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Ehemaliger Cas-Richter Krähe : „Das IOC kann sich doch nicht über den Cas hinwegsetzen“

Sportlich hat sich Rodlerin Tatjana Iwanowa für die Winterspiele qualifiziert – darf sie auch starten? Bild: dpa

Darf das IOC russischen Athleten den Start in Pyeongchang verweigern? Christian Krähe, Jurist im Internationalen Rennrodelverband, über das Urteil des Sportgerichtshofs Cas und die möglichen Folgen.

          Wie beurteilen Sie die Ergebnisse des Cas-Prozesses?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Sie verwundern mich nicht. Das wäre andersherum der Fall gewesen. Sie bestätigen die Entscheidung des Disziplinargerichts der FIL (Internationaler Renn-Rodel-Verband, d.Red.) unter meiner Leitung. Ich fürchte nur, dass das IOC die Entscheidungen des Cas nicht umsetzen und die freigesprochenen Athleten nicht starten lassen will bei den Winterspielen.

          Was passiert dann?

          Es wird eine Menge Verfahren vor den Ad-Hoc-Gerichten des Cas in Pyeongchang geben. Eigentlich steht einem Athleten, der nicht gegen die Charta des IOC verstoßen hat – in 28 Fällen konnte der Nachweis einer Verletzung der Anti-Doping-Regeln nicht ausreichend geführt werden – ein Startrecht zu, insofern er sich sportlich qualifiziert hat. So konsequent müsste man schon sein, wenn man vor dem Cas verloren hat. Aber es kommt noch ein anderes Problem hinzu.

          Welches?

          Die Startplätze in den einzelnen Wettbewerben sind ja schon verteilt worden ohne Rücksicht auf den Ausgang des Verfahrens. Wenn nun die russischen Athleten, die vom Cas recht bekommen haben, dazukommen, dann müssten Athleten, die deren Startplätze übernommen haben, weichen. Das geht doch nicht. Das IOC müsste sich zu einer Ausnahmeregelung durchringen.

          Christian Krähe ist Vorsitzender des Rechtsausschusses des Internationalen Rennrodelverbands und war Cas-Richter.

          Damit die russische Rennrodlerin Iwanowa starten darf?

          Ja, zum Beispiel. Sie hat den Weltcup-Wettbewerb am vergangenen Wochenende gewonnen trotz der psychischen Belastung, die so ein Verfahren mit sich bringt. Der Cas hat sie freigesprochen. Und sie soll nicht starten dürfen? Das fände ich skandalös.

          Ist der Freispruch ein Beleg dafür, dass sie nicht involviert war in das staatliche Doping-System?

          Nein. Ich kenne zwar die Begründung noch nicht. Aber nach meinem Verständnis haben die Indizien nicht ausgereicht, eine Verletzung der Anti-Doping-Regeln zu beweisen. So haben wir auch unsere Entscheidung begründet, die Athletin nicht zu suspendieren. Den Verdacht gab es. Er war auch nicht unbegründet. Aber es ist nicht gelungen, Doping zu beweisen.

          Damals sagten Sie dieser Zeitung, das Urteil des IOC (lebenslange Sperre) sei nicht diskussionswürdig, insofern der Zeuge und Architekt des russischen Doping-Systems bei seiner Befragung nicht zusätzliche Belege liefert. Sie haben die nichtöffentliche Befragung in Genf erlebt. Was hat er gesagt?

          Nichts, was über die Aussagen in der eidesstattlichen Versicherung hinausging, die uns auch schon vorgelegen hatte. Im Fall von Frau Iwanowa konnte er nicht sagen, ob sie den Doping-Cocktail bekommen hatte, ob ihre Probe manipuliert worden war und so weiter, nichts Konkretes. Er wurde per Video zugeschaltet und war nicht zu identifizieren, weil er hinter einer Leinwand saß. Mitunter waren seine Aussagen schwer zu verstehen. Vielleicht haben die Richter ihm nicht so viel Glauben geschenkt. Das IOC wäre sehr mutig, wenn es die vom Cas freigesprochenen Athleten nun nicht zulassen würde.

          Weil ihm Schadenersatzklagen drohen?

          Ja, und weil es einen weiteren Image-schaden erleiden würde.

          Sehen Sie denn nicht die teuren Bemühungen des IOC, mit Kommissionen und forensischen Untersuchungen Dopern auf die Schliche zu kommen? Niemals zuvor ist so ein Aufwand getrieben worden.

          Das mag ja sein. Aber das IOC kann doch nun nicht hingehen und seine Machtvollkommenheit beweisen, indem es seine Sicht der Dinge über den Cas hinweg mit Gewalt durchdrückt. Aber ich gehe von einer gewissen Selbstdisziplin des Cas aus.

          Was meinen Sie damit?

          In der Regel halten sich Cas-Richter an die grundsätzlichen Entscheidungen ihrer Kollegen in vorangegangenen Verfahren.

          Die Ad-hoc-Einrichtungen werden die Urteile des Cas also nicht kassieren?

          Das glaube ich, ja. Das Cas hat seine Reputation durch diese Entscheidungen vergrößert. Jeder kann sehen, dass es unabhängig arbeitet. Ich sehe hier einen Imagegewinn für das Cas und eher einen Verlust auf der Seite des IOC.

          Könnte es zu Klagen vor ordentlichen Gerichten kommen?

          Das hätte meines Erachtens keinen Sinn. Die Ad-hoc-Gerichte in Südkorea werden innerhalb von 24 Stunden entscheiden. Das müssen sie auch. Es geht nicht nur um die Zulassung zum Wettbewerb, es geht schon um die Frage, ob jemand am Training teilnehmen kann (beim Rodeln ist nur eine gewisse Zahl an Trainingsläufen gestattet/d. Red.). Das beginnt am Montag. Ein staatliches Gericht wäre wegen der Kürze der Zeit überfordert.

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