http://www.faz.net/-gtl-8ahh7

LSB Thüringen : Schallende Ohrfeige für die Altkader

  • -Aktualisiert am

Geht in seine nunmehr achte Amtszeit: Thüringens LSB-Präsident Peter Gösel Bild: Imago

Erstmals seit 21 Jahren gab es bei der LSB-Präsidentenwahl in Thüringen einen Gegenkandidaten – gewählt wurde aber doch Altkader Peter Gösel. Dass Kritik im Freistaat nur leise anklingt, liegt auch an der Einschüchterung der ehemaligen SED-Genossen.

          Kommt nun doch die Wende? Zum ersten Mal seit 21 Jahren gab es bei der Präsidentenwahl des Landessportbundes Thüringen einen Gegenkandidaten. Der seit 1994 amtierende SED-Altkader Peter Gösel hatte mit dem 45 Jahre alten Vizepräsidenten Dirk Eisenberg einen starken Gegner. Kurz vor dem Wahlvorgang skizzierte Eisenberg, der nach seinem Elektronikstudium ein IT-Unternehmen in Erfurt gegründet hat und bis heute führt, seine Ziele für den Sport in Thüringen.

          „Wir brauchen einen neuen Geist, eine neue Herangehensweise, um die zukünftigen Herausforderungen zu meistern.“ Eisenberg scheute sich auch nicht, konkreter zu werden: „Wenn die Sportmanagement-GmbH des LSB seit drei Jahren große Verluste macht, dann ist dies ein großes Problem.“ Illusionen aber machte sich Eisenberg mit Blick auf seine Wahlchancen nicht: „Man müsse auch mal das Unmögliche versuchen.“

          Als am Samstag das Ergebnis der Präsidentenwahl verkündet wurde, herrschte Anspannung im Saal. Von 304 abgegebenen Stimmen fielen 88 auf den bisherigen Vizepräsidenten für Breitensport und Sportentwicklung Eisenberg, fast 29 Prozent. Der 72-jährige Gösel, der einst in der DDR-Reichsbahndirektion in Erfurt für Militärtransporte zuständig war, gewann die Wahl zwar mit 216 Stimmen und geht nun in seine achte Amtszeit, die bis Ende 2018 dauert.

          Vor drei Jahren aber war er noch einstimmig zum Präsidenten gewählt worden. Die Opposition, fast ein Drittel der Mitglieder wollten einen Wechsel, verpasste ihm und seinem Präsidium eine schallende Ohrfeige. Für Eisenberg ist die Wahl trotz der Niederlage „ein deutliches Signal und genug Motivation, um die bestehenden Strukturen in Zukunft zu verändern“. Er werde sich deshalb „weiterhin in die Thüringer Sportpolitik einbringen“. Da sich der Unternehmer aber nur um das Amt des Präsidenten bewarb, scheidet er aus dem Präsidium aus.

          Auch Rolf Beilschmidt, Geschäftsführer des Thüringer Landessportbunds, gehört zu den Altkadern.
          Auch Rolf Beilschmidt, Geschäftsführer des Thüringer Landessportbunds, gehört zu den Altkadern. : Bild: Imago

          LSB-Präsident Gösel sowie auch der frühere Stasi-Spitzel und ehemalige Doper Rolf Beilschmidt, Hauptgeschäftsführer des Verbandes, waren am Wahltag sichtlich nervös. Sie hatten ihre Parteigänger und vermeintliche Abweichler in den vergangenen Wochen auf Loyalität eingeschworen, um den Reformkandidaten Eisenberg zu verhindern. Der Vizepräsident hatte im Juni und anschließend immer wieder öffentlich das Verhalten der LSB-Führung etwa beim Umgang mit der (eigenen) Vergangenheit kritisiert. Aber er hatte keine Lobby. Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), würdigte bei seiner Festrede die Aufbau-Leistungen des LSB und kritisierte eine offenbar gemeinsame Gegnerin: Der Vorwurf der Vorsitzenden des Doping-Opferhilfe-Vereines, Ines Geipel, der DOSB stehle sich aus seiner Verantwortung, weil er DDR-Doping-Opfern nicht finanziell helfen wolle, bezeichnete Hörmann als „unerfreuliche Kommunikation“.

          Die frühere Leichtathletin Geipel, die sich von der Doping-Mittelvergabe distanzierte und ihren Anteil an einem Staffel-Weltrekord streichen ließ, hatte auch das Festhalten des LSB am Stasi-Spitzel Beilschmidt als unerträglich bezeichnet. Der Hauptgeschäftsführer hatte dem Ministerium für Staatssicherheit konspirativ Details wie Intimes über das Leben der Menschen aus seinem Umfeld verraten, so auch über einen ehemaligen Freund, den heutigen Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, Roland Jahn.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Beilschmidt war zu DDR-Zeiten unter anderem Chef des doping-verseuchten DDR-Sportclubs Motor Jena gewesen. Auch Karin Augustin, die LSB-Präsidentin von Rheinland-Pfalz, fand allein lobende Worte für die seit 1989 andauernde intensive Zusammenarbeit beider Landessportbünde und ignorierte die jüngste Auseinandersetzung, als sie ihren Dank formulierte: „Lieber Rolf Beilschmidt, Sie alle haben diese Partnerschaft gelebt.“

          Seit dem Fall der Mauer hat es im ostdeutschen Sport kaum einen Elitenwechsel auf höchster Funktionärsebene des Sports gegeben. Auf der Mitgliederversammlung am Samstag in Bad Blankenburg zeigten sich viele ehemalige Genossen aus dem DDR-Sport und dem SED-Apparat. Dazu gehörte auch der erste frei gewählte LSB-Präsident in Thüringen, Manfred Thieß, der 1994 wegen seiner Stasi-Vergangenheit seinen Hut nehmen musste. Er ist heute Vorsitzender des Kreissportbundes des Saale-Holzland-Kreises. Dass es noch eine Zeit dauern wird, ehe es im Thüringer Sport zu einem Wandel kommt, bewies die Angst eines Thüringer Sportverbandspräsidenten. Er kritisierte Beilschmidt, „der im LSB wie schon früher als DDR-Sportklubchef machtbesessen allein die Fäden zieht“. Seinen Namen aber wollte er nicht veröffentlicht wissen: „Weil ich große Sorge um meinen Verband habe, dass Beilschmidt uns dann abstraft und uns die Gelder kürzt.“

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Die stolzen Alemannen

          Ringen : Die stolzen Alemannen

          Ein kleines Stück Sportgeschichte: Alemannia Nackenheim ringt im Viertelfinale um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft mit. Der Erfolg liegt an einer Familie - und am Niedergang der Bundesliga.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Trumps verbotene Wörter : Triggerwarnung für Republikaner

          Die amerikanische Regierung erklärt bestimmte Worte für unerwünscht, bestreitet aber, dass es sich um Zensur handelt. Tatsächlich dient die Anweisung vor allem dazu, rechtskonservative Abgeordnete zu besänftigen.
          „Eine lange Hängepartie darf es nicht werden“, sagte der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther

          GroKo-Verhandlungen : Union erhöht Druck auf SPD

          Die Sozialdemokraten sind weiter uneins hinsichtlich möglicher Gespräche über eine neue Regierungsbeteiligung. Auf eine Hängepartie wollen sich CDU-Politiker aber nicht einlassen.

          Umstrittene Sandwesten : Auf Sand vertraut

          Seit Jahren tragen Kinder in deutschen Schulen schwere Westen, damit sie stillsitzen. Interessiert hat das keinen. Bis jetzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.