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Olympia Startrainer Ingo Steuer wegen Stasi-Mitarbeit nicht nach Turin

26.01.2006 ·  Erstmals ist die deutsche Olympiamannschaft auf Stasimitarbeit überprüft worden. Das Ergebnis: Drei Trainer dürfen nicht mitfahren. Einer davon ist Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer, Paarlauf-Weltmeister und Bundeswehrsoldat.

Von Anno Hecker und Roland Zorn, München
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Das Nationale Olympische Komitee für Deutschland (NOK) hat erstmals nach der Wende eine scharfe Überprüfung der deutschen Olympiamannschaft auf Stasimitarbeit durchgesetzt und Konsequenzen gezogen.

Drei Mitglieder aus dem 162 Personen starken Betreuerteam für die Winterspiele in Turin werden wegen ihrer Stasi-Belastung nicht mitfahren. Zu den Betroffenen gehören der Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer und der Skisprungtrainer Henry Glass. Die Identität der dritten Person ist noch nicht bekannt.

Das NOK verweigerte die Veröffentlichung aller Namen mit Blick „auf den Schutz der Persönlichkeit“. Immerhin erklärte Generalsekretär Bernhard Schwank, daß zwei der drei Betroffenen freiwillig den Rückzug angetreten hätten. Einer aus dem Trio hatte keine Wahl: „Die Empfehlung der Stasikommission des Deutschen Sports“, sagte NOK-Präsident Klaus Steinbach, „war eindeutig.“

Voraussetzung für die Nominierung

Erstmals nach dem Zusammenbruch der ehemaligen DDR hatte das NOK eine weitgehend transparente und frühzeitige Überprüfung im August vergangenen Jahres in die Wege geleitet. Demnach zwang es die Verbände, alle potentiellen Olympiafahrer in leitenden Funktionen überprüfen zu lassen und das Einsichtsrecht in die Akten auf das NOK übertragen zu lassen. Alle 162 Betreuer, Ärzte oder Funktionäre der unteren Ebenen wurden aufgefordert, persönlich nach einer eventuellen Belastung bei der Birthler-Behörde nachzufragen und das Ergebnis dem NOK zu übermitteln. „Das war eine Voraussetzung für die Nominierung“, sagte Steinbach. Vor den Sommerspielen in Athen 2004 hatte das NOK laut Generalsekretär Schwank noch nicht so „scharf“ nachgefragt.

Die Stasi-Vergangenheit von Athleten und Betreuern holte das NOK seit dem Zusammenbruch der DDR immer wieder ein. In Albertville 1992 mußten die Sportfunktionäre über den Fall des Bobfahrers Harald Czudaj urteilen. Sie befragten abschließend seine zum Teil bespitzelten Bremser. Die Antwort war vorhersehbar: Die Anschieber hätten ohne Piloten nicht fahren können. Czudaj blieb im Rennen. Zwei Jahre später ließ das NOK den Co-Trainer im Bobfahren, Gerd Leopold, im Team, obwohl der Riesaer zu den Hauptamtlichen der Stasi gehörte. Im öffentlichen Dienst hätte Leopold, dessen Fall in Lillehammer hohe Wellen schlug, keine Chance gehabt.

Auswirkungen auf die Athleten

Die jüngste Überraschung aus dem Erbe der Firma „Guck und Horch“ könnte zumindest im Fall Steuer Auswirkungen auf die Athleten haben. Erst in der vergangenen Woche hatten die Chemnitzer Paarläufer Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy bei der Europameisterschaft in Lyon unter Anleitung von Trainer Steuer den zweiten Platz im Paarlauf erobert. Dabei hatten die beiden Sportler immer wieder die Bedeutung Steuers für den gemeinsamen Erfolg hervorgehoben. Wie aus Kreisen der Deutschen Eislauf-Union (DEU) zu erfahren war, wird nun voraussichtlich Steuers frühere Trainerin Monika Scheibe die Chemnitzer Medaillenkandidaten bei den Spielen in Turin betreuen.

Ingo Steuer war 1997 an der Seite von Mandy Wötzel Paarlauf-Weltmeister. Seine Sportkarriere könnte mit der Entdeckung seiner Stasi-Vergangenheit passé sein. Was den Fall noch erschwert, ist Steuers Beschäftigung bei der Bundeswehr, wo der 39 Jahre alte Sachse den Rang eines Stabsunteroffiziers bekleidet. Über die Verstrickung von Steuer, der für die sächsische SPD in der Bundesversammlung den Bundespräsidenten Horst Köhler wählte, ist bislang nichts in die Öffentlichkeit gelangt, weil die Akten bei der Birthler-Behörde mit Blick auf die NOK-Nachfrage blockiert wurden.

„Will Turin nicht belasten“

Auch der konspirative Einsatz von Henry Glass, alle drei Belasteten sind Inoffizielle Mitarbeiter (IM) gewesen, war bislang nicht bekannt. Glass, der als Assistenztrainer von Peter Rohwein arbeitet, zog, konfrontiert mit den Akten in der Anhörung durch die Stasi-Kommission, selbst die Konsequenzen: „Ich will das Unternehmen Turin nicht belasten. Deshalb ziehe ich mich zurück.“

Dementiert wurde am Mittwoch abend vom Deutschen Ski-Verband die Pressemeldung, zu dem Spitzeltrio gehöre auch der Biathloncoach Harald Böse. Sein Ausschluß wäre nicht verwunderlich gewesen. Seit mehr als zehn Jahren ist die Stasimitarbeit Böses im Dienst des Mielke-Imperiums bekannt. Unter dem Decknamen IM „Horst Sommer“ sammelte er zwischen 1979 und 1989 Informationen über Sportler - zur Zufriedenheit seines Führungsoffiziers. Trotzdem gehörte Böse regelmäßig als Assistent des Biathlon-Damenteams im Range eines Bundestrainers dem Olympiakader an.

Nach Einschätzung von Steinbach hat das NOK alles getan, um unangenehmen Enthüllungen während der Spiele vorzubeugen. Die Anfrage bei der Birthler-Behörde in Berlin hatte ergeben, daß es zu neun Personen Stasi-Akten gibt. Demnach sind sechs Verstrickungen „minder schwer“, so daß einer Repräsentanz in Turin im Namen Deutschlands nichts im Wege stehen soll. Marianne Birthler, die Bundesbeauftragte für die Auswertung der Stasiunterlagen, begrüßte das Verhalten des NOK.

Quelle: F.A.Z., 26.01.2006, Nr. 22 / Seite 37
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