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Keine WM im Ramadan? : „Ein vorgeschobenes Argument der Fifa“

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Die Fifa will kein WM-Turnier im Ramadan: „Mir erscheint es eher so, dass die Fifa ein sehr klischeebeladenes Bild vom Islam pflegt“ Bild: dpa

Die Fifa hat einer WM 2022 im Mai eine Absage erteilt mit Verweis auf den Ramadan. Der muslimische Fastenmonat behindere die Vorbereitung des Turniers in Qatar. Islamwissenschaftler Esnaf Begic widerspricht.

          Esnaf Begic ist islamischer Theologe und Islamwissenschaftler. Als Fan von Borussia Dortmund und Dauergast im Westfalenstadion leidet er derzeit als Fußballfan. Ansonsten lehrt er am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück.

          Die Fifa hat einen gütlichen Terminvorschlag der europäischen Profiklubs für die Austragung der WM 2022 zwischen dem 28. April und dem 29. Mai zurückgewiesen mit dem Hinweis, dass der erst am 2. Mai endende Ramadan die Vorbereitung des Turniers für praktizierende Muslime unter den Spielern sowie auch die Organisation erschwere. Können Sie dem folgen?

          Ich halte das eher für ein vorgeschobenes Argument der Fifa. Was die Spieler betrifft: Bei der Terminierung der WM in Brasilien wurde auch nicht auf den Ramadan Rücksicht genommen und die Spieler haben andererseits bewiesen, dass sie damit zurechtkommen. Man erinnere sich nur an die für jeden Fußballfan hervorragenden und begeisternden Spiele der algerischen Nationalmannschaft. Laut Medienberichten fasteten die meisten Spieler dabei. Zur Organisation ist zu sagen, dass der Ramadan kein Grund ist, die Vorbereitung ins Stocken geraten zu lassen. Das ist ein nicht nachvollziehbares Argument.

          Sind die Fifa-Sorgen, dass in dieser Zeit dringende letzte Arbeiten womöglich durch das Fasten und die entsprechenden religiösen Regeln gefährdet wären, nicht gültig?

          Es ist ja nicht so, dass die Moslems während des Ramadan wochenlang die Füße hochlegen. Die Arbeit geht normal weiter. Man passt nur das öffentlich Leben etwas an. Dann wird mehr nachts nach Einbruch der Dunkelheit gearbeitet. Aber das ist auch mit der Hitze in Qatar so. Auch deshalb arbeitet man mehr nachts. Mir erscheint es eher, dass die Fifa ein sehr klischeebeladenes Bild vom Islam pflegt: Ramadan ist keine Zeit, in dem sich Moslems nur Gottesdiensten widmen und alle andere Verpflichtungen liegen lassen.

          Die Organisatoren aus Qatar sind derzeit sehr vorsichtig mit ihren Äußerungen und betonten nur nochmals, dass sie das Turnier zu jedem Zeitpunkt perfekt organisieren könnten. Würden die Qatarer insgeheim aber trotzdem gerne außerhalb des Ramadan beginnen?

          Esnaf Begic ist islamischer Theologe und Islamwissenschaftler an der Universität Osnabrück
          Esnaf Begic ist islamischer Theologe und Islamwissenschaftler an der Universität Osnabrück : Bild: Universität Osnabrück

          Das würde ich nicht erwarten. Ich finde es aber merkwürdig, dass man den Qatarer vorgreift. Ich glaube nicht, dass die Qatarer ein Problem sehen in dem Termin im Ramadan. Ich sehe vielmehr eine große Chance.

          Welche?

          Wenn das Turnier am 28. April beginnen würde, dann würden die feierlichen Tage des Ende des Ramadan mit dem Fastenbrechen in die ersten Tage des WM-Turniers fallen. Das sind stets sehr fröhliche, heitere Tage für uns Moslems. Nächte im Ramadan können gerade bei einem Klima wie in Qatar sehr lebhaft und kulturell spannend sein. Diese Stimmung könnte auf das Turnier übergreifen und wie eine Initialzündung zu einem schönen Fest beitragen. Der Termin wäre also eher Anlass zur doppelten Freude.

          Gibt es auch an diesen Tagen des Fastenbrechens keine Kollisionen mit religiösen Ritualen, vergleichbar einem WM-Spiel an Heiligabend bei uns in Deutschland?

          Nein. Man kann das Ende des Ramadans nicht mit Weihnachten vergleichen. Das letzte große Freitagsgebet im Ramadan findet mittags statt und würde somit auch nicht mit WM-Spielen am Abend kollidieren. Auch an den drei Festtagen ist es nicht so, dass man sich besinnlich zuhause abschottet. Man besucht Verwandte und Freunde, ein gemeinsamer Spielbesuch würde das beispielsweise auch passen.

          Müssen die teilnehmenden Mannschaften und deren Fans denn Beeinträchtigungen in Kauf nehmen durch den Ramadan?

          Es ist sicherlich so, dass viele Geschäfte tagsüber länger geschlossen sein werden als üblich. Aber Qatar ist auf Touristen eingestellt. In den Hotels wird das Leben normal weitergehen.

          Das Gespräch führte Daniel Meuren.

          Quelle: FAZ.NET

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