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Olympia-Kommentar : Das Dilemma des Thomas Bach

Thomas Bach und das IOC entscheiden über Russland und Olympia 2018. Bild: AFP

Die Vorstellung, dass Russland Olympia boykottiert, ist Thomas Bach ein Greuel. Wenn das IOC aber nur Athleten sperrt, dann beerdigt es den Restglauben an seine Integrität – und damit sich selbst.

          Der russische Vize-Ministerpräsident Mutko ist außer sich. Er spricht in diesen Tagen von einer politischen Verschwörung gegen seine Heimat. Doping in Russland? Vielleicht in Einzelfällen. Aber vom Staat mitorganisiert, sogar im Fußball? Niemals. Mutko, Präsident des russischen Fußball-Verbandes und Chef der WM-Organisation 2018, will sich jedem Gericht der Welt stellen und notfalls die Hand heben – zum Schwur. Seine Attacken sollen der Welt Russland als Opfer eines Phantasten präsentieren: Alles gelogen. Alles erfunden. Von Herrn Rodtschenkow, einst Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors. Der sitzt in den Vereinigten Staaten und berichtet von einem Manipulationssystem, wie man es von der ehemaligen DDR kannte. Selbst das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat keinen Zweifel mehr: Rodtschenkow, heißt es in einem IOC-Bericht, sagte die Wahrheit.

          Der Umkehrschluss ist ein Affront für Mutko. Denn unausgesprochen stellt das IOC den mächtigsten russischen Sportfunktionär hinter Staatschef Putin als Lügner dar. Trotzdem verzichtete Mutko bislang darauf, das Resultat der IOC-Untersuchung direkt anzugreifen. Das ist nur mit seiner Kalkulation zu erklären, einen Ausschluss der russischen Olympiamannschaft von den Winterspielen in Südkorea 2018, selbst eine Teilnahme ohne Fahne verhindern zu können. An diesem Dienstagabend (19.30 Uhr) will das IOC seine Entscheidung bekanntgeben. Gäbe Mutko bis dahin zu, was offensichtlich ist, würde er nicht nur Putin als Mitwisser entlarven. Auch der Internationale Fußball-Verband (Fifa) wäre endlich gezwungen, seine Ignoranz aufzugeben und eine heikle Frage seriös zu behandeln: Wenn die Nationalmannschaft Teil des staatlichen Doping-Systems war, wie kann sie dann bei der WM antreten?

          Die Entscheidung des IOC am Dienstag könnte den Weg zu dieser Aufarbeitung mit einer enormen politischen Sprengkraft verstellen. Falls es Mutko gelingt, den Olympiern mit einem Boykott-Gespenst Angst einzujagen. Seine Verschwörungstheorie, seine Weigerung, auch nur ansatzweise die Ergebnisse der Untersuchungen anzuerkennen, deuten auf einen Rückzug der Russen hin, selbst wenn das IOC dem Olympiateam nur Fahne und Hymne verweigern sollte in Südkorea.

          IOC-Chef Bach ist diese Vorstellung ein Greuel. Er hat dem IOC viel Geld gesichert über die Fernsehverträge und das Ausrichterproblem mit Paris 2024 und Los Angeles 2028 für eine Dekade gelöst. Aber er würde in die Geschichte eingehen als der erste Präsident seit 1984, der einen Boykott nicht verhindern konnte. Ausgerechnet Bach, als Fechter 1980 erfolglos gegen die Entscheidung der Bundesregierung angerannt, den Sommerspielen in Moskau fernzubleiben. Seitdem betrachtet der Tauberbischofsheimer Boykotte als Sargnägel für die olympische Bewegung. Aber wenn das IOC Staats-Doping nicht wenigstens mit dem Entzug staatlicher Insignien bei seinen Spielen bestraft, sondern nur Athleten lebenslang sperrt, dann beerdigt es den Restglauben an seine Integrität und damit sich selbst.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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