03.07.2007 · Endspurt im Kampf um die Gunst der IOC-Mitglieder: Russlands Präsident Putin traf als letzter Staatschef der drei Bewerber um die Austragung der Winterspiele 2014 in Guatemala-Stadt ein. Im Gepäck hatte er jede Menge Werbung für seinen Lieblingsort Sotschi. Von Evi Simeoni.
Von Evi Simeoni, Guatemala-StadtDie Stadt vibriert, und diesmal nicht wegen eines Erdbebens: Wladimir Putin erschüttert Guatemala-Stadt, noch bevor er überhaupt eingetroffen ist. Der russische Präsident wurde für Montagabend (Ortszeit) in der Stadt erwartet, voller Spannung und ängstlichem Respekt. Direkt von Kennebunkport (Siehe auch: Putin unterbreitet Bush neuen Vorschlag für Raketenabwehr), nach einem letzten Frühstück am Urlaubsort der amerikanischen Präsidentenfamilie Bush, sollte Putin einfliegen, um für seinen eigenen Urlaubsort Sotschi zu werben.
Ein Besuch beim guatemaltekischen Präsidenten Oscar Berger steht auch auf der Agenda, aber zuallererst wollte sich Putin in der Hauptstadt mit Jacques Rogge treffen, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). So sind die Verhältnisse, zumindest bis zum Mittwoch. Dann nämlich wählen die IOC-Mitglieder den Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014. Das IOC verfügt also über etwas, das einer der mächtigsten Männer der Welt gern haben will. Gänsehaut-Stimmung unter den Olympiern.
Honneurs bei den Wahlberechtigten
Bei der Eröffnungsfeier der IOC-Session an diesem Dienstagabend wird Putin Honneurs machen bei einigen der 102 Wahlberechtigten. Zwar sind der koreanische Präsident Roh Moo Hyun (für Pyeongchang) und der österreichische Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (für Salzburg/Königssee) schon da. Doch alles starrt zum Himmel: Wann schwebt der große Entscheider ein? Putin ist der erste russische Präsident, der das problembeladene lateinamerikanische Land besucht. Das heißt, in Wirklichkeit begibt er sich gar nicht dorthin, sondern in eine ganz unwirkliche Zone der in manchen Teilen als schwer kriminell eingestuften Zweimillionenstadt. In offiziellen Warnungen ist von Räuberbanden mit hoher Gewaltbereitschaft die Rede, von Drogen, Kinderhandel und Prostitution.
Zur Zeit jedoch starrt die "Zona 1" im Süden von Guatemala-Stadt, wo die großen Hotels sich zusammenballen, vor Sicherheitskräften. Alle paar Meter halten schwer bewaffnete Soldaten Wache, fast hinter jeder Eingangstür passen Polizisten auf die Gäste auf, Männer in Anzügen mustern die Passanten, andere, mit Funkgeräten ausgerüstet, melden in den Hotels jeden Gast weiter und patrouillieren des Nachts auf den Fluren. Die paar Einheimischen in den ruhigen Straßen wirken wie Komparsen.
Wachmänner, Waffen, Einheimische als Komparsen
Laut Willi Kaltschmitt, Tourismusminister, IOC-Mitglied und Organisationschef der Session, kontrollieren 1500 Mann die Gegend. Standhaft behauptet er, dass sich die Sicherheitslage in Guatemala allgemein verbessert habe. Schließlich will das landschaftlich spektakuläre Maya-Land mehr Touristen und Konferenzgäste anlocken, denn auf diesen Wirtschaftszweig muss das bitterarme Land, das von wenigen Reichen dominiert wird, dringend bauen. Da war die Bewerbung um die Vollversammlung, die das IOC vor zwei Jahren nach Guatemala vergab, ein wichtiger Schritt. Putin wiederum wird selbstverständlich noch seinen eigenen Sicherheitsstab samt Fahrzeugen mitbringen.
"Er ist unser Mannschaftskapitän", sagen die Bewerber aus Sotschi. Für zwölf Milliarden Dollar will man am Schwarzen Meer für Olympia und die Zeit danach ein völlig neues Wintersportgebiet aufbauen. Die Investitionen stammen von reichen russischen Industriellen. "Dies ist auch eine ökonomische Bewerbung", sagte am Sonntag in Guatemala-Stadt Alexander Schukow, der Stellvertretende Premierminister. Gemeint war der Nutzen eines neuen Wintersportparadieses für die Bevölkerung - es würden zum Beispiel 150 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Dafür wurde auch schon mit einem Gasprom-Engagement als IOC-Großsponsor gewinkt (Siehe auch: Fußball: Über Schalke schwebt der Rote Platz).
In den Alpen steht schon alles
Und auch die russischen Aktivitäten in Guatemala-Stadt zeugen nicht gerade von Zurückhaltung. Zur Eröffnung der neuen Botschaft startete Russland ein ausgedehntes kulturelles und sportliches Austauschprogramm. Und gleich neben dem Tagungshotel errichteten die Bewerber, angeblich nur für die eigenen Begleiter, in tropischer Schwüle eine echte Eisbahn, auf der unter anderen Eislaufstar Jewgeni Pluschenko seine Pirouetten drehen kann. Der Rodler Georg Hackl, als Repräsentant des Salzburg-Mitbewerbers Königssee in der Stadt, schüttelte angesichts dieses deplazierten Energiefressers den Kopf. "Wir sind die Low-Budget-Bewerbung", sagte er. "Und wir müssen keine Wettkampfstätten mehr bauen." In den Alpen steht schon alles.
Ganz leise werden aber auch politische Überlegungen angestellt: Sollte das IOC sich gegen Sotschi und für Salzburg oder Pyeongchang entscheiden - könnte das angesichts der jüngsten Spannungen nicht sogar als ein Affront des Westens gegen die Großmacht im Osten gewertet werden?
Willi Kaltschmitt, der Gastgeber der Session, der am Mittwoch als IOC-Mitglied mit abstimmen darf, weist einen besonderen Einfluss von Sotschis Geldoffensive und Putins zwingendem Charme aber weit von sich. "Ich sehe Putin als Delegationsmitglied wie jedes andere", sagt der Sohn eines ausgewanderten Heidelbergers. Es sei eine Ehre, gleich drei Staatschefs hier begrüßen zu dürfen, betont er. Allerdings seien die IOC-Mitglieder "sehr unabhängig". Kaltschmitt muss es wissen: Im Zuge des letzten Korruptionsskandals 1999 erhielt er eine Verwarnung. Allerdings nur eine leichte.
Die drei Kandidaten für die Winterspiele 2014 im Überblick
SOTSCHI:
Einwohner: 328.000
Frühere Bewerbung: -
Olympische Spiele in Russland: Sommerspiele 1980 in Moskau
Etat: 1,5 Milliarden Dollar
Konzept: „Sehr gut“ laut IOC-Evaluierungs-Bericht, zwei Wettkampfzonen mit zwei Olympischen Dörfern
Vorteile: Die Regierung von Präsident Putin garantiert für die hohen Infrastrukturkosten. Hohe Zustimmung in Sotschi (79 Prozent). Außergewöhnliche Lage mit Palmen an Stränden und den nahen Bergen. Russland als führende Wintersportnation hat noch nie Winterspiele ausgerichtet.
Nachteile: Alle Wettkampfstätten müssen gebaut werden. Große Umweltschäden durch massives Bauvorhaben befürchtet. Schwierige Visa- Bestimmungen.
PYEONGCHANG:
Einwohner: 5000 /Olympia-Region: 47.000 Frühere Bewerbung: Winterspiele 2010 Olympische Spiele in Südkorea: Sommerspiele 1988 in Seoul
Etat: 1,26 Milliarden Dollar
Konzept: „Hervorragend“ laut IOC-Evaluierungs-Bericht, zwei Wettkampfzonen mit zwei Olympischen Dörfern
Vorteile: Große Zustimmung von 91 Prozent der Einwohner der Stadt und von 83 Prozent aller Südkoreaner, starke Unterstützung der Regierung. Vier von elf benötigten Wettkampfstätten bestehen bereits. Drei weitere sind im Bau. Umweltschonend durch „Neuen Grünen Plan“. Förderung von „Frieden, Harmonie und Aussöhnung“ auf der koreanischen Halbinsel. Nachteile: Internationales Leichtgewicht. Spannungen mit Atommacht Nordkorea. Südkorea steht bereits als Ausrichter der Asien-Spiele 2014 und der Leichtathletik-WM 2011 fest.
SALZBURG:
Einwohner: 150.000
Frühere Bewerbung: Winterspiele 2010 Olympische Spiele in Österreich: Winterspiele 1964 und 1976 in Innsbruck
Etat: 965 Millionen Dollar
Konzept: „Hervorragend“ laut IOC-Evaluierungs-Bericht, zwei Wettkampfzonen mit zwei Olympischen Dörfern.
Vorteile: Große Wintersport-Tradition. Erfahrung als Ausrichter zahlreicher Großveranstaltungen im Winter. Von den elf Wettkampfstätten sind acht vorhanden, darunter die Bob- und Rodelbahn im deutschen Königsee. Leidenschaftliche Fans im Herzen Europas. Geringes Terror-Risiko. Nachteile: Geringe öffentliche Unterstützung (42 Prozent), Turiner Doping-Skandal. Häufiger Führungswechsel im Bewerbungs-Komitee. Österreich schon zwei Mal Gastgeber von Winterspielen. Olympia-Haushalt und Unterkunftspläne laut IOC-Bericht zu niedrig