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Veröffentlicht: 06.10.2011, 17:29 Uhr

Missbrauch im Kinder- und Jugendsport Kooperation gegen sexuelle Übergriffe

Eine Kooperation, die auch Vorbild sein will: Mehrere Sportverbände wollen stärker gegen den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Sportvereinen vorgehen.

von , Köln
© picture-alliance/ dpa Missbrauchte Kinder: Ein dunkler Schatten fällt auch auf den Sport

Seit die sexuelle Gewalt gegen Kinder zu einem öffentlichen Thema geworden ist, muss sich auch der Sport fragen lassen, ob er mit den Gefahren angemessen umgeht. Um dem Vorwurf zu begegnen, sexuelle Übergriffe in Vereinen oder Verbänden würden bagatellisiert oder verschwiegen, hat sich am Donnerstag in Köln eine Kooperation gebildet, die auch Vorbild sein will. Auf Seiten des Sports kündigten die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), der Fußball-Verband Rheinland und der Landessportbund (LSB) Nordrhein-Westfalen an, nicht nur eng mit der bundesweit anerkannten Beratungsstelle Zartbitter gegen sexuellen Missbrauch von Mädchen und Jungen zusammenzuarbeiten, sondern jeweils Initiativen zu starten. „Es ist positiv, dass sich jetzt im Sport so viel bewegt“, sagte die anerkannte Expertin und Zartbitter-Mitbegründerin Ursula Enders.

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Über viele Jahre stand der Landessportbund im Westen mit einer eigenen Abteilung und einer außerordentlich agilen Mitarbeiterin alleine an weiter Front, was den Schutz im Sport betraf. Mit dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle bei der Kirche erhöhte sich der Druck auf die Sportorganisationen und Vereine. Kinder und Jugendliche sind ganz in den Händen von Übungsleitern, Betreuern und Trainern, es kommt zu Annäherungen und Körperkontakt, zum Beispiel bei Hilfestellungen. Wie bei den Reitern ist das Thema sexuelle Gewalt noch lange nicht an der Basis angekommen. „Wir haben eine sehr konservative Klientel. Wir müssen uns öffnen und das Schweigen in den Vereinen durchbrechen“, sagte die Bundesjugendwartin der FN, Heidi van Thiel. Ihr sind zuletzt Fälle aus ihrem Verband bekannt geworden, doch erfahren hat sie nur „hintenrum“ davon: „Das kann nicht sein.“ Jetzt will Heidi van Thiel mit einigen Mitstreitern tiefgreifende Veränderungen anstreben und dabei auch die Hilfe von Zartbitter und dem LSB Nordrhein-Westfalen in Anspruch nehmen.

Ehrenmedaille für verurteilten Trainer

Viel weiter ist schon der Fußball-Verband Mittelrhein. Innerhalb weniger Monate hat die Organisation für ihre Mitglieder ein umfassendes Programm zur Information, Prävention und zum Krisenmanagement auf die Beine gestellt, das unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes und auch bei anderen Fachverbänden seinesgleichen sucht. Mit im Boot sitzt der ehemalige Nationalspieler Jens Nowotny, der im Bergischen wohnt, Trainer einer E-Jugend und selbst Vater ist. „Wir müssen den Kindern das Selbstvertrauen vermitteln, damit sie nicht schweigen“, sagte er. Übungsleiter werden nun geschult, es gibt eine Internetpräsenz mit entsprechender Anlaufstelle und dazu hat der Verband gerade einen hauptamtlichen Mitarbeiter nur dafür eingestellt. „Wir müssten eigentlich die Frage aufwerfen, warum wir das nicht schon länger tun“, sagte der zuständige Vizepräsident des Fußball-Verbandes Mittelrhein, Stephan Osnabrügge. Er sorgte dafür, dass ein langjähriger Schiedsrichter, der in Internetforen für Jugendliche durch strafbare Handlungen auffällig geworden war, vom Verein suspendiert und der Staatsanwaltschaft gemeldet wurde. Zudem erhielten alle Vereine im Einzugsgebiet des Verbandes gerade ein Schreiben, in dem vor einem Mann gewarnt wird, der sich als Auswahltrainer ausgibt und so versucht, Kontakt zu Jungen aufzunehmen. Die Ermittlungsbehörden wissen von gut vernetzten Seilschaften pädosexuell veranlagter Männer, die sich Vereine für ihre Taten aussuchen.

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Mehr Unterstützung erwartet hätte sich der eine oder andere von den Toporganisationen des Sports, wie zum Beispiel vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). „Es wäre schön, wenn wir da mehr Input bekämen“, sagte Heidi van Thiel. Der DOSB hat zwar reagiert, eine Erklärung zum Kinderschutz verabschiedet und Leitlinien erarbeitet. Doch offenbar ist die Unsicherheit an der Basis noch groß. Der DOSB setzt auf Ehrenerklärungen der Übungsleiter, doch haben die sich schon im Anti-Dopingkampf als unwirksam herausgestellt. Es gibt bislang auch keine Erhebungen im Sport, damit die Fälle aufgearbeitet werden können. „Ich würde mir wünschen, dass der DOSB eine klare Position bezieht“, sagte Ursula Enders. So gäbe es immer noch Vereine, die wegen sexuellen Missbrauchs vorbestrafte Trainer und Funktionäre von der weiteren Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen nicht fernhalten würden. Ein Spitzenverband innerhalb des DOSB ließ einen Trainer, der eine mehrjährige Gefängnisstrafe verbüßen musste, unbehelligt weiter wirken und verlieh ihm sogar eine Ehrenmedaille für sein „außerordentliches Lebenswerk“.

Damit Verbände und Vereine Trainer mit Vorgeschichte aussieben können, fordern Experten wie die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann (SPD), das erweiterte polizeiliche Führungszeugnis auch für ehrenamtliche Übungsleiter in kleinen Vereinen. Bislang fordern die Verbände dies meist nur von hauptamtlich beschäftigten Trainern. Der bürokratische Aufwand und die sensiblen Daten werden als Gegenargumente genannt. Doch hier dürfte die Diskussion an Fahrt aufnehmen. Wie die Vertreterin der Reiterlichen Vereinigung ankündigte, „würden wir das in Zukunft von jedem, der mit Nachwuchs arbeitet, einfordern“.

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