12.05.2004 · Der olympische Spätstarter Athen hat scheinbar noch einmal die Kurve bekommen. Die sprichwörtliche "Last-Minute-Mentalität", über Jahre hin heftig kritisiert, zeigt kurz vor den Spielen ihre Qualitäten.
Von Torsten Haselbauer, AthenAm liebsten glaubt man ja an das, was man mit den eigenen Augen sieht. Denis Oswald, der Chef der Koordinierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für die Olympischen Spiele 2004 in Athen, ist da nicht anders als die meisten Menschen. Kurz vor Abschluß der knapp dreitägigen Inspektionsreise der "großen IOC-Gruppe" ließ er sich noch einmal zum Olympiastadion fahren. Und siehe da, die Bilder, die bereits seit Montag in aller Welt auf den Fernsehbildschirmen gezeigt werden, lügen nicht.
Der "Westflügel" des imposanten achtzig Millionen Euro teuren Stadiondachs, entworfen vom spanischen Baumeister Santiago Calatrava, bewegt sich langsam, aber stetig hoch hinauf in den Himmel über das Olympiastadion. Der zweite, ebenfalls knapp 9000 Tonnen schwere "Ostflügel" des Daches wird seinem Zwilling wohl bereits in der kommenden Woche folgen. "Eigentlich habe ich nie daran gezweifelt. Aber als ich am Stadion ankam und das sich bewegende Dach sah, blieb ich fünfzehn Minuten dort stehen, um es mir anzuschauen", erklärte der Schweizer Jurist sichtlich beeindruckt.
Auf dem "Timetable" schimmert es nur noch grün
Weniger pathetisch umschrieb dieses für viele überraschende Dach-Schauspiel Jörg Schill, der deutsche Bauberater des Athener Organisationskomitees, im Gespräch mit dieser Zeitung. "Seit Montag ist das Dach technisch über den Tisch. Da brennt nichts mehr an. Ich rechne damit, daß das Olympiastadion mit seinem Dach spätestens Ende Juni vollständig fertiggestellt sein wird." Es scheint fast so, als hätte der Anschub des Calatrava-Daches den zahlreichen Athener Bauvorhaben für die Sommerspiele noch einmal eine späte, aber kraftvolle Initialzündung verliehen.
"Ich habe keine Zweifel mehr. Alle Sportanlagen werden pünktlich zu den Spielen fertig sein", erklärte Oswald am Mittwoch im frühsommerlich heißen Athen, genau 93 Tage vor Beginn der Spiele am 13. August. Wie zum Beweis hielt er noch einmal seinen in Athen mittlerweile berühmt gewordenen "Timetable" in die Kameras - und da schimmerte es nur noch grün. "Das heißt, wir sind mit allen olympischen Projekten in der Zeit", erklärte der Schweizer das eintönige Farbenspiel. Zur Erinnerung: Noch vor einem Jahr sprangen einem fast ausnahmslos die grellen Signalfarben Rot und Gelb ins Auge. Das verhieß damals wirklich nichts Gutes für die Athener Spiele. Die Farben waren Sinnbilder für die schweren Bauverzögerungen an fast allen Sportstätten.
High-Tech-Sicherheitsanlagen werden installiert
Heute, im Mai 2004, scheinen selbst die über lange Zeit höchst unsicheren neuen Athener Nahverkehrssysteme nicht mehr in Frage gestellt zu werden. Am Dienstag kündigte der griechische Transportminister Michalis Liapis die Fertigstellung der Flughafenbahn an. Auch die pünktliche, sommerliche Inbetriebnahme der Straßenbahn hinunter zu den Sportanlagen an der Küste stellte er außer Frage.
Es war das letzte Mal, daß Oswald als Chefkoordinator in Athen Rede und Antwort stand. Fortan werden nur noch kleinere Arbeitsgruppen mit speziellen Arbeitsaufträgen die Olympiastadt besuchen. In den vergangenen beiden Tagen setzte sich der Schweizer auf allerhand Sofas bei Regierungs- und Oppositionsvertretern. Er sprach natürlich auch mit der multilateralen Sicherheitsgruppe, die in Athen ist und an einem komplexen Sicherheitskonzept für die Spiele arbeitet. Und auch von dieser Seite sind "nur gute Nachrichten" zu vernehmen, wie Oswald gestern stolz verlautbarte. Vom 28. Mai an werden die High-Tech-Sicherheitsanlagen überall an den Stadien und in der Stadt installiert.
Drei „verlorene Jahre“
Der olympische Spätstarter Athen hat scheinbar noch einmal die Kurve bekommen. Die sprichwörtliche "Last-Minute-Mentalität", über Jahre hin heftig kritisiert, zeigt plötzlich kurz vor den Spielen ihre Qualitäten und führt so manche übertriebene Panikmache ad absurdum. "Wir haben in vier Jahren das geschafft, was das IOC in sieben Jahren von uns verlangt hat. Das macht uns Griechen stolz und zeigt der Welt, wozu wir kleines Land in der Lage sind", sagte die Vorsitzende des Athener Organisationskomitees, Gianna Angelopoulos-Daskalaki. Eine Art kollektives Eigenlob für die Hellenen. Die Chefin war jedoch auch selbstkritisch genug, die ersten drei Jahre der olympischen Vorbereitungszeit deutlich anzusprechen: "Da haben wir so gut wie nichts getan. Es waren verloren Jahre." Aber in dieser Zeit stand sie ja auch noch nicht an der Spitze des griechischen Organisationskomitees.