05.07.2007 · Die Stadt Sotschi tanzt, weil sie Olympiastadt geworden ist. In sieben Jahren sollen dort die Olympischen Winterspiele abgehalten werden. Doch noch verfügt die Stadt nicht über eine sportliche Infrastruktur und besitzt keinerlei Erfahrung in der Organisierung großer Sportveranstaltungen.
Von Michael Ludwig, MoskauRussland kann wieder siegen. Sotschi tanzt, weil es Olympiastadt geworden ist. In sieben Jahren sollen dort die Olympischen Winterspiele abgehalten werden. Politiker, die sonst eher nach möglichst nüchternen und unverfänglichen Worten suchen, werden pathetisch. Konstantin Kossatschow zum Beispiel, der in der Regel auf Zurückhaltung bedachte Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses in der Duma, freut sich in Moskau unbändig und weitschweifig über den Triumph des Willens über eine sperrige Materie.
Denn wer habe noch vor kurzem ernsthaft daran denken können, dass Sotschi - der Badeort an der Ostküste des Schwarzen Meeres, der „russischen Riveria“ - zum Austragungsort der Olympischen Winterspiele werden würde? Die Stadt am Rande des Kaukasus verfügt bisher nicht über eine sportliche Infrastruktur, die den Namen verdient, und besitzt keinerlei Erfahrung in der Organisierung großer Sportveranstaltungen.
Die Entscheidung steht um drei Uhr nachts Moskauer Zeit fest, als die Fernseher in Kneipen, Restaurants und Bars schon fast heißgelaufen sind: Sotschi, subtropischer Badeort mit „sicherem Schnee“, hat es geschafft. Die Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) war vor kurzem noch einigermaßen zurückhaltend bei der Bewertung Sotschis, aber schließlich gingen die Russen bei der Abstimmung in Guatemala als Sieger durchs Ziel.
Machtpolitiker oder „gewandter Weltbürger“
Ein japanisches IOC-Mitglied trifft in Guatemala genau den Ton, der in Russland derzeit bei vielen gut ankommt: Er erklärt neben Sotschi den russischen Präsidenten zum Sieger. In der Tat hat sich Putin mächtig ins Zeug gelegt, um der Stadt, in der seine Sommerresidenz liegt, zum Sieg zu verhelfen. Putin ist vor Monaten in den Bergen bei Sotschi vor Journalisten Ski gelaufen, um die guten Bedingungen selbst zu demonstrieren.
Und nun ist er selbst zu der entscheidenden Sitzung des IOC nach Guatemala-Stadt gereist, um in einer gefühlvollen Rede mit vielen Versprechungen zu überzeugen. Putin sprach beim großen Finale überraschend englisch und französisch.
Es ist nicht sicher, ob die Russen Putin lieber als polternden und drohenden Machtpolitiker oder als den „gewandten Weltbürger“ sehen, den er vor dem IOC gab. Bei der Weltgemeinschaft kommt diese Tonart jedenfalls sicher besser an als die Drohung, Raketen im Kaliningrader Gebiet aufzustellen.
Winterspiele können „locker“ finanziert werden
Vor allem aber, daran ist kein Zweifel, machte Putin die zwölf Milliarden Dollar locker, die zum Aufbau der Infrastruktur und der Sportstätten für Olympia in Sotschi ausgegeben werden sollen - das heißt, er fragte die Herrscher über die großen russischen Wirtschaftsimperien. Und wenn Putin fragt, dann wird geantwortet. Einer, der sich bei früheren Gelegenheiten widersetzt hatte, ist der Gründer des zerschlagenen Ölkonzerns Yukos, Michail Chodorkowskij, der seit fast vier Jahren in Haft ist.
Von mindestens zwei der aus Kreml-Sicht „guten Oligarchen“ ist bekannt, dass sie bereit sind, Milliarden zu investieren, um die Spiele möglich zu machen. Der Aluminium-Tycoon Oleg Deripaska und der Multiunternehmer im russischem Großformat, Wladimir Potanin, sorgen für einen neuen Flughafen und Wintersportstätten. In den Bergen ist die staatliche Gasprom längst aktiv und lässt teuer bauen.
Man kann es sich leisten. Manche öffentlichen Äußerungen quellen vor Stolz über, dass die Energieweltmacht Russland die Ausrichtung der Winterspiele, wenn schon nicht aus der Portokasse, so doch ohne Schwierigkeiten „locker“ zu finanzieren in der Lage sei. German Gref, der Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Handel, behauptete in Guatemala, in spätestens zehn Jahren habe man die Investitionen wieder „eingespielt“.
Das Volk sammelt sich um eine Idee
Der Vertrag mit dem IOC ist unterschrieben. Damit ist der Triumph des russischen Willens aber noch nicht vollständig. Denn was in und um Sotschi gebaut werden soll, existiert bislang nur als Blaupause oder Computeranimation. Aber das IOC hat Vertrauen, und die russische Bevölkerung hat es auch.
Dass sich manche in Sotschi nun an den Rand gedrängt fühlen, dass manche eine ungeheure Korruptionswelle auf Sotschi zurollen sehen, wenn das große Geld fließt, und Grundstückspekulationen riesigen Ausmaßes befürchten, das alles steht auf einem anderen Blatt. Umweltschützer, die eine Zerstörung einmaliger Naturschönheiten, wie in Krasnaja Poljana, durch klotziges Bauen befürchten, haben nichts zu melden.
Es geht, wie Politiker der beiden Kremlparteien „Einiges Russland“ und „Gerechtes Russland“ übereinstimmend sagen, schließlich um eine nationale Aufgabe. Das Volk sammle sich um eine Idee, sagte Kossatschow. Das festige die Nation. Bei der Ausrichtung der Olympischen Winterspiele gehe es um Russlands Prestige in der Welt. Vorerst sonnen sich die Politiker im Ruhm der Entscheidung von Guatemala, im Ruhm Putins, legen den Sieg gegen Salzburg und Pyeongchang als direkte Folge der Putinschen Stabilisierungspolitik seit dem Jahr 2000 aus.
Kalter Friede zwischen Russland und Georgien
Der Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Industrie, Bauwesen und Technologie, Martin Schakkum, malt den Sportlern der Welt das Paradies aus, wenn sie nach Sotschi kommen. Tags könnten sie in prächtigem Schnee in der Loipe um Medaillen kämpfen und abends im lauen Meer der subtropischen Riviera baden.
Aber Sotschi ist nur ein Teil davon. Südlich davon, buchstäblich nur Steinwürfe entfernt, schließen sich rund zweihundert Kilometer feinsten Strandes an. Nicht umsonst hatte einst die kommunistische Nomenklatura in dieser lieblichen Umgebung ihre Villen bauen lassen. An diesen Stränden werden sich die Sportler aber nicht aalen können; denn sie liegen seit Jahren im Krisenbogen des Kaukasus.
In Abchasien, der benachbarten abtrünnigen georgischen Provinz mit den, wunderschönen Stränden, sind russische Soldaten und eine UN-Mission stationiert, damit die Waffenruhe eingehalten wird, und zwischen Russland und Georgien herrscht zur Zeit ebenfalls nur ein kalter Friede. Eine vorolympische politische Waffenruhe zwischen dem kleinen georgischen und dem großen russischen Nachbarn könnte ein Ziel für die kommenden sieben Jahre bis 2014 sein. Das wäre auch olympisch gedacht. Aber vorläufig spricht in Russland so gut wie niemand darüber.
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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