06.07.2005 · Die Politprominenz, nicht die Sportstars stehen vor der Entscheidung um die Olympiastadt 2012 im Rampenlicht: Hillary Clinton, Tony Blair, Jacques Chirac und Jose Luis Rodriguez Zapatero. Wer den Kampf um die Spiele gewinnt, verrät das IOC heute gegen 13.45 Uhr.
Von Christoph Hein, SingapurIn den letzten Stunden vor der Wahl der Olympiastadt 2012 ist der Abstimmungsort Singapur fest in der Hand der Prominenz. Nicht aber die Sportstars, sondern die Politiker stehen hier im Rampenlicht. Fußballprofi David Beckham (London), Boxlegende Muhammad Ali (New York) oder Stürmer Raul Gonzalez (Madrid) werden als Beigabe für die Fotografen aufgeboten. Das große Wort aber führt die Politprominenz (alle Informationen: Spezial: IOC gibt Olympia nach London)
Hillary Clinton, Tony Blair, Jacques Chirac und Jose Luis Rodriguez Zapatero werfen ihr Gewicht in die Waagschale. An diesem Mittwoch wird die Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Singapur den Austragungsort für die Spiele 2012 aus den Bewerbern London, Madrid, Moskau, New York und Paris wählen, die Entscheidung um 13.45 Uhr verkünden.
Briten mit letztem Trumpf?
In den letzten Stunden vor der Abstimmung hält sich hartnäckig das Gerücht, die Briten hätten noch einen Trumpf im Ärmel: So werde der ehemalige südafrikanische Präsident Nelson Mandela in der Präsentation am Mittwoch für London werben. Und könnte nicht Mädchenschwarm Prinz William auf seinem Rückflug vom Urlaub in Neuseeland einen Zwischenstopp in Singapur einlegen? Zwar bemühen sich die Leiter der Delegationen, das Deckmäntelchen des Sportes über ihrer jeweiligen Bewerbung zu halten. Doch je näher die Abstimmung rückt, um so offener schimmern politische und wirtschaftliche Interessen an der Ausrichtung der Spiele durch. „Natürlich ist es für jede Stadt, jedes Land interessant, die Olympiade zu bekommen“, sagt IOC-Präsident Jacques Rogge.
„Seit 1984 wirft sie einen Gewinn ab, sie ermöglicht den Ausbau der Infrastruktur der jeweiligen Stadt, und sie bringt eine unglaubliche öffentliche Aufmerksamkeit.“ Kurz: „Für jeden Bürgermeister ist es gut, sich um die Spiele zu bewerben.“ Das sieht der ehemalige Leichtathlet Sebastian Coe, der die britische Delegation anführt, nicht anders: „Schauen Sie nach Ost-London: Dort gibt es schon jetzt, allein dank der Kampagne, neue Stadien, einen U-Bahn-Anschluß und ganz andere Möglichkeiten für Behinderte.“ Die Franzosen binden mehr als jeder andere Olympia-Kandidat ihre heimische Wirtschaft ein: Der Industrielle Arnaud Lagardere, CEO des „Clubs der Unternehmen“, schwärmt davon, daß die Spiele Frankreich 35 Milliarden Euro zusätzlicher Einnahmen und 42000 neue Arbeitsplätze brächten.
Olympia bringt Geschäfte
So ist ihr Auftritt für die Politiker alles andere als eine selbstlose Veranstaltung: Die Bühne ist groß, verfolgen doch bis zu eine Milliarde Fernsehzuschauer die Wahl am Fernseher. Zudem nutzen die Volksvertreter ihren Aufenthalt in Südostasien für ihr eigentliches Geschäft: Großbritanniens Ministerpräsident etwa schloß mit der ehemaligen Kolonie Singapur flugs einen Vertrag über die Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung. Und doch bewegen sie sich auf dünnem Eis: Einen Tag vor Beginn des G-8-Gipfels der führenden Industrienationen in Schottland fürchten sie politische Fragen wie der Teufel das Weihwasser: So hatte Frankreichs Präsident Jacques Chirac, Blairs Konkurrent um Olympia 2012, gerade gelästert, Englands einziger Beitrag zur europäischen Landwirtschaft sei der Rinderwahnsinn gewesen.
Was hat Blair dazu zu sagen? „Uns geht es darum, Olympia-Bewerbung und Gipfel professionell über die Bühne zu bringen. Also sagen wir nichts dazu.“ Und was meint Frau Clinton dazu, daß sie und nicht Präsident George W. Bush Amerika vor der Wahl vertrete? Nichts. Denn Bürgermeister Michael Bloomberg entzieht ihr angesichts schwieriger Fragen rechtzeitig das Mikrofon und damit das Wort.
Beckham gegen Raul
Alle hier haben Angst, den entscheidenden Fehler zu machen. Pikant ist dabei der Zweikampf zwischen Fußballstar Beckham, der in Madrid spielt, aber für London wirbt, auf der einen, Vereinskamerad Raul Gonzalez und ihrem gemeinsamen Chef, dem Real-Präsidenten Florentino Perez, die die Bewerbung von Madrid fördern, auf der andren Seite. „Ich weiß nicht, ob ich David hier sehen werde. Ich weiß nur, daß er in Madrid lebt. Und daß Madrid seine Arme geöffnet hat, um ihn aufzunehmen“, so zieht sich Raul geschickt aus der Affäre. Am Nachmittag präsentiert Bloomberg den schwerkranken Muhammad Ali als New-York-Helfer für zehn Minuten den Fotografen. Die knipsen, Bloomberg spricht, Ali schweigt, und das Ganze hinterläßt den schalen Geschmack der Instrumentalisierung auf höchstem Niveau.
Während die Anwesenheit der Sportler unumstritten ist, müssen die Politiker sich erklären. Sie versuchen damit zu punkten, daß sie der olympischen Bewegung verpflichtet, den Olympischen Spielen schon lange verbunden seien. „Als kleines Mädchen habe ich davon geträumt, mein Land auf einer Olympiade vertreten zu dürfen. Später hoffte ich, wenigstens Teil der Bewegung sein zu können“, sagt Clinton. Ihr Hoffen wurde erhört, und Tony Blair hat nun das Nachsehen. „Bei mir hat es nicht einmal dazu gereicht, Basketball-Star zu werden“, scherzt er. Und fügt an: „Sie sehen ja, wo mein Berufsweg geendet hat.“
„Das Quentchen mehr“
Der Arbeitsplatz der ranghöchsten Vertreter der Länder liegt in diesen Stunden vor allem in den Botschaften ihrer Länder, in Hotelsuiten und den Privaträumen der Edelrestaurants Singapurs. Im Viertelstundentakt bearbeiten sie IOC-Mitglieder. „Es geht jetzt darum zu zeigen, wo London das Quentchen mehr bietet als seine Wettbewerber“, sagt Blair. Und sollte Senatorin Clinton noch Zweifel haben, warum sie an diesem Morgen in Singapur auf dem Podium eines Sportclubs steht, ihr Bürgermeister Bloomberg klärt sie auf: „Sie ist eine Verkäuferin, sie soll New York verkaufen.“ Clinton lächelt dabei professionell. Und sagt dann: „Jetzt wollen die IOC-Mitglieder denjenigen in die Augen schauen, die hinter dem Gebot stehen. Den technischen Bericht haben sie ja nun alle gesehen.“ Da ist sich ihre Konkurrentin freilich weniger sicher: „Wir wollen erreichen, daß wenigstens alle IOC-Mitglieder den Bericht der Evaluierungskommission lesen“, stapelt Prinzessin Anne tief, die mit herbem Charme für London kämpft.
Womit also wollen die Städte punkten? „Uns geht es um das Vermächtnis, das Londoner Spiele Großbritannien und der olympischen Bewegung hinterlassen werden“, sagt Blair in unglücklicher Reihenfolge. Favorit Frankreich gibt sich betont zurückhaltend, bemüht sich um Fröhlichkeit. Spanien dagegen setzt auf seine Verbindung zu den Adelshäusern, auf edlen Charme. Im vornehmen Raffles-Hotel sagt Ministerpräsident Zapatero: „Madrid verdient die Spiele. Aber wir wollen uns freundlich zeigen, olympische Werte wie Offenheit, Friedfertigkeit, Verständnis vertreten.“
New York ist fast empört
New York gibt sich da weniger selbstlos - Bloomberg tritt so auf, als wäre es eine Ehre für die Athleten, nach New York kommen zu dürfen: „In New York lebt jeder jeden Tag so, als wäre die Stadt ein großes Olympisches Dorf. Es ist kaum zu glauben, daß wir noch nie eine Olympiade ausgerichtet haben.“ Während Franzosen, Briten und Spanier die Sicherheitslage ihrer Städte nur auf Nachfrage ansprechen, braucht Bloomberg genau 13 Minuten, bis er die Terroranschläge vom 11. September für die Bewerbung nutzt: „Wir haben gezeigt, daß wir Herausforderungen annehmen, sie bewältigen.“
Nur Minuten später haben die Amerikaner die größte Herausforderung dieser Kampagne bewältigt: Das IOC billigt in letzter Minute die nachgebesserte Kandidatur von Big Apple. Zuvor hatten die Amerikaner ihren geplanten Stadionbau an der West Side von Manhattan nach Protesten durch einen geplanten Bau in Queens ersetzen müssen. Hillary Clinton knipst ihr Lächeln an, gibt sich abgeklärt: „Wir sind zäh. Und was die Zukunft bringt, kann ohnehin niemand vorhersagen.“
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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