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Preis für Julija Stepanowa : Reden ist Gold

Vom IOC gesperrt, vom Doping-Opfer-Hilfe-Verein ausgezeichnet: Julija Stepanowa Bild: dpa

Whistleblowerin Julija Stepanowa wird für ihren Mut ausgezeichnet, Missstände in der Leichtathletik aufgedeckt zu haben. Ihr Fall aber zeigt: Im organisierten Spitzensport hat sich nichts geändert.

          Es lohnt sich nicht, die Wahrheit zu sagen. Das ist eine bittere Erkenntnis mancher Sport-Liebhaber, auch für manchen, der glaubte, mit der Veröffentlichung seines Wissens die Welt verbessern zu können. Die meisten würden es nicht wieder tun, denn Whistleblower des Sports werden diffamiert, isoliert, ausgespuckt. Das war wohl schon immer so. Auch dort, wo das Wahre und Gute und Schöne so in den Vordergrund gerückt wird, wo Fairness und Redlichkeit angeblich die wertvollsten Markenbotschaften sind.

          Wie war das noch mit Toni Schumacher? Er schrieb ein Buch, in dem die Doping-Mentalität der halben Fußball-Bundesliga beschrieben wurde. Das war ein recht konkreter Anpfiff. Ihm folgte nicht etwa eine Aufklärung, eine Auseinandersetzung mit der Problematik, sondern nur die typische Reaktion: Rauswurf des Torwarts aus dem Verein und der Nationalmannschaft. Whistleblower werden als Nestbeschmutzer betrachtet.

          Jörg Paffrath und die Tour de France 1997

          Schumacher hat das alles überstanden und ist in den Sport zurückgekehrt. Er war zu präsent, zu bekannt. Andere wurden als schwarze Schafe hingestellt und nach allen Regeln der Kunst brutal herausgeschnitten aus ihrem Sportleben. Wer war denn schon Jörg Paffrath? Ein Radprofi, ein Doper, erwischt. Das war ein Fehler - erwischt zu werden. Doch er war nicht zu vergleichen mit dem nächsten: Paffrath sagte die Wahrheit. Dass er sich mit 24 verschiedenen Mitteln im Laufe seiner Karriere gedopt hatte. Er beschrieb en detail, wie die Manipulation ablief, was man so machte im Peloton. Er nannte nur keine Namen am Vorabend der Tour de France 1997.

          Ja, man erinnert sich. Jan Ullrich gewann im systematisch vollgedröhnten Telekom-Team die Tour als erster Deutscher und stieg auf zum Superhelden des Radsports. Paffrath verschwand in der Versenkung. Deutsche Trainer nannten ihn verächtlich einen Wichtigtuer aus der zweiten Reihe, der Verband sperrte ihn lebenslänglich. Einen Mann, der zehn Jahre vor der Enttarnung des großen Betrugs aller Welt unmissverständlich erklärt hatte, welche Schluck-und-Spritz-Kultur auch im deutschen Vorzeige-Team herrschte. Dankbarkeit für einen, der Hilfe angeboten hatte, den Stall auszumisten und die Profis von dieser unwürdigen wie gefährlichen Blutpanscherei zu befreien? Paffrath musste um seine Begnadigung zweimal betteln. 2003 wurde ihr stattgegeben - mit der Aufhebung der Sperre nach sechs Jahren. Gratulation.

          Warum muss man an diese für den organisierten Spitzensport so schändlichen Fälle erinnern? Weil sich nichts geändert hat. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) teilte der Russin Julija Stepanowa im Sommer mit, sie erfülle wegen ihrer Doping-Vorgeschichte nicht die „ethischen Anforderungen an einen olympischen Athleten“. Festgestellt von einem Interessenverband unter Führung von Thomas Bach, der anschließend nicht nur ungetestete Russen, sondern Tausende Sportler ohne ordentliche Doping-Kontrollen in Rio starten ließ. Sauber.

          Dabei hat das Zeugnis von Frau Stepanowa den vielleicht größten Reinigungsprozess wenigstens in der internationalen Leichtathletik zumindest in Bewegung gesetzt. Ihr mutiges Verhalten macht nun Menschen Hoffnung, denen zwar vom Sport nicht geholfen wird, die aber ihre Nachfolger vor der Manipulation und den Folgen bewahren wollen. An diesem Dienstag wird Julija Stepanowa vom Doping-Opfer-Hilfe-Verein ausgezeichnet.

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          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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