03.10.2009 · Die Olympischen Sommerspiele 2016 finden in Rio de Janeiro statt. Überraschend war der von Barack Obama unterstützte Favorit Chicago schon im ersten Durchgang ausgeschieden. Tokio musste seine Hoffnungen wenig später begraben, Madrid verlor danach im entscheidenden Wahlgang gegen Rio.
Von Evi Simeoni, KopenhagenDie Operation „Julius Cäsar“ ist misslungen. Der mächtigste Mann der Welt kam, sah, aber siegte nicht. Barack Obama reiste für fünf kostbare Präsidenten-Stunden nach Kopenhagen, sah eindringlich in die Gesichter der Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) - und fiel krachend durch. Keine Olympischen Spiele 2016 in Chicago.
Am Freitag um 18.50 Uhr, als Jacques Rogge, der IOC-Präsident, das Ergebnis des finalen Wahldurchgangs bekanntgab, war Obamas Heimatstadt schon gar nicht mehr nicht mehr in der Ausscheidung gewesen. Die präsidiale Crash-Tour nach Europa endete verblüffenderweise mit dem Scheitern bereits im ersten von drei Wahlgängen. Letzter Platz. Eine Demütigung für den mächtigen Gast, der sich nun auf die Häme seiner politischen Rivalen zuhause einstellen kann.
Die 121. Vollversammlung des IOC beauftragte mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele 2016 die Konkurrenz aus Südamerika. Der Gewinner ist: Rio de Janeiro. Und damit hat auch der Brasilianer Luiz Inazio Lula da Silva den Vierkampf der Staatsmänner (für Madrid Ministerpräsident Zapatero und für Tokio Premierminister Hatoyama) gewonnen. Als der pittoreske Südamerikaner in Kopenhagen die Gratulationen für den Triumph nach einer zermürbenden dreijährigen Bewerbungsphase entgegennahm, war Obama schon längst wieder auf dem Heimflug, nachdem er noch rasch der danischen Königin Margarethe und Premierminister Lars Løkke Rasmussen einen Höflichkeitsbesuch abgestattet hatte.
So schallte die Ohrfeige der Welt-Sportfunktionäre für den charismatischen Amerikaner gleich quer über den ganzen Atlantik. Im Flugzeug erfuhr Obama, dass Rio im Finale Madrid geschlagen hatte, Tokio in Runde zwei ausgeschieden war. Im Morgengrauen war Obama mit Getöse in der dänischen Hauptstadt gelandet, er brachte seine eigenen Autos und etwa 250 bewaffnete Sicherheitskräfte mit und sorgte für den sicherheitstechnischen Ausnahmezustand.
Zu ungewohnter Stunde aus den feinen Betten
Seinetwegen mussten die 104 in Kopenhagen anwesenden IOC-Mitglieder zu ganz ungewohnter Stunde aus den Federn ihrer feinen Hotelbetten, wollten sie nicht im Sicherheitsgürtel hängenbleiben. Um 8.45 Uhr begann der Präsentationsmarathon der vier Kandidaten im Bella Center nahe des Flughafens mit der Werbeshow des Präsidentenpaars. „In einer Zeit, da wir nicht wissen, was uns die nächsten paar Jahre bringen werden“, sagte Obama im Rahmen seiner achteinhalbminütigen Rede an die Adresse der IOC-Mitglieder, die am Abend über die Vergabe der Spiele der XXXI.Olympiade abstimmen sollten, „gibt es nichts, das mir mehr gefallen würde, als nur ein paar Blocks von unserem Zuhause mit Michelle und unseren beiden Mädchen die Welt willkommen zu heißen.“
Seine Frau Michelle, die in Chicago geboren ist, versuchte, die Zuhörer mit einem spektakulären zitronengelben Kleid und rührenden Bildern aus ihrer Kindheit zu bestricken. Auf dem Schoß ihres Vaters, eines großen Sportsfreunds, habe sie einst Carl Lewis zugejubelt. Auch kurz vor seinem Tod an Multipler Sklerose habe er immer noch nach den fundamentalen Regeln des Sports gelebt, die auch sein Leben bestimmten: „Nicht aufgeben.“ Dann kündigte die First Lady, die seit Mittwoch im IOC-Hotel für Kopenhagen geworben hatte, ihren Gatten an: „Er versteht etwas von Veränderung“, sagte sie.
Samba, Leidenschaft, Pelé
Doch der teure und aufwendige Präsidenten-Turbo zündete nicht. Dafür besitzen nun zahlreiche IOC-Mitglieder ein schönes Foto von sich selbst gemeinsam mit dem amerikanischen Präsidenten für ihre olympische Devotionalien-Ecke. Und einigen von ihnen - darunter auch den Deutschen Thomas Bach und Walther Tröger - schüttelte er sogar kurz die Hand. Die Kritik, für eine erfolglose Mission den Kampf um die Gesundheitsreform und den Afghanistan-Einsatz vernachlässigt zu haben, dürfte Obama zuhause sicher sein. Und auch der russische Ministerpräsident Vladimir Putin, der vor zwei Jahren persönlich die Winterspiele nach Sotschi holte, dürfte sich amüsieren. Verlieren allerdings, diese Lehre gilt auch für Obama, gehört zum Sport - ungeachtet von Nationalität, Hautfarbe, Religion, Vermögen oder Geschlecht.
Als glanzvolle Sieger hingegen verließen die Repräsentanten von Rio de Janeiro, angeführt von Präsident Lula und dem Fußball-Idol Pelé, das Parkett. Mit ihrer leidenschaftlichen Präsentation zu schwungvollen Samba-Rhythmen, unterlegt mit Finanzbeteuerungen des Präsidenten der brasilianischen Zentralbank, Henrique Meirelles, schlugen die Brasilianer die Konkurrenz aus dem Feld. Herzstück der Präsentation war eine Weltkarte, auf der die Bewerber sämtliche Austragungs-Orte Olympischer Spiele eingetragen hatten: 30 in Europa, 5 in Asien, 12 in Nordamerika, davon 8 in den Vereinigten Staaten. Und in Südamerika? Bisher: Nada. „Es ist Zeit, diese Situation ins Gleichgewicht zu bringen“, forderte Lula da Silva mit heiserer Stimme und bekam recht.
Farbloses Tokio
Tokio war mit einem reichlich farblosen Auftritt in den Endspurt von Kopenhagen gegangen und scheiterte wie erwartet in der zweiten von drei Runden, in denen sich jeweils der Bewerber mit der geringsten Stimmenzahl verabschieden musste. Madrid wiederum erreichte entgegen der meisten Prognosen die Endrunde. Die spanische Hauptstadt war mit dem Handicap angetreten, als Schauplatz der Spiele 2016 auf London 2012 folgen zu wollen - eine solche europäische Zusammenballung, die durch die Winterspiele 2014 in Sotschi verstärkt wird, hatte niemand erwartet. Der Einfluss des IOC-Ehrenpräsidenten Juan Antonio Samaranch senior scheint allerdings immer noch weit zu reichen. Der kleine, zierliche Mann mit dem schlohweißen Haar appellierte an die IOC-Mitglieder, seinem hohen Alter die Ehre zu erweisen. „Ich bin am Ende meines Lebens“, sagte er. Samaranch ist mittlerweile 89 Jahre alt.
Auch das Argument der besseren Fernseheinnahmen auf dem amerikanischen Markt konnte Chicago nicht vor der Blamage retten. Das Industriezentrum am Michigansee von dem Konkurrenten ausgestochen, der den amerikanischen Anwärtern die gleichen attraktiven Sendezeiten bieten kann. Entgegen früherer Gepflogenheiten hatte das IOC im Frühjahr beschlossen, die amerikanischen TV-Rechte erst nach der Entscheidung der Session zu verkaufen. Dies sei, hieß es damals, eine Konsequenz aus der weltweiten Finanzkrise.
Weisheiten aus Kindermund
Ein hartes Argument, das in der unvergleichlichen Zusammenballung olympischer Platitüden an einem langen, aufreibenden Freitag allerdings so wenig erwähnt wurde wie all die anderen ökonomischen Vorteile einer Olympia-Ausrichtung. In den vier Präsentationen, allesamt gekennzeichnet von ausgefeilten Agentur-Strategien, hagelte es vielmehr Bezüge auf Träume und ihre Realisierbarkeit im Sport, um Freundschaft, die Jugend der Welt, Spirit, große Hoffnungen, das Ziel, die Welt für immer zu verbessern und den kommenden Generationen ein wunderbares Erbe zu hinterlassen. Besonders beliebt bei allen vier Bewerben: Tiefe Weisheiten aus süßem Kindermund.
Die fünfzehnjährige japanische Turnerin Resha Mishina, die als Rednerin nach einer Pause fast direkt nach Barack Obama auftrat, schoss dabei den Vogel ab. „Ich bin kein Staatschef, aber ich vertrete eine Gruppe, die größer ist als jede Nation - die Jugend von heute.“ Gut getextet. Die Obama-Klatsche kam trotzdem mit überraschender Wucht: Als Präsident Rogge das Ausscheiden Chicagos in der ersten Runde verkündete, war sein Gesicht versteinert und grau. Damit hatte auch der oberste Olympier nicht gerechnet.