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Proteste in Brasilien : Blatters Fehleinschätzung

  • -Aktualisiert am

Meister der Gesten: Auch in Brasilien tritt Blatter wie ein Politiker in Geberlaune auf Bild: dpa

Der Fifa-Präsident verabschiedet sich nach fünf Tagen vom Confed-Cup - ohne ein Wort des Bedauerns und ohne ein Angebot des Dialogs an die Protestbewegung.

          Es ist das altbekannte Krisenmanagement von Joseph Blatter: erst ignorieren, dann wegdiskutieren und schließlich die Hände in Unschuld waschen. Wie der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) in diesen Tagen auf die Proteste beim Confed-Cup in Brasilien reagiert, offenbart das Dilemma des mächtigsten Fußball-Funktionärs der Welt: kein Wort des Bedauerns, kein Angebot des Dialogs an die Protestbewegung, die auf Signale wartet. „Der Fußball ist stärker als die Unzufriedenheit der Menschen. Wenn der Ball einmal rollt, werden die Menschen das verstehen, und das wird aufhören“, sagte Blatter vor einigen Tagen. Eine Fehleinschätzung. Nach fünf Turniertagen hat Blatter Brasilien verlassen und ist zur U-20-WM in die Türkei geflogen, das war so geplant. Eine Botschaft hat er noch hinterlassen: Brasilien sei selbst schuld, erklärte der Schweizer, das Land hätte sich ja nicht um die WM bewerben müssen.

          Die Mehrheit protestiert in Brasilien friedlich, aber auch Chaoten nutzen die Gunst der Stunde
          Die Mehrheit protestiert in Brasilien friedlich, aber auch Chaoten nutzen die Gunst der Stunde : Bild: dpa

          Inzwischen hat sich die brasilianische Nationalmannschaft mit dem Widerstand solidarisiert. Voller Inbrunst sangen Neymar und Co. vor dem 2:0-Pflichtsieg gegen Mexiko die Nationalhymne. Ihre Landsleute haben das ebenso registriert wie die Solidaritätsadressen aus dem Lager der Seleção. Es ist eine kuriose Allianz: Sportler und Volk gegen Fifa und Regierung. Auch in Fortaleza gab es wieder Proteste, Verletzte und Ausschreitungen, weil eine kleine Gruppe von Chaoten die Proteste nutzte, um Lust an der Gewalt auszuleben. Die große Mehrheit der Demonstranten demonstriert friedlich, versucht sogar die Krawallmacher daran zu hindern, Steine und Molotowcocktails zu werfen.

          Die Masse organisiert sich weitgehend anonym

          Sie feiern trotzdem ein Fußballfest. Brasiliens Superstar Neymar wächst mit dem Turnier, auch gegen Mexiko gelang dem künftigen Stürmer des FC Barcelona per Direktabnahme ein Traumtor. In der zweiten Halbzeit ließ er ein Dribbling folgen, das als Vorarbeit zum 2:0 des eingewechselten Jo diente. Brasilien steht damit schon im Halbfinale. Die Partie am Samstag gegen Italien, das sich mit dem 4:3-Sieg gegen Japan ebenfalls fürs Halbfinale qualifizierte, bestimmt darüber, ob es erst im Finale oder bereits im Halbfinale zum ultimativen Test gegen Welt- und Europameister Spanien kommen wird. Im Stadion hielten die Fans Plakate mit eindeutigen Botschaften hoch: „Wir sind nicht gegen die Nationalmannschaft, wir sind gegen die Korruption.“

          Die brasilianische Nationalmannschaft um Neymar (rechts) solidarisiert sich mit den Protesten
          Die brasilianische Nationalmannschaft um Neymar (rechts) solidarisiert sich mit den Protesten : Bild: dpa

          Ein Problem der Fifa-Manager und der Regierung: Sie haben keinen konkreten Ansprechpartner in der Protestbewegung. Die Masse organisiert sich weitgehend anonym über soziale Netzwerke, wie ein Schwarm, der von Stadt zu Stadt zieht. Die Aufräumarbeiten werden erst nach dem Confed-Cup beginnen. Ein mögliches Opfer ist der Präsident des brasilianischen Fußball-Verbandes, José Maria Marin, dessen Nähe zur brasilianischen Militärdiktatur für die zumindest nach außen auf einen Säuberungsprozess bedachte Fifa gefährlich werden könnte. Marin dürfte in den nächsten Wochen seinen Hut nehmen, um einen Neuanfang im brasilianischen Fußball zu ermöglichen - der auch im Sinne der Fifa sein wird.

          Die Diskussion hat gerade erst begonnen

          Die Sorge vieler Europäer um die Austragung der WM 2014 ist jedoch unbegründet. Die fußballverrückten Brasilianer demonstrieren keinesfalls gegen die WM oder Olympia. Hart treffen könnten die Proteste allerdings die Tourismusindustrie. Viele Fans aus dem Ausland treffen jetzt die Entscheidung, ob sie 2014 nach Brasilien reisen wollen. Die Bilder, die von den gewalttätigen Ausschreitungen über die europäischen und asiatischen Bildschirme flimmern, und dazu die enorm hohen Preise könnten manche Anhänger davon abhalten, sich auf das Wagnis einzulassen.

          Unterdessen dürfte ein ganz anderer Funktionär die Entwicklungen in Brasilien mit Interesse verfolgen. Der Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa), Michel Platini, erntete mit seinem Vorschlag, die Europameisterschaft 2020 dezentral zu organisieren, aus den Reihen der Fifa-Führungsetage Spott und Kritik. Doch vielleicht entpuppt sich gerade diese Idee, in Zeiten einer Wirtschafts- und Finanzkrise auf eine bereits bestehende Stadion- und Verkehrs-Infrastruktur zurückzugreifen, als die richtige und flexiblere Lösung. Sie zwingt keinem Staat Milliardeninvestitionen für Stadien auf, die anschließend kaum noch Verwendung finden. Platini hat - ob unabsichtlich oder gewollt - eine Alternative zum ausufernden Gigantismus von Fußball-Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen entworfen. Die Diskussion um die Prachtbauten für die WM 2014 und Olympia 2016 in Brasilien wird mit dem Confed-Cup keineswegs zu Ende gehen. Sie hat gerade erst begonnen.

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