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Leichtathletik-WM Youngs positive Vergangenheit: Ein Schatten über der Goldmedaille

27.08.2003 ·  Der Sieger über 400 Meter wird eingeholt: Jerome Young war jahrelang ein "most wanted athlete" - weil er vor den Olympischen Spielen als Doper enttarnt wurde.

Von Hans-Joachim Waldbröl, Paris
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Über Nacht ist die Goldmedaille, die Jerome Young am Dienstag abend in Paris überraschend über 400 Meter gewonnen hat, verblaßt und hat einen langen Schatten auf die olympische Goldmedaille geworfen, mit der die amerikanische Staffel 2000 in Sydney entlohnt wurde. Denn der 27jährige Sprinter ist, wie die "Los Angeles Times" unter Berufung auf Offizielle im amerikanischen Verband (USATF) sowie der Zeitung vorliegende Dokumente berichtet, der "most wanted athlete", von dem es drei Jahre lang nicht einmal einen Steckbrief, geschweige denn einen Namen gegeben hatte. Die Zeitung enttarnte nun Young als denjenigen, der ein Jahr vor den Jahrtausendspielen positiv auf Nandrolon getestet worden und zunächst auch suspendiert worden sei. Young habe Einspruch erhoben und sei mit dem Hinweis, er habe keinen wissentlichen Verstoß begangen, durchgekommen.

Parallelen zum Fall Carl Lewis

Der Fall weist eine Parallele zu den Vorkommnissen um einen positiven Test von Carl Lewis vor den Sommerspielen 1988 in Seoul auf. Auch der achtmalige Olympiasieger war positiv getestet, suspendiert und dann vom verbandsinternen Schiedsgericht freigesprochen worden. Anschließend gewann er in Seoul über 100 Meter zunächst die Silbermedaille, die später in Gold verwandelt wurde, weil der kanadische Sieger Ben Johnson nach dem Finale des Dopings überführt worden war. Zu den neuen Manipulationsvorwürfen wollte Young nichts sagen, und auch der USATF-Generaldirektor Craig Masback zeigte eine Verschwiegenheit, die Verbandssprecherin Jill Geer zumindest in wenige Worte faßte: "Wir kommentieren die Identität eines Athleten in einem Anti-Doping-Fall nicht." Weil es kein Anti-Doping-Fall, sondern ein Doping-Fall war?

Während der kanadische Vorsitzende der Welt-Anti-Doping-Agentur, Richard Pound, die Rechtmäßigkeit der amerikanischen Staffel-Goldmedaille von Sydney als "total zerstört" ansieht, versuchte Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), dem verspäteten Bekanntwerden des Namens noch eine gute Seite abzugewinnen: "Was wir nun über Young wissen, hilft allen Athleten, die unschuldig sind, aber nach den Berichten über die positiven Tests verdächtigt wurden." Die IAAF hatte vergeblich versucht, die Namen (auch anderer) als gedopt geltender Athleten zu erfahren, war jedoch mit ihrer Klage gegen USATF vor dem Court of Arbitration for Sport gescheitert. Das IOC hatte die Anschuldigungen im Fall Lewis zum Anlaß genommen, dem Nationalen Olympischen Komitee der Vereinigten Staaten eine Untersuchung abzuverlangen, sich aber mit dessen unbefriedigenden Bericht zufriedengegeben.

„Klares Zeichen“ gegen Jon Drummond

Dabei hat es die IAAF im vieldiskutierten Disziplinarfall des Amerikaners Jon Drummond nicht belassen. Nachdem der 34jährige Sprinter, offenbar von USATF gedrängt, freiwillig das WM-Terrain verlassen und seine Saison beendet hatte, sprach der Weltverband noch einmal eine Disqualifikation aus. Unter anderen hatte sich der deutsche IAAF-Vizepräsident Helmut Digel dafür ausgesprochen, "ein klares Zeichen zu setzen, daß unsere Regeln es durchaus hergeben, einen Athleten für ein derart unsportliches Verhalten zu bestrafen". Drummond hatte am Sonntag abend bald eine halbe Stunde lang gegen seinen Ausschluß wegen eines Fehlstarts lamentiert. Daß er sich nun nicht nur beim französischen Publikum und seinen Mitläufern entschuldigte, sondern sich bei IAAF-Präsident Lamine Diack und Generalsekretär Istvan Gyulai bedankte, weist auf eine geplante Kungelei hin. Der Ungar Gyulai hatte USATF nach dem schlechten Betragen des Sprinters einen Brief geschrieben und anklingen lassen, man werde schon eine für beide Seiten akzeptable Lösung finden, Drummond in Paris weiterlaufen zu lassen. Ob diese konspirative Konzilianz damit zu erklären ist, daß Gyulais ältester Sohn gemeinsam mit Jon Drummond unter John Smith in Kalifornien trainiert?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2003, Nr. 199 / Seite 28
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