11.08.2004 · Kein Kirchturm, keine Kneipen, keine alten Männer auf Bänken, kein Stallgeruch, kein Vorgartenrasen: Ein Rundgang im seltsamsten Dorf der Welt - dem olympischen.
Von Christian Eichler, AthenDas seltsamste Dorf der Welt muß so aussehen: kein Kirchturm, keine Kneipen, keine alten Männer auf Bänken, kein Stallgeruch, kein Vorgartenrasen, kein Viehzeug. Halt, eine Kuh gibt es doch im seltsamsten, im Olympischen Dorf (Olympia-Sonderseiten ). Sie steht dort, wo die Schweizer wohnen. Kuhglocke um den Hals, hippes Kopftuch zwischen den Hörnern, so balanciert das sportliche Tier auf einem Hinterhuf, als übte es für ein olympisches Debüt: das erste Rind in der Rhythmischen Sportgymnastik.
Solch ein optischer Reiz vor der Haustür hilft verläßlich, sein Nachtquartier wiederzufinden. Das Olympische Dorf von Athen ist sehr großzügig ausgefallen, wird viel gelobt: "Das beste, das es je gab", fand IOC-Präsident Jacques Rogge. Solide Neubauten statt eines Studentenwohnheims wie etwa in Atlanta. Doch wer den Trubel im Eingangsbereich der Anlage verläßt, wo die bunten Menschenströme zum allumfassenden Mikrokosmos von Nationalitäten, Physiognomien, athletischen Körperformen zusammenfließen, der kommt auf weiträumige, rechtwinklige Straßen wie auf einem Reißbrett, wo sich vor gleichförmigen Kreisverkehren und gleichförmigen Häusern leicht mal die Orientierung verlieren läßt.
„Toll, sehr ruhig, großzügig angelegt“
Selbst die wie ein Fahndungsplakat gestaltete Übersicht mit den 32 Wahlkandidaten für die IOC-Athletenkommission klebt immer an derselben Stelle, links vom Eingang. Da muß man zwecks Erkennbarkeit optische Reize setzen. Die deutsche Mannschaft, die am Mittwoch offiziell im Olympischen Dorf begrüßt wurde, hat ihr Revier in den Planquadraten "Pegasus" und "Cassiopeia" etwas dezenter markiert als die Schweizer: mit schwarzrotgoldenen Fähnchen. Auch ein Gegenpol zum Oranje der Holländer gegenüber.
"Das Dorf ist toll, sehr ruhig, großzügig angelegt", sagt der Fechter Ralf Bissdorf. "Nur ein bißchen mehr Rasen wäre ganz nett gewesen." Für botanische Kosmetik reichte die Zeit nicht mehr. Ein paar krüppelige Bäumchen und fußkranke Büsche spenden auf der braunen, nackten Erde der Vorgärten einen Schatten, in dem nicht mal eine Heuschrecke Schutz fände vor der brütenden Sonne. Der heiße Wind legt einen zarten Staubfilm in die Luft. Erst wenn die nächsten Bewohner einziehen, wird es wohl grün genug aussehen. Bei den Griechen sind die künftigen Wohnungen des heutigen Olympischen Dorfes so begehrt, modern, großzügig und hoch über dem Smog von Athen, daß die Mieter mit einem Losverfahren ermittelt werden müssen.
14 deutsche Häuser, 71 Wohnungen, 601 Betten
Eine Wohnungsbesichtigung in der deutschen Sektion: 14 Häuser, 71 Wohnungen, 601 Betten. Es gibt Apartments mit zwei, drei oder vier Zimmern, jedes einzeln klimatisierbar, jedes mit zwei Einzelbetten, die nach Bedarf wie beim 2,07 Meter großen Handballer Volker Zerbe verlängerbar sind. Zwei Bäder, ein Gemeinschaftsraum mit Tisch und Stühlen. Keine Küche - die wird erst für die bleibenden Mieter eingerichtet. Kahle Wände, nackter Marmorboden. Man ist ja nicht zum Wohnen hier.
Das Nationale Olympische Komitee hat die Ausstattung schon für die heutigen Bewohner ein wenig aufgewertet. Es spendierte jeder "deutschen" Wohnung Fernseher und Kühlschrank; Mietkosten: 70.000 Euro. Waschen läßt der Olympiadorfmensch im Waschzelt, weiße Wäsche in den weißen Beutel, bunte in den blauen, morgens abgegeben, abends fertig. Gegessen wird im gewaltigen Mensazelt, in dem 5500 Menschen 24 Stunden speisen können, in dem rein räumlich aber auch das Training von 400-Meter-Läufern oder Stabhochspringern möglich wäre. Zur Zerstreuung bieten sich Open-air-Kino und Schwimmbad an.
Labor, EKG, Sonographie, Defibrillator
Doch das Olympische Dorf, es ist kein Partydorf. Eher das Basislager für eine Expedition. Davon zeugt die komplizierte Logistik für sechzehn Tage Rundumversorgung von 451 deutschen Athleten, die am Mittwoch abend offiziell, mit dem Aufziehen der deutschen Flagge, begrüßt worden sind. So befindet sich im Haus der Mannschaftsleitung eine Apotheke, "alles nach den Dopingregeln getestet", wie ihr Chef Georg Huber betont, und so umfangreich, daß man zwei Laster brauchte. Es gibt ein Labor, EKG, Sonographie, Defibrillator für die 26 deutschen Ärzte und 40 Physiotherapeuten. Wenn Chefarzt Wilfried Kindermann in seiner Dorf-Praxis die Geräte nicht reichen, wird der Patient in eine Athener Privatklinik geschickt, mit der man kooperiert. Und zur Not gibt es ja auch noch die dorfeigene Poliklinik.
Höchst durchdacht das Ganze: eher Funktions- als Feriendorf. Der Charme der Raster-Architektur mag dabei ein wenig kurz gekommen sein. Doch den Charme sollen schließlich die Bewohner einbringen. Olympische Dorfkenner wissen ohnehin, daß man für die Stimmung nicht viel tun muß. Sie stellt sich von alleine ein, wenn erst einmal die Wettkampfspannung geschwunden ist. Olympische Dörfer werden von Tag zu Tag lauter. "Und wenn einer zu laut wird, dann muß er halt in eines der ausgelagerten Zimmer", sagt Georg Kemper, einer der stellvertretende Chefs de Mission. In zwei benachbarten Militärcamps hat das NOK für 110 Euro pro Nacht 75 weitere Betten gemietet. Nur so läßt sich das bei vielen anderen Mannschaften nicht vorgesehene Angebot verwirklichen, daß alle Sportler bis Ende der Spiele bleiben können, wenn sie wollen.
Und hinter der gemütlich-dörflichen Fassade steckt eine ausgeklügelte Binnenlogistik, die geschickte Verteilung von Zimmerpartnern und Nachbarn und allfälligen Einzelbelegungen - und das nach sensiblen Kriterien wie Wettkampfbelastung oder Schnarchlautstärken. Denn vor dem Traum von der Medaille steht der traumhafte Schlaf, und im Olympischen Dorf soll man in der Millionenstadt Athen so ungestört schlafen können wie sonst nur im vergessensten Kaff von Griechenland. Selbst die Dorf-Kuh macht keinen Ton.