06.07.2011 · Nach einer glanzvollen Präsentation erhält München von den 95 IOC-Preisrichtern eine lächerliche Note. Nur 25 Stimmen gehen an den deutschen Olympia-Bewerber, 63 indes an Pyeongchang. Zum ersten Mal finden damit Olympische Winterspiele in Korea statt.
Von Evi Simeoni, DurbanEine „Kiss-and-Cry-Ecke“ wie im Eiskunstlaufen hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) nicht vorgesehen. Katarina Witt, die leidenschaftliche und tapfere Kämpferin für die Münchner Olympiabewerbung, wäre aber sowieso am liebsten so schnell wie möglich aus dem Kongresszentrum in Durban verschwunden, um ihre Tränen nicht mehr zurückhalten zu müssen. Einen solch gnadenlosen Wettbewerb hat die zweimalige Olympiasiegerin im Eiskunstlaufen noch nie bestritten - nur der Sieg zählte beim Wettbieten um die Olympischen Winterspiele 2018.
Und die Notengebung spiegelte die Qualität der Darbietung nicht wider. Nach einer glanzvollen Abschlusspräsentation am Tag der Entscheidung erhielt München von den 95 Preisrichtern des IOC eine lächerliche Note: Nur 25 Stimmen, so wenig, dass der Hauptrivale Pyeongchang in Korea mit 63 positiven Voten schon im ersten Wahlgang gewonnen hatte. Dass nur sieben Mitglieder für den dritten Mitbewerber Annecy gestimmt hatten, war erwartet worden.
Zum ersten Mal finden damit Olympische Winterspiele in Korea statt, erst zum zweiten Mal - nach Sapporo 1972 und Nagano 1998 - in Asien. Damit, dass München schon im ersten Wahlgang so bitter geschlagen würde, hatte aber selbst IOC-Präsident Jacques Rogge nicht gerechnet. „Das hat mich überrascht“, sagte er. „Es hat wohl eine Rolle gespielt, dass Pyeongchang es bereits zum dritten Mal versucht hat. Wir sind dankbar, wenn jemand Beharrlichkeit und Geduld beweist.“
Als stummer Zeuge des finanziellen Durchhaltevermögens von Pyeongchang hatte zuvor Lee Kun-hee auf dem Podium gesessen. Dem immer noch einflussreichen einstigen Chef des Samsung-Konzerns war vom koreanischen Staat eigens eine Strafe wegen Korruption erlassen worden, damit er IOC-Mitglied bleiben und die Olympiabewerbung unterstützen konnte. Samsung ist Multi-Sponsor des Sports, zum Beispiel aller 205 Nationalen Olympischen Komitees.
Thomas Bach: „Es tut mir leid für die Mannschaft“
Thomas Bach kleidete seine Enttäuschung erst einmal in Floskeln, wie man sie von Wahlverlierern in der Politik kennt. „Wir sind angetreten mit dem Anspruch zu gewinnen, und das haben wir nicht erreicht“, sagte der Vorsitzende der Gesellschafter der Bewerbung. „Wir waren der Meinung, dass jetzt die Zeit gekommen wäre, die Wurzeln des Wintersports zu stärken. Das haben die IOC-Mitglieder nicht so gesehen.“
Über die Frage einer neuen Bewerbung wolle er später nachdenken. „Man muss das Ergebnis ohne Zeitdruck analysieren und zu einer abgehobenen Entscheidung kommen.“ Die Höhe der Niederlage erklärte Bach für zweitrangig. „Hier ging es nur ums Gewinnen, es gibt keine Trostpreise.“ Trost allerdings schien auch der Multi-Funktionär aus Tauberbischofsheim nötig zu haben. „Es tut mir leid für die Mannschaft, und ich betrachte mich selbst als Teil von ihr.“
Konter gegen die Argumentation von Pyeongchang
Deutschland ist also wieder einmal mit einer Olympiabewerbung gescheitert, der vierten nach Berchtesgaden für 1992, Berlin für 2000 und Leipzig für 2012. „Wenn hier etwas rübergekommen ist, dann, dass sich Deutschland einen Auftrag gegeben hat. Dafür haben wir alles getan, mehr war nicht möglich“, sagte Bundespräsident Christian Wulff, der dem deutschen Projekt in Durban den politischen Nachdruck verlieh. „Große Hochachtung“ sprach Bach ihm dafür aus, dass er nach dem ersten Wahlgang in den Saal gegangen sei, um die Niederlage persönlich entgegen zu nehmen und seinem koreanischen Amtskollegen Lee Myung-bak zu gratulieren.
Das Kür-Finale in Durban - die jeweils 45 Minuten langen Präsentationen vor den IOC-Mitgliedern - war so hart wie der ganze Bieter-Wettbewerb, der für München und Annecy nahezu vier, und für Pyeongchang bereits zehn Jahre gedauert hatte. Bach betonte nicht nur die Vorteile der deutschen Bewerbung, sondern setzte eine Reihe von Kontern gegen die Argumentation von Pyeongchang.
Koreanische Großoffensive: 499 Schneekanonen
„Die heutige Entscheidung geht nicht um die Frage, wie viele Male sich jemand beworben hat. . . . Alte Bewerbungen geben Antworten auf alte Fragen. Heute geht es um die Fragen, mit denen wir morgen konfrontiert werden“, sagte er. Psychologisch geschickt setzte später die Delegation von Pyeongchang trotzdem auf den Mitleids-Faktor des zweimaligen Verlierers. Auch Franz Beckenbauers Glücksgen entfaltete diesmal keine Wirkung, obwohl der „Kaiser“ auf den Tag genau vor elf Jahren in Zürich den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 bekommen hatte. Diesmal reiste er bereits vor der Verkündung ab.
Gegen die koreanische Großoffensive - sogar 499 Schneekanonen wurden in Stellung gebracht - gab es kein Mittel. Mit einer perfekten Show, ausgefeilten Redebeiträgen und überraschend gefühlvollen Momenten brachten die Favoriten ihre Führung ins Ziel. „Liebe IOC-Mitglieder“, sagte Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Kim Yu-na. „Geben Sie uns die Chance, unsere Träume wahr zu machen.“
Olympische Entwicklungshilfe für Korea
Am meisten dürfte die IOC-Mitglieder aber wohl der 33 Jahre alte Freestyle-Skifahrer Toby Dawson alias Kim Bong-soek angerührt haben. Er wurde als kleines Kind von amerikanischen Eltern adoptiert und wuchs in Vail auf, wo er das Skifahren lernte. „Mein Glück“, sagte er. In Korea hätte er keine Sportkarriere aufbauen können - so aber gewann er 2006 in Turin die olympische Bronzemedaille.
Der logische Schluss: Der Wintersport in Korea braucht olympische Entwicklungshilfe. „Es geht nicht um die Geographie, sondern um Träume und die menschlichen Entfaltungsmöglichkeiten.“ Am Ende allerdings waren die Experten der Meinung, dass der geopolitische Faktor und die Erschließung neuer Märkte die entscheidende Rolle gespielt haben. „Die IOC-Mitglieder haben unsere Botschaft ,New Horizons‘ verstanden“, sagte der Chef der koreanischen Bewerbung, Yang Ho-jo. „Sie fanden, dass jetzt der richtige Moment gekommen ist.“
Olympia 2018
Otto Dieter Huber (otto-dieter)
- 06.07.2011, 19:27 Uhr
Sehr gute Entscheidung, jetzt....
W. Müller (drschagg)
- 06.07.2011, 19:28 Uhr
München?
Ernest Rose (ernesto007)
- 06.07.2011, 19:37 Uhr
Die Quittung fur eine halbherzige Bewerbung ...
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 06.07.2011, 19:55 Uhr
Gut so! - Dafür hat der deutsche Steuerzahler keinen einzigen Cent übrig!
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 06.07.2011, 20:05 Uhr