07.07.2005 · NOK-Präsident Klaus Steinbach im F.A.Z.-Interview über emotionale Engländer, selbstbewußte Amerikaner, bescheidene Franzosen und deutsche Chancen für kommende Spiele.
NOK-Präsident Klaus Steinbach im F.A.Z.-Interview über emotionale Engländer, selbstbewußte Amerikaner, bescheidene Franzosen und deutsche Chancen für kommende Spiele.
Wenn Sie an Ihrer Erfahrung von heute die Leipziger Bewerbung messen, hätte es hier in Singapur bestehen können?
In diesem Feld nicht. Wir haben noch einmal vor Augen geführt bekommen, welchen Riesenaufwand man inzwischen betreiben muß, will man hier punkten. Ohne einen nationalen Schulterschluß geht nichts mehr. Sport, Politik, Wirtschaft und auch die Medien müssen an einem Strang ziehen. Sie sehen doch, was hier los ist: Blair, Chirac, die spanische Königin sind hier, Bush wird zugeschaltet, Putin spricht auf englisch. Ein solch breites Einverständnis, wie es die fünf Bewerberstädte hier demonstrieren, hat uns aber für Leipzig gefehlt.
Müssen Sie im nachhinein nicht einräumen, daß Leipzig von Beginn an ohne Chance war?
Wir wollten eine Alternative zu schierer Größe bieten. Hätten wir im vorhinein gewußt, daß eine Stadt mit mehreren Millionen Einwohnern die Mindestbedingung ist, hätten wir uns sicherlich anders entschieden. Wir werden aber noch in diesem Herbst die erste Beratung mit dem deutschen Sport für eine Bewerbung vom Jahr 2016 an haben.
Allein aus der Größe der Bewerberstädte für 2012 muß man doch die Schlußfolgerung ziehen, daß in Deutschland einzig Berlin eine Chance auf die Spiele hat.
Das sehe ich nicht so. Zuallererst halten wir uns derzeit noch offen, ob wir für die Winter- oder Sommerspiele antreten wollen. Dann hat Hamburg gerade noch einmal seine Bereitschaft zur Bewerbung erklärt, Berlin wird dies noch tun. Und München ist sehr stark an den Olympischen Winterspielen interessiert. Wichtig ist dabei, daß Hamburg am Mittwoch erklärt hat, sich für die Spiele zwischen 2016 und 2028 bewerben zu wollen. Das heißt, Hamburg will die Ausdauer an den Tag legen, die man auf diesem Niveau braucht. Es läßt sich nicht davon abschrecken, sich im ersten Anlauf auch mal eine blutige Nase zu holen.
Nach acht Stunden Präsentation der fünf Städte - wer hätte denn bei Ihnen die Nase vorne gehabt?
London hat sehr starke Emotionen ausgelöst. Sebastian Coe hat es verstanden, im Namen der Stadt sowohl deren Erbe aus der Vergangenheit wie auch ihre Verantwortung für die Zukunft zu beleuchten. Die Präsentation hatte einen roten Faden, war in sich schlüssig. Sie konzentrierte sich auf den Sport und auf die heranwachsende Generation - und für die veranstalten wir das Ganze hier ja letztlich. Nicht grundlos hat London den stärksten Applaus aller Delegationen geerntet. Paris liegt es umgekehrt nicht so, sich lautstark zu geben. Es hatte es auch deshalb schwer, weil es als erstes in den Ring mußte. Und dann litt es darunter, daß New York mit seiner ganz anders gelagerten Vorstellung direkt danach folgte.
Sind die Amerikaner zu arrogant aufgetreten, nach den zurückhaltenden Franzosen?
Arrogant würde ich nicht sagen. Aber die Amerikaner haben sich schon sehr selbstbewußt gezeigt. Man muß sie kennen, um zu wissen, wie das gemeint ist. Andernfalls führt ein solcher Auftritt leicht zu Mißverständnissen.
Wie wichtig ist so ein Wettbewerb mit der Präsentation der einzelnen Städte denn wirklich noch für die Entscheidung der IOC-Mitglieder?
Damit läßt sich schon noch eine Menge umdrehen. Es gibt immer noch eine ganze Reihe von Leuten, bei denen die Entscheidung in der letzten Minute über Herz und Bauch fällt. Zumal ja die IOC-Mitglieder die Städte nicht mehr bereisen durften.