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Missbrauch im Turnen : „Man sagte mir, nicht mit Ihnen zu reden“

  • -Aktualisiert am

Eine unbeugsame Turnerin: Aly Raisman. Bild: AP

Ein Arzt missbrauchte Hunderte junge Turnerinnen sexuell. Es ist einer der größten Skandale im amerikanischen Sport. Nun zeigt sich, wie sich Funktionäre und Politiker der Verantwortung entziehen.

          Fast jedes Mal, wenn im großen Sitzungssaal Nummer 216 Mitglieder des amerikanischen Senats ein Hearing durchführen, kommt eine gewisse Dramatik auf. Dann setzen die Politiker ihre strengsten Gesichter auf, stellen bohrende Fragen und versuchen im grellen Schein der Fernsehkameras, den Zeugen ihre Ausflüchte zu verbauen. So wie am vergangenen Dienstag, als die für Verbraucherschutz zuständigen Mitglieder des Wirtschaftsausschusses sich wieder der Aufarbeitung eines der größten Skandale im amerikanischen Sport widmeten. Es war rasch klar, worauf sie abzielten: auf das Versagen der Funktionäre, die einen Arzt gewähren ließen, der jahrelang Hunderte junger Turnerinnen sexuell missbraucht hatte.

          Der kantige Richard Blumenthal trieb die Präsidentin von „USA Gymnastics“ in die Enge, die im Dezember den verwaisten Posten übernommen hatte, um die massiv angeschlagene Organisation zu retten, die aber im Verdacht steht, vor allem Krisenkommunikation zu betreiben. Und zwar vor Gericht, wo nach der Verurteilung des Mediziners Larry Nassar das Tauziehen um die Schadenersatzklagen der Opfer begonnen hat. „Es gibt eine moralische Verantwortung“, lautete der Rüffel an die Adresse von Kerry Perry. Der Verband habe offensichtlich nichts begriffen, sondern versuche seine Rolle mit dem formaljuristischen Argument zu verschleiern, Nassar sei kein Angestellter, sondern nur ehrenamtlicher Mitarbeiter gewesen.

          Ein paar Reihen weiter hinten, unter den Zuschauern, saßen 80 Turnerinnen, die von diesem Arzt misshandelt worden sind. Sie erlebten hautnah, wie schwer es ist, Menschen selbst dann zur Verantwortung zu ziehen, wenn die Fakten längst geklärt sind. Trotzdem gab sich Aly Raisman, so etwas wie die inoffizielle Sprecherin der Opfer, nach der Sitzung einen Ruck und ging auf die designierte Geschäftsführerin des Amerikanischen Olympischen Komitees (Usoc) zu, die nur ein paar Meter weiter weg ebenfalls unter den Besuchern gesessen hatte. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte die dreifache Goldmedaillengewinnerin zu Sarah Hirshland. Die Reaktion? „Zuerst versuchte sie, mich zu ignorieren.“ Aber weil sie hartnäckig blieb, bekam sie doch noch eine Antwort: „Man hat mir die Anweisung gegeben, nicht mit Ihnen zu reden“, wimmelte die Funktionärin die Turnerin ab. „Sie können mir nicht mal guten Tag sagen?“, fragte Raisman. Die Antwort? „Nein.“ Dann stürzte Hirshland davon.

          Raisman, die nicht nur den Verband, sondern auch das Usoc in seiner Rolle als Aufsichtsorganisation verklagt hat, legte so mit einem simplen Versuch der Kontaktanbahnung das Problem des modernen Sports bloß. Verantwortlich fühlt sich in den Verbänden niemand. Selbst noch im Angesicht der Aufklärungsarbeit der Medien, der Ermittlungsbehörden, der Gerichte und der Politiker neigen Funktionäre und Manager dazu, die Probleme auszusitzen oder wegzureden. Allerdings geben sich Frauen wie Raisman, die an diesem Tag ein T-Shirt mit der Aufschrift trug: „Wir sind hier, wir haben eine Stimme, und wir gehen nirgendwohin“, nicht länger mit solchen Manövern zufrieden. Weshalb sie diese Episode den Journalisten zusteckte und ihnen eine der Kernfragen mit den auf den Weg gab: „Wie kann man jemandem glauben, dass er sich wirklich um etwas kümmert, wenn der neue Chef nicht mal guten Tag sagt?“

          Offensichtlich sind aber auch Zweifel an dem Gebaren von Politikern angebracht. Das Beispiel: Seit ein paar Wochen kommen immer mehr Aussagen von Ringern ans Licht, die zwischen den siebziger und neunziger Jahren während des Studiums an der Universität Ohio State in Columbus zu Hunderten von einem Mannschaftsarzt sexuell belästigt wurden. Erst im April begann die Hochschule mit einer internen Untersuchung der Anschuldigungen. Der Mediziner hatte sich 2005 das Leben genommen. Die Brisanz der Ermittlungen ist mit dem Namen Jim Jordan verbunden, einem der einflussreichsten rechtskonservativen Republikaner, der seit 2007 im Abgeordnetenhaus in Washington sitzt und der nach einer Karriere als College-Ringer an der Universität von 1986 bis 1994 als Assistenztrainer engagiert war. Jordan bestreitet, jemals etwas von den Vorfällen erfahren zu haben. Im Gegenteil, die Vorwürfe seien Teil eines Rachefeldzugs gegen ihn, der als prominentester Kritiker der Arbeit des Justizministeriums und des FBI bei den Untersuchungen der Russland-Verbindungen von Präsident Donald Trump im Rampenlicht steht. So leicht werden sich die Vorwürfe gegen den Politiker jedoch nicht abschütteln lassen. Fünf Ringer haben vor zwei Wochen die Universität verklagt. Einer der Schriftsätze erwähnt Jordan ausdrücklich, der nun damit rechnen muss, als Zeuge vorgeladen zu werden.

          Der Arzt Larry Nassar wurde für seine Taten verurteilt.

          Dass die Querverbindungen zwischen der Politik und den intensiv im Sport engagierten Bildungseinrichtungen zunehmend kritischer gesehen werden, liegt nicht nur an einzelnen Personen, sondern auch an einer Kultur, die Figuren hervorgebracht hat, für die es wichtig ist, in jeder kritischen Situation das Prinzip der „plausible deniability“ anzuwenden. Ein Verhaltenskonzept, das es möglich macht, glaubhaft jede Mitwisserschaft, Zuständigkeit oder persönliche Haftung weit von sich zu schieben.

          Einen solchen Fall bekamen die Zuschauer auch in der Ausschusssitzung im Senat vorexerziert, als John Engler, seit kurzem Präsident der Universität Michigan State, als Zeuge aussagte. Die Hochschule hatte Larry Nassar beschäftigt und sah sich bereits gezwungen, mit den Opfern eine pauschale Schadenersatzvereinbarung über 500 Millionen Dollar abzuschließen. Engler, einst Gouverneur des Bundesstaates, soll im privaten Rahmen mindestens einer Turnerin, in einem Moment, in dem deren Anwalt nicht zugegen war, eine Entschädigung von 250.000 Dollar angeboten haben. Engler bestreitet den Vorfall. Doch Senator Richard Blumenthal ließ sich nicht beirren: „Ich glaube Kaylee Lorincz“, der fraglichen Turnerin. Der Fall zeige exakt auf, weshalb man das Thema auch weiterhin so ausführlich behandeln müsse: Den Opfern habe „über eine lange Zeit niemand geglaubt“. Lorincz saß im Saal und weinte, als ihr der Senator Rückendeckung gab. „Wer denkt sonst noch, dass ich eine Lügnerin bin? Was, wenn jeder andere denkt, ich bin eine Lügnerin?“

          Sie unterzeichnete deshalb bereits im Juni zusammen mit hundert anderen Nassar-Opfern eine Petition. Die Forderung: Engler solle gefeuert werden. Auch Raisman unterstützt die Forderung. „Wenn man weiß, wie er und die anderen Verantwortlichen an der Universität sich verhalten haben, versteht man gleich, wieso Larry Nassar all die Jahre davongekommen ist.“

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