Home
http://www.faz.net/-gu9-oav3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Leipzig 2012 Neuer Mann wird „steckbrieflich“ gesucht

 ·  Oberbürgermeister Tiefensee glaubt nach den jüngsten Querelen zwar nicht an einen Rufschaden für die Leipziger Olympia-Bewerbung. Doch beim Internationalen Olympischen Komitee wundert man sich über die deutschen Management-Fehler.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

"Wanted!" Nach alter Wildwest-Manier wird ein "neuer Bewerbungschef für Leipzig 2012" gesucht. Der Steckbrief steht allerdings vorerst nur auf einer amerikanischen Internetseite, die Nachrichten über olympische Bewerberstädte veröffentlicht. Zwar vereinfacht "Gamesbids.com" die aktuelle Entwicklung beim deutschen Interessenten für die Sommerspiele 2012 nach der Entlassung des Geschäftsführers Dirk Thärichen; und es verengt die Leipziger Personalpolitik darauf, den Platz neben Mike de Vries wieder zu besetzen. Aber immerhin wissen die Amerikaner, die ihre Weltstadt New York selbstverständlich für den unschlagbaren Favoriten halten, daß der frühere Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff und Bernd Rauch, selbständiger Architekt und Vizepräsident von Bayern München, als Headhunter auf eine Person angesetzt sind, die Bundesinnenminister Otto Schily so beschreibt: "Wir schauen uns nach jemandem um, der starke Management-Qualitäten hat und der mit öffentlichen Geldern umgehen kann."

„New York Times“ sieht „faden Beigeschmack“

Mit dieser Eigenschaft hatten, wie die "New York Times" en detail zu berichten weiß, Dirk Thärichen und Harald Lochotzke ihre Probleme. Nicht nur daß Thärichen seinen Wehrdienst einst beim Wachregiment namens "Feliks Dzierzynski", der einst den sowjetischen Geheimdienst KGB gründete, abgeleistet und sich im besten Einverständnis mit seinen früheren Arbeitgebern Ivan Radosevic und Henner Ziegfeld so einiges an undurchsichtigen Gegengeschäften auf Kosten der Leipziger Olympia-GmbH geleistet haben soll, verrät das Weltblatt seinen Lesern. Auch die Vergangenheit Lochotzkes, zum Rücktritt gezwungener Vorsitzender des Vereins "Rostock Olympia", der einst dem DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalk-Golodkowski diente und sich gleich nach der Wende hochstaplerisch als Chef von "Alpha Consulting" ausgegeben hatte, scheint von großem Interesse. Denn er sei in Rostock als Repräsentant eines internationalen Konsortiums aufgetreten, das dort eine Milliarde Mark investieren wolle. Lochotzki habe sich sogar auf Karl Otto Pöhl, den damaligen Bundesbank-Chef, berufen, der dem Deal seine Empfehlung mitgegeben habe.

Die besten Empfehlungen für Leipzig und dessen Segelrevier sind solche aufgewärmten News natürlich nicht, die in diesen Tagen auf dem olympischen Weltmarkt kursieren. Wen wundert es da, wenn die "Times" genüßlich resümiert, daß die "deutsche Olympiabewerbung einen faden Beigeschmack habe". Und daß "Deutschlands großer Wurf, New York, Paris, Moskau, Istanbul, Havanna, London, Madrid und Rio de Janeiro aus dem Feld zu schlagen, schwierig geworden ist".

Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee bezweifelt den vermuteten internationalen Rufschaden. Zwar räumt er ein: "Ich denke, daß uns das nicht gerade nach vorn gebracht hat, was wir da in den letzten beiden Wochen erlebt haben. Aber", so tischte Tiefensee den Zuschauern am Montag morgen im Frühstücks-Fernsehen abermals auf, "ich denke, daß dies nur ein Kapitel ist und ein Kapitel bleiben wird."

Die Konkurrenten lauern auf Schwächen

Eines freilich, das zu gegebener Zeit immer wieder aufgeschlagen wird von jenen, denen an der Schwächung des Leipziger Ansehens gelegen ist: den vorerst acht Konkurrenten im Rennen um Olympia 2012. Wobei aus Moskau oder Havanna sicher keine Attacken gegen die Stasi-Verstrickungen von einstigen kommunistischen oder sozialistischen Brüdern verlauten dürften. Im Hauptquartier des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am Genfer See indes läßt man keinen Zweifel daran, daß prinzipiell alle Olympiakonkurrenten schwache Stellen und wunde Punkte der Gegner suchen und bei erstbester Gelegenheit zustechen.

Weniger über die hinlänglich bekannte politische Vergangenheit ehemaliger DDR-Bürger wundert man sich in Lausanne, sondern mehr über die Management-Fehler; die hätte man gerade den Deutschen nicht zugetraut. Und deshalb lautet der inoffizielle IOC-Rat auch, sich schleunigst auf die konzeptionelle Stärke der Leipziger, die kompakten Spiele, zu konzentrieren und mit der operativen Arbeit zu beginnen.

Diesen Vorschlag würde auch Walther Tröger machen - wenn er als IOC-Mitglied denn gebeten würde: "Aber man fragt uns ja nicht." Uns, das sind außer ihm auch die beiden anderen deutschen IOC-Mitglieder, Thomas Bach und Roland Baar. "Wenn wir noch Oberbürgermeister Tiefensee und NOK-Präsident Klaus Steinbach dazunehmen, dann haben wir genug Köpfe, die man international vorzeigen kann." Und bei denen man nicht fürchten muß, daß sie von heute auf morgen rollen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahre des Versagens

Von Paul Ingendaay

Die Zeit von José Mourinho bei Real Madrid ist abgelaufen. Der unbequeme Trainer ist aber nicht der einzige Grund für die Misere des Klubs. Präsident Pérez regiert mit beispielloser Ahnungslosigkeit. Mehr 2 9