06.05.2004 · Interview mit der Sprecherin des Dachverbandes der griechischen Olympiagegner „Anti-Olympia Athen 2004“ - kurz nach der Explosion von drei Sprengsätzen vor einer Polizeiwache.
Am Morgen nach der Explosion von drei Sprengsätzen in Athen hat Ann Anni Vasidi, Sprecherin des Dachverbandes der griechischen Olympiagegner „Anti-Olympia Athen 2004“, Stellung genommen zu den Motiven der Olympiakritiker. Die 45 Jahre alte Athener Rechtsanwältin versichert, daß ihre Gruppe mit friedlichen Mitteln protestieren will und jede Gewalt ablehnt.
Wie viele Olympiagegner gibt es überhaupt in Griechenland?
Wir sind rund 1500 Menschen in Athen. Dazu kommen noch einmal 500 Mitstreiter in den olympischen Städten, wo das Fußballturnier ausgetragen wird, also in Volos, Thessaloniki, Patras und Iraklion auf Kreta. Aber wir werden täglich mehr, denn die Stimmung gegen die Spiele wächst spürbar deutlich.
Warum lehnen Sie die Olympischen Spiele in Athen ab?
In unserer Organisation sind die verschiedensten Gruppen vereinigt, jede hat wichtige Argumente gegen die Spiele. Die Ökologen beispielsweise beklagen die massive Umweltzerstörung durch das Spektakel. Die wenigen in unserer Stadt noch verbliebenen Grünflächen sind nun fast komplett zugebaut. Das Olympische Dorf hat ein wichtiges, grünes Naherholungsgebiet vollständig zerstört. Die gesamte Athener Küstenzone wird mit Sportstätten zubetoniert, und die Ruderstrecke in Schinias hat eine ökologische Nische für seltene Nistvögel vollständig verschwinden lassen. Von wegen grüne Spiele, wie es in den Bewerbungsunterlagen der griechischen Organisatoren einmal stand!
Doch längst nicht mehr nur die Ökologen melden sich zu Wort.
Nein, zum Glück nicht. Viele Gruppen bekämpfen die Einschränkung der demokratischen Grundrechte während der Spiele. So wird es uns in unserer eigenen Stadt nicht erlaubt sein, in sogenannten "roten Sicherheitszonen" zu demonstrieren oder sich überhaupt dort aufzuhalten. Wir befürchten durch die Angst vor Terrorangriffen und die in Athen grassierende Sicherheitshysterie den Einstieg in einen Überwachungsstaat. Niemand garantiert uns, daß all die Sicherheitstechnik, die derzeit installiert wird, auch nach den Spielen wieder abgebaut wird. Wir zeigen uns auch solidarisch mit den Bauarbeitern, deren Arbeitsbedingungen auf den olympischen Baustellen weder den griechischen noch den europäischen Sicherheitsvorschriften entsprechen. Der Arbeitsdruck ist durch die Zeitknappheit enorm. 15 tote und fast 200 verletzte Bauarbeiter sind diese Spiele einfach nicht wert! Es gibt keine einzige Erste-Hilfe-Station auf den Baustellen. Fast alle Bauarbeiter sind Gastarbeiter, die für 50 Euro am Tag schwer und gefährlich schuften müssen. Und die Baufirmen verdienen sich dank Olympia eine goldene Nase.
Viele sagen aber auch, die Spiele helfen Athen, endlich eine moderne, lebenswerte Stadt zu werden.
Vielleicht, aber zu welchen Kosten und mit welchen Opfern? Die Spiele werden so teuer wie keine zuvor. Wir rechnen mit bis zu acht Milliarden Euro, also rund drei Milliarden Euro mehr, als offiziell verkündet wird. 75 Prozent der Griechen befürchten massive Steuererhöhungen nach den Spielen. Für ein zweiwöchiges Sportereignis in diesem August müssen wir Griechen noch die nächsten fünfzig Jahre zahlen! Was wir jedoch brauchen, sind endlich moderne Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten und ein funktionierendes Sozialsystem für die Schwachen dieser Gesellschaft. Dazu müssen wir für eine ordentliche Infrastruktur auf den Inseln und in der Provinz sorgen. Derzeit fließt das ganze Geld in die Athener Sportstätten. Brauchen wir denn wirklich teure Stadien für Baseball oder Feldhockey, das kein Grieche kennt und spielt?
Was planen Sie während der Olympischen Spiele in Athen?
Wir werden der Weltöffentlichkeit zeigen, daß es auch viele Griechen gibt, die dieses Sportfest hier einfach nicht haben wollen. Wir wurden ja auch nie gefragt! Dafür gehen wir in die Sicherheitszonen, um zu demonstrieren. Aber, und das ist wichtig, auf friedliche Art und Weise. Unsere Organisation wird kurz vor der Eröffnungsfeier am 13. August ein großes, internationales Anti-Olympia-Fest organisieren. Mit dabei sind Olympiagegner aus Madrid, London und New York, Bewerberstädte für 2012, und aus Turin, wo 2006 die Winterspiele stattfinden.