04.10.2009 · Rio de Janeiro bekommt die Olympischen Spiele 2016 und Brasilien hat einen neuen Volkshelden: Präsident Lula da Silva. Virtuos spielte er auf der Klaviatur der Emotionen. Das heikelste Problem ist der prekäre Zustand des Verkehrsnetzes und nicht die Unsicherheit.
Von Josef Oehrlein, Rio de JaneiroAls Chicago, der vermeintlich übermächtige Rivale, gleich in der ersten Runde ausschied, brach kein Jubel aus. Die Reaktion war eher ungläubiges Staunen. Doch dann, als auf den Großbildschirmen Jacques Rogge im entfernten Kopenhagen etwas umständlich den Umschlag öffnete und „Rio de Janeiro” zum Sieger proklamierte, als der brasilianische Präsident Lula da Silva von seinem Stuhl aufsprang und das Fußballidol Pelé umarmte, war alles nur noch Karneval am Strand von Copacabana, an dem sich 30.000 Menschen vor einer Musikbühne versammelt hatten.
„Entschuldigung, dass wir glücklich sind“, sagte Lula in Kopenhagen, und das war vor allem auf seinen amerikanischen Amtskollegen Obama gemünzt. Das Wort „Schadenfreude“ gibt es im Portugiesischen nicht, und schon deshalb fand Lula nur freundliche und tröstende Worte für seine illustren Konkurrenten. „Für mich war es ein heiliger Tag“, sagte ein stolzer und überglücklicher Lula später. „Wenn ich jetzt sterben müsste, dann hätte sich mein Leben schon gelohnt.“
Im brasilianischen Fernsehen wurde dazu immer wieder das Bild von Lula gezeigt, der sein Gesicht hinter einem weißen Taschentuch verbirgt, in das Freudentränen kullern. Ein Ereignis wie die Nominierung Rios zur Olympiastadt ohne Tränenerguss zu überstehen ist für einen Brasilianer unvorstellbar. Lula hat auch bei ganz anderen Gelegenheiten schon in der Öffentlichkeit geweint, etwa wenn ihn enge politische Freunde enttäuscht haben. Nun aber war alles Freude, und Brasilien hat einen neuen Volkshelden.
Lula war die treibende Kraft bei der Bewerbung Rios für die Olympischen Spiele 2016, hatte überall, wo er auf seinen ausgedehnten Reisen in den vergangenen Jahren hinkam, beharrlich Lobbyarbeit betrieben. Und er hatte aus den Fehlern bei der gescheiterten Kandidatur Rios für die Spiele 2012 gelernt.
Virtuos spielte er bei der abermaligen Bewerbung nicht nur auf der Klaviatur der Emotionen, er hatte auch stets plausible Argumente parat, um die Bedenken gegenüber den Schwachpunkten der brasilianischen Präsentation zu zerstreuen. Lula beschwor die Zauberformel, mit der sich jederzeit Zweifel an brasilianischer Effizienz beseitigen lassen: „Wir wissen zu arbeiten, wenn wir herausgefordert werden.“
In sieben Jahren nachholen, was in 50 nicht getan wurde
Nach der Jubelfeier am Strand zog in den Abendstunden auch wieder Ernüchterung in Rio ein. Nicht jeder erhofft sich gute Geschäfte, einen Job oder auch einfach nur Spaß von den Spielen. Manchen graut weniger vor dem Sportereignis selbst und dem Chaos, das es in ihr Alltagsleben bringen wird, vielmehr macht ihnen bang, was sie in den nächsten sieben Jahren bis zu den „Jogos Olímpicos“ erwartet: ein Bauboom ohnegleichen, noch mehr Verkehrsbehinderungen als jetzt schon, Spekulation, steigende Preise.
In sieben Jahren, rechnen die Medien vor, müsse nachgeholt werden, was in 50 Jahren nicht getan worden ist: Das Metronetz muss vergrößert, die Hotelkapazität verdoppelt werden. Mehr als 30 Sportstätten gilt es für olympische Zwecke herzurichten oder zu bauen. Die Buchten und Lagunen müssen gesäubert werden. Nicht umsonst hatte Rio bei seiner Bewerbung mit knapp zehn Milliarden Euro unter allen vier Bewerbern das größte Budget für die Spiele vorgelegt.
Generalprobe Fußball-WM
Das heikelste Problem für Rio ist der prekäre Zustand des Verkehrsnetzes und nicht die Unsicherheit. Bei den Panamerikanischen Spielen 2007, die ein Probelauf waren, war kurzerhand das Militär eingesetzt worden. Damit war während der entscheidenden Tage tatsächlich ein Ausufern der Kriminalität verhindert worden. So wird es vermutlich auch 2016 wieder sein.
Vor den Olympischen Spielen gibt es noch einmal eine Art Generalprobe: 2014 während der Fußball-Weltmeisterschaft, bei der Rio allerdings nur einer von mehreren Austragungsorten ist. Die Erfahrungen bei den Panamerikanischen Spielen waren ernüchternd. Der Etat, der ursprünglich auf umgerechnet 300 Millionen Euro veranschlagt worden war, umfasste schließlich fast 1,5 Milliarden. Trotzdem wurde bei weitem nicht alles gebaut oder hergerichtet. Das für die umfassende Säuberung der Guanabara-Bucht bereitgestellte Geld etwa ist in der Korruption versickert. Nicht einmal der größte Olympiamuffel dürfte indes bezweifeln, dass Lulas Coup nicht nur das Selbstwertgefühl der Brasilianer gesteigert, sondern ganz Südamerika zu neuer Aufmerksamkeit in der Weltöffentlichkeit verholfen hat.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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