Olympier legen größten Wert auf untadelige Umgangsformen. Das hat einerseits damit zu tun, daß sich die Damen und Herren des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ja selbst einen Skandal leisteten, der ihre Glaubwürdigkeit erschütterte. Andererseits ist ihr höchstes Gut "Olympische Spiele" derart lukrativ geblieben, daß sie zugleich höchste moralische Ansprüche an die zahlreichen Bewerber stellen können. Auch Leipzig achtet auf seinem Weg zur angestrebten offiziellen Kandidatur für 2012 peinlich genau auf jeden Buchstaben dieser "rules of conduct". Und deshalb glauben die Verantwortlichen, daß die jüngste Affäre um die Wuppertaler Agentur BSA "keine Gefahr für die Bewerbung" sei.
Zweierlei gelte es zu beachten, sagt der Neu-Isenburger Anwalt Ralf A. Schäfer, dessen Kanzlei die Interessen der Deutschen Sport-Marketing (DSM) vertritt, die ihrerseits die olympischen Ringe im Namen des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und der Stiftung Deutsche Sporthilfe vermarktet. Erstens: "Städte, die Spiele ausrichten wollen, dürfen die Ringe in den ersten beiden Phasen der Bewerbung nicht nutzen." Das gelte auch für jede Person oder Organisation, die im Namen dieser Städte handele. Deshalb, so Schäfer, sei Leipzig zweitens nicht dafür verantwortlich, wenn Trittbrettfahrer versuchten, die Bewerbung für ihre Interessen zu nutzen. Für "Ambush marketing", für ungenehmigte Werbung aus dem Hinterhalt also, sagt er, "können wir nichts. Das weiß natürlich auch das IOC."
Und doch will die Gesellschaft "Leipzig 2012" das kommende Woche im IOC-Hauptquartier in Lausanne noch einmal klarstellen. Und zugleich die frohe Botschaft verbreiten, daß sich der Deutsche Bundestag demnächst in erster Lesung mit dem Gesetzentwurf befassen werde, der auch hierzulande Markenschutz für die wertvollen olympischen Signets gewähren soll. Der Bundesrat hat schon freundliche Zustimmung signalisiert. "Das ist eine Conditio sine qua non der Bewerbung", sagt NOK-Präsident Klaus Steinbach. Und der Tauberbischofsheimer Anwalt Thomas Bach, der sich als IOC-Vizepräsident gerade in diesem Fall noch höflicherer Zurückhaltung befleißigt, deutet immerhin an, daß derartige Bemühungen "sehr wohlwollend aufgenommen" würden.
Einen solchen Pluspunkt können die Leipziger gut gebrauchen. Denn so ungewohnt flott der Gesetzgeber den Forderungen nachzukommen scheint, so zäh fließt ein gerichtsanhängiger Fall durch die Instanzen, der NOK und DSM sehr unangenehm ist. Die Olympiabewerber selbst wollen den Kasus zwar nicht kommentieren; aber auch sie verfolgen bang, wie das Oberlandesgericht Frankfurt Ende Oktober eine Unterlassungsklage gegen die Agentur BSA entscheiden wird (F.A.Z. vom 29. September). Deren Geschäftsgebaren wird je nach Temperament als "pfiffig", "bauernschlau", "dreist" oder gar "erpresserisch" bewertet. BSA-Geschäftsführer Ralf Höller jedenfalls zeigt sich entschlossen, Kapital zu schlagen aus einem bis 2008 gültigen Vertrag, den er einst mit der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG) schloß. "Erschlich", so nennt es das NOK. Denn den damals verantwortlichen DOG-Vertretern waren die Folgen offenbar nicht bewußt, als sie der BSA das Logo, das neben einer Fackel auch die olympischen Ringe zeigt, "zu ihrer eigenen Außendarstellung" überließen. Den Wert beziffert Höller auf bis zu drei Millionen Euro. Doch den Fall lautlos zu beenden, fehlt es DOG und NOK an Geld - und vor allem an Bereitschaft. Also reizt Höller ihn aus, indem er auch in Leipzig für sein Haus wirbt. Nachdem das DOG-Logo auf Bussen und Taxen unterbunden wurde, demnächst auf Tausenden Privatautos? Und wäre das "verbotene Vermarktung", wie DSM-Anwalt Schäfer findet? Er hält die Vereinbarung ohnehin für einen "auf unmögliche Leistungen gerichteten Vertrag, der von niemandem zu erfüllen ist". Denn die DOG hätte das Recht niemals weitergeben dürfen. Aber das Kind ist im Brunnen. Und die Diskussion zumindest "wenig hilfreich", raunt es aus Lausanne. Dagegen hilft kein Olympia-Knigge.