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Olympia 2020 in Tokio Die Entdeckung des Morgen

In Japan weckt die Vergabe der Olympischen Spiele 2020 nach Tokio Hoffnungen. Die Menschen wünschen sich wirtschaftlichen Aufschwung und schnelleres Handeln in Fukushima.

© AFP Vergrößern Japan jubelt über die IOC-Entscheidung und verknüpft große Hoffnung mit Olympia 2020

Im Sportstudio Esforta im Stadtteil Ichigaya in Tokio gibt es an diesem Morgen nur ein Thema. Die Olympischen Spiele 2020 kommen nach Tokio. „Banzai“, „Hurra“ ruft ein junger Mann und wirft die Arme in die Höhe. Auch Mana Narisawa, die an diesem Sonntag als Trainerin die Frühschicht ab sieben hat, freut sich. „Toll“, sagt sie und lacht. Sie habe sich gefreut, als sie nach dem Aufstehen im Radio gehört hat, dass sich Tokio gegen Istanbul und Madrid durchgesetzt hat. „Jetzt muss ich wohl doch härter trainieren, damit es bis 2020 klappt.“ Die junge Frau ist Hochspringerin, persönliche Bestmarke 1,65 Meter.

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Während im Sportstudio in Ichigaya auf dem Laufband geschwitzt oder Gewichte gestemmt werden, feiern gut 3000 Menschen vor dem wenige Kilometer entfernten Rathaus der Stadt in Shinjuku. In farbige T-Shirts gekleidet haben sich 600 von ihnen so aufgestellt, dass die Menschen in den umliegenden Hochhäusern von oben das Danke der Japaner lesen können: „Arigato“, „Thank you“. Vizegouverneur Toshiyuki Akiyama hält eine kurze Rede. „Der Grund für unseren Erfolg sind die Bürger Tokios und die Unterstützung aus dem ganzen Land“, sagt er. Dabei hatte die Bewerbung Enthusiasmus allenfalls bei den politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes ausgelöst. Umfragen zeigten zwar, dass 77 Prozent der Bewohner Tokios sich die Olympischen Spiele in Tokio wünschten. Die großzügig verteilten Anstecknadeln mit „Tokio, Olympia 2020“ steckten vor allem aber an den Anzugjacken der Würdenträger. Die meisten Bürger von Tokio wollten die Spiele, blieben aber - wie es sich für Japaner gehört - eher zurückhaltend.

Mutmacher in der Krise

„Entdecke das Morgen“ war der Slogan der Japaner, die bei ihrer zweiten Bewerbung auf ein kompaktes Konzept setzten. 85 Prozent der Wettkampfstätten liegen in einem Radius von nur acht Kilometern zum olympischen Dorf. „Tokio ist der richtige Partner zur richtigen Zeit“, sagte Japans IOC-Mitglied Tsunekazu Takeda zu seinen Kollegen in der argentinischen Hauptstadt. Die zweite Botschaft der Entscheidung des IOC ist die, die Japans Regierungschef Shinzo Abe seit seinem Regierungsantritt Ende 2012 landauf, landab immer wieder predigt: „Japan ist wieder da!“

aerial © AP Vergrößern Tokio von oben gesehen: Ein Dank, gebildet aus begeisterten Japanern

Tatsächlich wirkte die positive Nachricht morgens um 5.20 Uhr Ortszeit vor allem wie ein Mutmacher für die krisenerprobten Bürger. Nach bald zwei Jahrzehnten, in denen immer wieder die Rede davon war, wie tief das Land in der Krise steckt, ist Pessimismus weit verbreitet. Viele Menschen in Tokio hoffen, dass die Olympischen Spiele dem Lande wieder wirtschaftlichen Schwung und mehr Zuversicht geben. „Ich habe vor Freude meine Arme in die Höhe gerissen“, erzählt der Rentner Yoshifumi Kuwamara, der sich am Wochenende Tokio ansehen wollte, dann aber mit gut 1000 anderen vor dem Komazawa Olympiapark die Entscheidung vor der Großleinwand verfolgt: „Das könnte einen Wirtschaftsboom auslösen.“ Regierungschef Shinzo Abe bestärkt die Japaner darin. „Das bringt Rückenwind für unsere Wirtschaft“, erklärte er in der Morgensendung eines Fernsehsenders. Eine 74 Jahre alte Rentnerin vor dem Rathaus in Shinjuku erinnert sich an die Olympischen Spiele 1964 in Tokio. „Danach begann der wirtschaftliche Aufstieg Japans“, sagt sie. „Ich freue mich, in meinem Leben noch bei zweiten Olympischen Spielen (in Tokio) dabei zu sein.“

Was wird aus Fukushima?

Im Vergnügungsviertel Shibuya skandierten tausende Nachtschwärmer auf dem Weg von den Nachtclubs und Bars nach Hause gemeinsam mit Olympia-Frühaufstehern „Nippon! Nippon!“ - „Japan, Japan“. Die Zeitung „Asahi“ feierte die Entscheidung des IOC mit einer Sonderausgabe. Auch viele Japaner, die sich über den Erfolg Tokios freuen, räumen ein, dass vor allem die Wirtschaftskraft des Landes geholfen hat, den Zuschlag zu bekommen. Tatsächlich ist das Ja zu Tokio nur zwei Jahre nach den Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang ein weiterer Beleg für das wirtschaftliche Denken des IOC. Tokio 2020 lockte unter anderem mit spektakulären Einschaltquoten und dem größten Ticketmarkt der Welt - der bevölkerungsreichste Kontinent der Welt macht‘s möglich.

Tokyo awaits IOC decision on 2020 Olympic Games © dpa Vergrößern Olympia erobert die japanischen Läden: Dekoration eines Blumenladens in Tokio

„Die modernsten und sichersten Spiele“ kündigte das offizielle Japan an. „Ich bin aufgeregt“, sagt die Hausfrau Miyuki Yoshida. Ihre beiden Jungs, acht und zehn Jahre alt, freuen sich, Nationalmannschaften aus aller Welt Fußball spielen zu sehen. „Und das live, nicht nur am Bildschirm.“ Die Mutter aber sorgt sich derweil, „dass die Probleme in Fukushima nun vergessen werden“. Im Fernsehen hat sie gehört, dass Ministerpräsident Abe dem IOC zugesichert hat, es gebe keine Risiken. Yoshida kauft - wie viele andere Mütter in Tokio auch - für ihre Kinder bis heute keine Milch, kein Obst und kein Gemüse aus der Präfektur Fukushima. Bislang sei auf dem Gelände des Atomkraftwerks noch keine richtige Wende zum Besseren erkennbar. Dann lacht sie. „Vielleicht hat die Entscheidung für Tokio ja noch etwas Gutes“, sagt sie, „vielleicht bringt das den nötigen Druck von außen, dass in Fukushima schneller gehandelt wird.“ Ihre beiden Söhne spielen auf der Straße Fußball. „Banzai, banzai“, rufen sie dabei immer wieder, „hurra“, „hurra“.

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Quelle: F.A.Z.

 
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