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Mark Pieth im Gespräch „Blatter ist eine mediale Hypothek“

 ·  Der renommierte Kriminologe und Anti-Korruptionskämpfer Mark Pieth ist treibende Kraft im Reformprozess des Fußball-Weltverbandes. Im F.A.Z.-Interview spricht er über ein Zweckbündnis mit dem Fifa-Boss, eine verschworene Bande und seine Mitstreiter.

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© REUTERS „Nur Blatter kann die Gegenkräfte überzeugen, dass Veränderungen hermüssen – ich könnte das nicht“: Mark Pieth (rechts)

Joseph Blatter hat seine Integrität als Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes verloren. Deutsche Politiker und Fußballfunktionäre fordern seinen Rücktritt. Warum betonen Sie noch seine Bedeutung für den Fifa-Reformprozess?

Unsere Ziele sind nicht an Herrn Blatter gebunden. Aber wir brauchen ihn im Moment nach innen. Nur er kann die Gegenkräfte überzeugen, dass Veränderungen hermüssen – ich könnte das nicht. Mir traut keiner von denen. Entscheidend ist jetzt, dass wir mit dem neuen Ethikkodex und der Installierung der beiden neuen Kammern der Ethikkommission mit zwei starken Vorsitzenden schon mal einen großen Schritt nach vorne kommen. Dieses Thema ist viel interessanter.

Obwohl Blatter aufgrund der Machenschaften der Vergangenheit immer weiter in Erklärungsnot gerät, tritt der Fifa-Präsident derzeit ziemlich selbstgefällig auf und behauptet, die Reformen kämen schließlich aus seiner „Küche“. Stört Sie das nicht?

Es ist richtig, seine Selbstdarstellung bringt die Leute auf die Palme. Er betreibt ein Risikospiel und ist damit eine mediale Hypothek. Herr Blatter sollte einfach mehr Bescheidenheit an den Tag legen.

Glauben Sie, er wird bis zum Ende seiner Präsidentschaft im Jahr 2015 bleiben können?

Ich bin nicht sein Anwalt und auch nicht sein Ankläger. Ich kann es nicht sagen. Aber weil ich will, dass unbedingt die nächste Reformrunde bis zum nächsten Fifa-Kongress 2013 erreicht wird, wäre es gut, wenn Blatter dann noch dazugehörte.

Wenn Sie von „Gegenkräften“ sprechen, um wen geht es da konkret?

Da gibt es eine eingeschworene Bande. Nicht alle im Exekutivkomitee setzen auf die Reformen. Einen Grondona (Fifa-Vizepräsident aus Argentinien) werde ich nie überzeugen können. Er hat mir auch ganz offen gesagt, dass er von mir nichts hält. Eben um solche Leute mitzunehmen auf dem Weg zu den angestrebten Veränderungen, brauche ich Herrn Blatter. Das ist ein Zweckbündnis. Wichtig ist am Ende, dass der Laden aufgeräumt wird.

Sie sagen, mit der Aufteilung der Ethikkommission in eine Ermittlungskammer unter dem Vorsitz des amerikanischen Anklägers Michael J. Garcia und eine Spruchkammer mit dem erfahrenen deutschen Richter Hans-Joachim Eckert an der Spitze wäre ein großer Schritt gelungen. Wie stellen Sie sich ein schlagkräftiges Vorgehen vor?

Wir diskutieren viel zu wenig über die Qualitäten dieser neuen Leute. Die werden uns das bringen, was wir erwarten. Hans-Joachim Eckert (Siehe Seite 8) kenne ich schon lange. Er arbeitete schon mit Giovanni Falcone (Symbolfigur im Kampf gegen die italienische Mafia) zusammen. Eckert war als Staatsanwalt für Mafiafälle zuständig, die mit München zu tun hatten. Das ist kein Weichei. Genauso Garcia, er ist ein Schwergewicht der amerikanischen Justiz. Als Oberstaatsanwalt in New York hatte er 250 Staatsanwälte unter sich, die zum Beispiel auch im Korruptionsfall von Statoil ermittelten. Beide haben das Format für diesen Job.

Sie hatten in der Rolle des neuen Fifa-Ermittlers eigentlich den Argentinier Luis Moreno Ocampo präferiert. Er war bis vor kurzem Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofes. Warum wurde er vom Fifa-Vorstand nicht gewählt?

Da gab es die Ablehnung einiger Mitglieder des Gremiums aus Südamerika. Ocampo hat nach der Militärdiktatur in Argentinien Juntamitglieder vor Gericht gebracht. Es gab damals politische Verflechtungen der Diktatoren auch nach Brasilien und Paraguay. Es gibt bis heute noch Ressentiments. Aber ich muss sagen, auch Garcia ist eine sehr gute Wahl.

Die anderen Mitglieder hinter den Vorsitzenden der beiden Kammern der Ethikkommission sind meist aus der Welt des Fußballs, Funktionäre mit juristischem Hintergrund oder langgediente Offizielle und damit bestimmt nicht unabhängig. Fehlt einem Garcia oder Eckert damit nicht die Schlagkraft?

Wir haben dafür schon etwas vorgesehen. Wenn die Ermittlungskammer Fälle lostritt, dann wird sich ein Garcia von außen Hilfe holen. Wir brauchen natürlich eine „Polizei“, die nicht aus dem Hause kommt. Es gibt ja spezielle Forensik-Unternehmen, die ihre Dienste anbieten. Die Fifa muss dafür bezahlen. So wird der Weg sein. Ein Michael J. Garcia als Chefermittler übernimmt hier eher eine politische Rolle. Auch Hans-Joachim Eckert wird die notwendigen Ressourcen erhalten. Wir als Governance-Komitee werden uns sehr bald mit den beiden zusammensetzen und ihre Rolle klar definieren.

Die ISL-Prozessakte mit den Schmiergeldzahlungen hat die Schlagzeilen bestimmt. Was erwarten Sie sich von der angekündigten Überprüfung durch Garcia?

Er wird nicht nur die Hauptakte, sondern alle dazugehörigen Beiakten mit weiteren Strafanzeigen erhalten. Das ist gut so. Er wird sich das anschauen und entscheiden, ob er weitere Nachforschungen anstellt. Als unabhängige Instanz außerhalb der Fifa kenne ich ja nur die Version mit den anonymisierten Namen der betroffenen Funktionäre und Firmen.

Warum gibt die Fifa nicht über die zwei bekanntgewordenen Funktionäre Havelange und Teixeira die anderen betroffenen Namen gleich heraus, um für Transparenz zu sorgen?

Herr Garcia hat es in der Hand, ihre Rolle zu untersuchen und unter Umständen das Gericht damit zu befassen.

Es heißt, Sie hätten sich im neuen Ethikkodex für eine Verjährung von zehn Jahren ausgesprochen. Warum?

Das stimmt nicht. Diese Idee stammte ursprünglich von der alten Ethikkommission. Wir haben die Dauer laufend angehoben, bis sie ganz fallengelassen wurde. Wobei man sagen muss, dass ein Weglassen der Verjährungsfrist, wie jetzt vorgesehen, auch Kosmetik ist. Jeder Jurist weiß, dass Beweise mit der Zeit schlecht werden und Zeugen sich irgendwann nicht mehr so gut erinnern können. Genauso falsch sind Behauptungen, ich würde mit der Fifa-Sache viel Geld verdienen. Ich habe persönlich gar nichts davon.

Sie arbeiten auch mit dem ehemaligen deutschen Fußballpräsidenten Theo Zwanziger zusammen, der im Exekutivkomitee sitzt und die neuen Statuten für die Fifa ausarbeitet. Was ist der nächste Schritt im Reformplan?

Herr Zwanziger, mit dem ich sehr gut zusammenarbeite, hat recht, wenn er sagt, dass die wichtigste Phase bevorsteht. Es gibt einige Punkte, die unbedingt bis 2013 durchgebracht werden müssen. Es muss die Nominierungskommission her, die alle neu gewählten Funktionäre auf ihre Integrität hin durchleuchtet. Wir brauchen die Amtszeitbegrenzung, damit sich Seilschaften nicht so leicht bilden können. Wichtig ist mir auch, dass im Exekutivkomitee einige unabhängige Personen sitzen, damit dort nicht gekungelt wird.

Das Gespräch führte Michael Ashelm.

Quelle: F.A.Z.
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