 1984. Der kantige Charakterkopf des dreimaligen Olympiasiegers Alexander Karelin aus Nowosibirsk. Doch all dies hat am Dienstag die Exekutive des IOC nicht davon abgehalten, eine Empfehlung abzugeben, der sich die nächste Vollversammlung im Herbst nur schwer entziehen kann. Kein Platz für Nostalgie: Nach dem Wunsch des IOC-Kabinetts ist nach Rio 2016 das große Ringen zu Ende.

          Das IOC schweigt zwar zu den Gründen für seine Entscheidung, die eine ganze Sportart in Schockzustand versetzt. Das Signal, das damit gesetzt wird, scheint trotzdem deutlich: Eine Sportart, die sich im olympischen Programm halten will, muss sich ständig weiter entwickeln.

          Die Ringer aber sind - abgesehen von der Aufnahme der Frauen 2004 - ihrem archaischen Bild stets treu geblieben. Durch beinahe schon exzessive Anpassung hat sich im Gegensatz dazu der Moderne Fünfkampf zum dritten Mal dem fast sicheren Aus entziehen können. Aber, so könnten Ringer entgegnen, dann müsste das IOC in Sachen Innovation doch mit gutem Beispiel voran gehen.

          Geopfert wird eine ganze Kultur.

          Seit Jacques Rogge 2001 zum IOC-Präsidenten gewählt wurde, versucht er das olympische Sommer-Programm zu modernisieren. Vierundzwanzig Disziplinen in neun Sportarten wollte er durch neue ersetzen. Doch der belgische Segler musste auf seiner ersten Session 2002 lernen, dass sich dieser Apparat nicht wie ein Finn-Dinghy manövrieren lässt, sondern wie ein Ozeanriese auf seinem Kurs beharrt.

          Nun, da sich Rogges Amtszeit dem Ende zuneigt, kann er nur eine dürftige Renovierungs-Bilanz ziehen. 2005 wurden Baseball und Softball aus der Familie entlassen. Rogge wird also maximal drei Positionen aus dem Programm eliminiert haben, um Sommer-Olympia für attraktivere, lukrativere Sportarten zu öffnen. Sich jetzt vom Erbe der Antike zu trennen, mag wie ein energischer Schritt in die Zukunft wirken. Doch geopfert wird eine ganze Kultur.

          Quelle: F.A.Z.

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