20.10.2011 · Die Restbestände von München 2018 werden versteigert - es ist ein trostloser Kehraus. Denn Spiele, die man gewinnt, schaffen Erinnerungen. Spiele, die man verliert, schaffen Gerümpel.
Von Christian EichlerAuch in seinen künstlerischsten Momenten hinterlässt der Sport keine Kunstwerke. Jedenfalls keine, die sich anfassen, aufheben, ausstellen ließen. Doch gibt es beim Publikum ein Bedürfnis, das, was es erlebt hat, festzuhalten. Deshalb wird der Sport, auch wenn man nicht ihn selbst ausstellen kann, sondern nur seine Restbestände und Randerscheinungen, mehr und mehr museal.
So wird in naher Zukunft in Dortmund das Deutsche Fußballmuseum eröffnen und in München das des FC Bayern. Beide werden die Erinnerung an große Tage vermutlich etwas anders gestalten, als man das in Neapel tut, wo die Bayern am Dienstag spielten. Dort konnten Gäste-Fans in der Altstadt den Schrein für Diego Maradona bewundern.
Er enthält die Art von Reliquien, die man auch lebenden Heiligen ohne Körperverletzung abnehmen kann: eine Locke und einige jener Tränen, von denen Maradona zum Glück viele vergoss. Nachwachsende Rohstoffe der Heldenverehrung.
Ein ganz anderes Exponat, das vom besten Europapokalspiel einer deutschen Mannschaft zeugt, findet sich dagegen an einem Ort, an dem kaum mal ein deutscher Fan vorbeikommen dürfte - im Klubmuseum von Vitesse Arnheim. Es ist die Cola-Dose, deren Wurf sich an diesem Donnerstag zum 40. Mal jährte und die wegen der theatralischen Kunst des Italieners Roberto Boninsegna zur Annullierung des 7:1-Sieges von Borussia Mönchengladbach über Inter Mailand führte.
Der holländische Schiedsrichter Jef Dorpmans nahm das Stück Blech einst mit nach Hause und spendete es dem Museum seines Heimatvereins. So stehen die Gladbacher auch vierzig Jahre nach ihrem größten Abend mit leeren Händen da. Nicht mal das Corpus Delicti ist ihnen geblieben.
Tore kann man nicht aufheben, nur Tatwaffen. Oder aber die Restbestände von Träumen. Ein solcher platzte in München am 6. Juli, als die Olympischen Winterspiele 2018 nach Korea gingen. Nun wurden die Überbleibsel der Bewerbung versteigert. Darunter Ladenhüter wie die Stellwände mit Münchner Logo; aber auch praktisch Wiederverwertbares, von PC-Zubehör über ein Damenfahrrad bis hin zu Thermo-Einlegesohlen, hilfreich, um bei großen Projekten keine kalten Füße zu kriegen.
Überraschend im Angebot auch ein Faxgerät aus der Produktion jenes koreanischen Konzerns, der den Erfolg des Münchner Konkurrenten Pyeongchang mit viel Geld und Einfluss befördert haben soll.
Liquidiert wird hier die hoffnungsvollste deutsche Olympiabewerbung der vergangenen vierzig Jahre. Da müsste doch etwas dabei sein, das sich museal aufzuheben lohnte? Aber nein, nichts dabei, kein Stück, das auch nur irgendwie Erinnerungswert hätte oder gar ein wenig Flair von großem Sport, von olympischem Geist.
Deshalb war dieser letzte Akt von München 2018 noch trostloser als die Haushaltsauflösung einer gescheiterten Ehe. Er war die Haushaltsauflösung einer Ehe, bei der die Braut schon vor der Hochzeit zu einem anderen gelaufen ist. Bleibt nur die triste Lektion: Spiele, die man gewinnt, schaffen Erinnerungen. Spiele, die man verliert, schaffen Gerümpel.