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Palästinensisches Ruder-Projekt „Wenn ich in Gaza leben würde, wäre ich depressiv“

04.02.2009 ·  Iradj El-Qalqili war als Ruderer sechsmal deutscher Meister. Vor fünf Jahren rief er den palästinensischen Ruderverband ins Leben, um Kindern in Gaza zu einer neuen Lebensperspektive zu verhelfen.

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Iradj El-Qalqili ist Sohn eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter. Als Ruderer war er sechsmal deutscher Meister. Vor fünf Jahren rief er mit Freunden den palästinensischen Ruderverband ins Leben, um Kindern in Gaza zu einer neuen Lebensperspektive zu verhelfen. Heute arbeitet der 33 Jahre alte El-Qalqili für ein Investment-Unternehmen in Abu Dhabi. Die Ruder-Initiative hat er vorerst aufgegeben.

Vor fünf Jahren haben Sie uns von Ihrem Ruderprojekt für Kinder in einem Flüchtlingslager in Gaza erzählt. Mittlerweile hat sich die Lage dort extrem verschärft. Was ist aus Ihrem Projekt geworden?

Damals waren wir dabei, die ersten palästinensischen Ergometermeisterschaften auszutragen. Wir haben angefangen, Trainer für mehrere Wochen nach Spanien ins Trainingszentrum des Weltverbandes zu schicken. Aber schon bald gab es die ersten Anzeichen von Schwierigkeiten, die wir zunächst unterbewertet haben. Wir haben zum Beispiel übersehen, wie ungewöhnlich vielen Leuten in Gaza das Vorhaben erschien, junge unverheiratete Leute für ein paar Wochen ins Ausland zu schicken. Obwohl die Lage damals noch ruhiger war als heute, war es extrem schwierig, Leute aus Gaza ausreisen zu lassen. Zudem hätten wir uns vorher auch überlegen müssen: Wenn wir weibliche, unverheiratete Trainer für mehrere Wochen nach Spanien schicken wollen, dann kann es sein, dass die Familie den Anspruch erhebt, einen älteren, männlichen Begleiter mitzuschicken.

Wie haben Sie diese Probleme gelöst?

Leider konnten zwei der weiblichen Trainer nicht mitfahren, denn wir hatten dann so langsam das Gefühl, erpresst zu werden. Wir konnten die wachsenden Ansprüche – plötzlich wurde pro Person ein Begleiter gefordert, Einzelzimmer, eine ganze Liste von Sonderwünschen – einfach nicht erfüllen. Andere weibliche Trainer sind allerdings gefahren.

Waren Sie vielleicht ein bisschen weltfremd?

Sicher. Um gewisse Risiken einzugehen, muss man ein Stück weit ignorant sein. Aber wir haben die Leute nicht da abgeholt, wo wir sie hätten abholen sollen. Wir haben auch das Problem der lokalen Akzeptanz übersehen. Vielen Leuten leuchtete nicht ein, wieso wir so viel Geld in das Projekt gesteckt haben. Sie dachten, Sport ist doch nur Spaß. Mit dem Geld kann man doch auch etwas Sinnvolleres machen. Warum gebt ihr das Geld nicht einfach den Familien? Unsere Auffassung, wie man Dinge langfristig aufbaut, finanziert und verteilt, ist Leuten schwer zu vermitteln, die ganz andere Sorgen haben.

Wird denn in der Region überhaupt Sport getrieben?

Schon. Die Menschen in den Flüchtlingslagern kennen aber selbst organisierte Institutionen wie Sportvereine nicht. Es gibt Schulen, die von den UN eingerichtet werden, es gibt eine von den UN organisierte Nahrungsversorgung, aber darüber hinaus gibt es sehr wenig. Der Gedanke, selbst etwas aufzubauen, ist nicht entwickelt. Wir haben es nicht geschafft, diese Lücke zu schließen.

Es gab doch sogar ein Vorstandsmitglied in Ihrem Ruderverband, das selbst im Flüchtlingslager lebt.

Ja, aber ihm war auch nicht so ganz klar, in welch merkwürdige Situation wir die Leute bringen würden. Schwer zu sagen, ob wir zu viel von ihnen verlangt, ihnen zu viel Eigenverantwortung auferlegt haben. Da sind wir gegen unsichtbare Barrieren gestoßen, die wir nicht überwinden konnten.

Gibt es da konkrete Beispiele?

Viele Leute sind es gewohnt, dass alle möglichen Aktivitäten nur für eine kurze Dauer geplant sind. Sport gibt es in sechswöchigen UN-Sommerprogrammen für Kinder. Wir wollten sie aber nicht einfach nur verwahren und füttern. Wir konnten in den Ferien nur vier Stunden am Tag anbieten, dafür sollte das ganze Jahr über Sport gemacht werden. Die Trainer sollten jahrelang ausgebildet werden. Wir wollten die Leute zu einer Gruppe zusammenschließen, die Spaß am Sport hat. Das war viel zu komplex. Langfristiges Denken ist nicht üblich in einem Umfeld, wo man nicht weiß, was in den nächsten paar Monaten passieren wird. Wer keine Stabilität kennt, plant nicht langfristig.

Wie weit haben Sie das Projekt denn trotzdem vorantreiben können?

Wir haben sogar zwei Trainingslager abgehalten. Wir haben den Trainern beigebracht, in Ruderbooten zu sitzen, nicht nur auf dem Ergometer. Es gab theoretische Ausbildung mit Leuten vom Weltverband zum Thema Boote einstellen, Trainingslehre und solche Geschichten. Das Problem war dann, dass vieles von dem Wissen in Gaza gar nicht angewandt werden konnte, weil es keine Boote gab, die man einstellen konnte.

Sie hatten doch Boote in China bestellt. Wo sind die geblieben?

Wir haben vom Welt-Ruderverband eine finanzielle Unterstützung bekommen für zwei Bootscontainer. Im Jahr 2003 gab es ein solches Projekt in Zusammenarbeit mit einem chinesischen Bootsbauer unter dem Titel: „Rowing in a Box“. Für relativ wenig Geld wurden Übungs- und Trainingsboote in einen abschließbaren Schiffscontainer geladen, der auch als Bootshaus benutzt werden konnte. Wir haben allerdings nie eine Einfuhrgenehmigung bekommen. Die Grenze, die vom Staat Israel kontrolliert wird, haben wir nie überwinden können. Obwohl wir versucht haben, nachzuweisen, dass es sich nur um Sportgeräte für Kinder handelt, mit denen man nicht aufs offene Meer hinausfahren kann. Das Bedrohungsszenario, das zumindest inoffiziell von den israelischen Behörden ausgemalt wurde, war, dass Leute aus Gaza mit diesen Booten unbemerkt Richtung Norden fahren könnten.

Wo sind die Boote jetzt?

Immer noch in China. Das Geld überwiesen haben wir 2004.

Wie haben die Trainer und die Kinder darauf reagiert?

Das war noch so eine Sache, die wir nicht bedacht hatten. Dieses Scheitern wurde nicht akzeptiert. Solche Dinge erscheinen in Gaza sehr verdächtig. Dort drehen sich viele Dinge um Hilfswerke und Regierungsorganisationen, und es wird sehr viel Geld veruntreut. Dass junge, gut ausgebildete Leute von außen kommen und sich persönlich einsetzen für Kinder im Flüchtlingslager, ist für sie nicht nachvollziehbar. Also war automatisch der Verdacht da: Na klar, die haben das Geld gesammelt und eingesackt.

Das muss eine frustrierende Erfahrung sein.

Ja sicher. Man denkt, man hat mit Freunden zusammen einen guten Plan gemacht, und investiert viel Zeit und Geld, aber dann hakt die Umsetzung. Aber viel frustrierender ist das Gefühl, dass viele Probleme, auf die wir gestoßen sind, eher Indikatoren dafür sind, wie schwierig es ist, dort Mechanismen zu unterstützen, die wichtig für eine funktionierende Gemeinschaft sind: Ehrenamt. Dass Leute langfristig Leidenschaften entwickeln. Sich langfristig um ihr eigenes Leben kümmern. Sich nicht immer nur von gesellschaftlichen Zwängen leiten lassen, sondern zum Beispiel auch Mädchen Sport machen lassen. Und man fragt sich, wie unter diesen Voraussetzungen in Gaza jemals der Aufbau einer funktionierenden Verfassung und eines funktionierenden Zivillebens geschafft werden sollen. Wenn ich selbst in Gaza leben würde, wäre ich wahrscheinlich depressiv.

Wie endete das Projekt?

Wir kamen selbst nicht mehr nach Gaza hinein. Die Boote konnten wir nicht einführen. Nach dem Wahlsieg der Hamas 2006 und der folgenden Blockade konnten wir auch kein Geld mehr an die Trainer überweisen. Irgendwann fehlte alles. Das Programm hat sich totgelaufen. Ich bin im Frühjahr 2008 aus dem Verband ausgeschieden.

Haben Sie noch Kontakt nach Gaza?

Nach dem Abzug der israelischen Armee hat mein Vater wieder Kontakt mit unseren Verwandten aufnehmen können. Es geht ihnen gut, abgesehen von der Versorgungslage. Da haben wir sicher mehr Glück gehabt als viele andere Familien.

Das Gespräch führte Evi Simeoni

Quelle: F.A.Z.
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