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Leistungssport Ehrlicher Sport

Die Studie der Sporthilfe zu Athleten hat erschreckende Ergebnisse geliefert. Es könnte ein beflügelnder Anfang sein in der Diskussion um den Leistungssport.

© AP Vergrößern Laufen, kämpfen, gut drauf sein: Sportler funktionieren - was in ihrer Seele vorgeht, sieht man nicht

Man muss der Stiftung Deutsche Sporthilfe dankbar sein für die Veröffentlichung teils erschreckender Aussagen deutscher Athleten zu ihrem Leben und Leiden im Spitzensport. Sechs Prozent von 1154 erstklassigen Sportlern haben in einer ernstzunehmenden Umfrage zugegeben, regelmäßig zu dopen. Fast neun Prozent gaben zu, schon mal ein Spiel- oder einen Wettkampfausgang manipuliert zu haben. Etwa zehn Prozent leiden unter Depressionen. Das ist eine Wahrheit, die den Olympioniken endlich von einem unerträglichen Heldentum befreit. Sieger sind nicht automatisch unverletzliche Gutmenschen, wie es der Sport jahrzehntelang suggeriert hat. Sie machen die gleichen Fehler, haben die gleichen Sorgen und Nöte wie jedermann. Sportler sind doch Menschen.

Anno Hecker Folgen:  

Es ist kein Wunder, dass die Sporthilfe als Auftraggeber der Studie nun ins Fadenkreuz ihrer eigenen Familie geraten ist. Das war kurz nach der Veröffentlichung der Aussagen schon zu erahnen. Mehr als eine Woche später ist es Gewissheit. Selten geriet eine Organisation des deutschen Sports so unter Druck aus den eigenen Reihen, wurde hinter den Kulissen bedrängt und beschimpft als Nestbeschmutzer, als Zerstörer des Sports. Dabei hat sie die richtigen Fragen gestellt und sich nicht gescheut, die unerfreulichen Antworten auch zu veröffentlichen. Endlich.

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Diese neue Ehrlichkeit erscheint altgedienten Funktionären offensichtlich suspekt, mithin überwiegend Männern, die durchaus segensreiche Wirkungen des Sports maßlos überbewerteten, während sie die mehr und mehr ans Tageslicht getretenen Fehlentwicklungen systematisch ignorierten oder wenigstens kleinredeten. Denn in Deutschland, so behaupteten Sportführer, gibt es ja nur Geld für sauber glänzende Medaillen. Je häufiger diese Schönfärberei mit konkreten Beispielen in Frage gestellt wurde, desto verbissener kämpften die Protagonisten des Sports um das Trugbild von ihrer heilen Welt.

Zuspitzung macht krank

Jetzt haben sie Schwarz auf Weiß erfahren, wie kaputt und krank diese Welt machen kann. Und sie sorgen sich nun, der offene Umgang mit dieser Wahrheit schade dem geldwerten Image des Sports. Aber genau das Gegenteil kann eintreten. Denn die Sporthilfe ist als Sozialwerk für deutsche Athleten weit von dem Verdacht entfernt, dem Leistungssystem schaden zu wollen.

Sie betrachtet sich zu Recht als verantwortliche Stütze in einer zunehmend für die Sportler komplizierten, anspruchsvollen Welt. Sie sollen hohe Nominierungskriterien für Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele erfüllen, sollen Gold holen und müssen gleichzeitig herausragende Studien- oder Berufsprüfungen überstehen, Auslandsaufenthalte absolvieren, wenn sie nach Abschluss ihrer selten einträglichen Karriere angemessen überleben wollen. Diese Zuspitzung - und Überforderung - macht viele Sportler krank.

Beflügelnder Anfang

Gerade weil die Ergebnisse der Umfrage erschrecken - die Dunkelziffern werden deutlich höher sein -, steckt in dieser Studie ein Zauber. Nämlich der des beflügelnden Anfangs. Denn nur mit dem Mut der Sporthilfe, die Realität in ihrer Welt ungeschminkt zu benennen, lässt sich Glaubwürdigkeit wiederherstellen. Zuerst bei Sportlern, die nun erkennen, dass sie sich nicht nur vorübergehend als nützliche Rädchen in der Medaillenproduktion drehen, sondern auch mit all ihren Schwächen wahrgenommen und akzeptiert werden. Gleichzeitig könnte die Sporthilfe mit ihrem kühnen Schritt den organisierten Sport Stück für Stück von dem Vorwurf befreien, die Abwehrhaltung ständig mit neuem Beton zu verstärken. Das Bild bröckelt zumindest.

Die Studie bietet also die Chance einer Annäherung zwischen den Organisatoren des Sports, den Sportlern, besorgten Eltern talentierter Kinder und dem enttäuschten Publikum. Nach dem deutschlandweit beachteten Vorstoß der Sporthilfe stützten Leichtathleten bei den Hallenmeisterschaften am Wochenende in Dortmund auffallend offen die Daten der Studie mit plausiblen Lebensgeschichten. Sie werden genau beobachten, welche Folgen die Erkenntnisse für sie haben - vor allem, ob die Betonköpfe in den Verbänden, die nun gute Miene machen, nicht doch versuchen werden, den Ansatz zur Kehrtwende in der Selbstdarstellung zu unterlaufen.

Ehrliche Antworten und unangenehme Fragen

Bei der Studie darf es nicht bleiben. Es müssen ehrliche Antworten auf unangenehme Fragen gegeben werden - etwa auf die Frage, welchen Leistungssport die Bürger in Deutschland haben wollen, was sie dafür als Steuerzahler zu leisten bereit sind. Oder auf die Frage, was es tatsächlich kostet, einen Spitzensport zu unterhalten, der junge Menschen nicht sich selbst überlässt, nicht in Abhängigkeiten treibt, zu Doping und Manipulation animiert oder die Seele überlastet.

Der Sport muss also Risiken eingehen, wenn alte Strukturen aufgebrochen werden sollen. Das ist er seinen Athleten schuldig. Denn auch Spitzensportler sind, ihren Muskelpanzern zum Trotz, wie alle Grenzgänger einer Gesellschaft, wie bildende Künstler, wie Musiker, Schauspieler oder Literaten, faszinierende wie zerbrechliche Wesen. Sie zu fördern und zu schützen zeigt den wahren Reichtum einer Gesellschaft.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 01.03.2013, 14:59 Uhr

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