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Vergabe von Leichtathletik-WM : Neues aus dem Selbstbedienungsladen

Ehemaliger Leichtathletik-Präsident Diack: Hat sich offenbar mehrfach für WM-Vergaben bereichert. Bild: AFP

Korruption und Bestechung: Das Verwirrspiel um die Vergabe der Leichtathletik-Weltmeisterschaften geht weiter. Der Sohn des ehemaligen Präsidenten Lamine Diack erhielt Geld aus Qatar.

          Die Saga von Korruption und Unterschlagung des Diack-Clans, der bis August 2015 den Leichtathletik-Weltverband IAAF beherrschte, wird immer länger. In dieser Woche berichtet die französische Zeitung „Le Monde“, dass zwei Überweisungen des qatarischen Sport-Investmentfonds Oryx QSI im Gesamtwert von gut 3,5 Millionen Dollar auf ein Konto von Papa Massata Diack nachgewiesen werden könnten, den Sohn des langjährigen IAAF-Präsidenten und Mitglieds des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Lamine Diack.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Senegalese Diack senior darf seit mehr als einem Jahr Frankreich nicht verlassen, weil die Justiz im Zusammenhang mit der Unterschlagung von positiven Doping-Proben insbesondere im russischen Verband wegen Erpressung und Geldwäsche gegen ihn ermittelt. Die 2,5 Millionen Dollar flossen innerhalb von vier Wochen im Oktober und November 2011, kurz vor der Abstimmung des IAAF-Councils über die Vergabe der WM 2017, an Pamodzi Sports-Consulting, ein Unternehmen von Diack junior mit Sitz in Dakar; Diack junior war mit dem Marketing der IAAF betraut und bot seinerzeit in E-Mails, welche die Zeitung „The Guardian“ 2014 veröffentlichte, Stimme und Unterstützung seines Vaters für fünf Millionen Dollar an. Belege dafür, dass das Geld floss, gab es bislang nicht.

          Die IAAF vergab die WM 2017 damals nach London. Zwei Jahre später, im Dezember 2014, erhielt Doha den Zuschlag für die WM 2019, die wegen der extremen Hitze am Golf vom August auf den Oktober verschoben wird. Den Ausschlag gab, so schien es damals, das Versprechen des Emirs, der IAAF mittels Sponsoring und Fernsehverträgen 36 Millionen Dollar zukommen zu lassen. Außerdem wurde bekannt, dass das inzwischen verstorbene kenianische Council-Mitglied Isaiah Kiplagat zwei Autos aus Qatar erhielt.

          Ethikkommission ist nicht zu trauen

          „Die Vergabe der WM muss unter diesem Blickpunkt überprüft werden“, fordert Clemens Prokop, Richter und Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. „Es stellt sich die Frage, ob eine Untersuchungskommission sich mit dem Thema befassen sollte. Vertrauen in die Ethik-Kommission kann man nicht begründen.“ Auch wenn die Zahlungen für die Weltmeisterschaft 2017 offenbar nicht entscheidend waren, sei doch zu klären, ob die Vergabe der WM 2019 an Qatar eine Form der Wiedergutmachung gewesen sei.

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          Die IAAF tut sich schwer damit, Licht ins Dunkel zu bringen. Bis heute scheint sie nach einer Million Dollar zu suchen, die ein russischer Sponsor ihr für den Ausfall von Fernsehgeld überweisen wollte, die aber beim Verband in Monte Carlo nie eintrafen. Die Ethik-Kommission des Verbandes sah keine Hinweise auf Korruption bei der WM-Vergabe an Qatar. Der Vorsitzende des Bewerbungskomitees für London 2017, der britische Verbandspräsident Ed Warner, berichtete, dass „Jemand aus der IAAF“ ihn 2011 mit dem Hinweis alarmierte, Qatar habe in der Nacht vor der Abstimmung Umschläge unter den Delegierten verteilt. Warner identifizierte diesen jemand als den heutigen IAAF-Präsidenten Sebastian Coe, seinerzeit Vizepräsident. Coe bestreitet, dass ihm je so etwas wie Korruption aufgefallen sei.

          Im Dezember will Coe die IAAF in einer Vollversammlung modernisieren und neu aufstellen. Bis kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten war er dem Sportartikelhersteller Nike durch einen Beratervertrag verbunden; Nike feiert den fünfzigsten Jahrestag seiner Gründung in Eugene (Oregon) 2021 mit der Leichtathletik-Weltmeisterschaft dort. Die IAAF vergab die WM, auch mit Coes Stimme, ohne Bewerbungsverfahren.

          Während die Verbandsführung allein die Zukunft im Blick hat, interessiert sich nicht nur die Justiz Frankreichs für die Ära Diack. Die Zeitung „Le Monde“ macht in ihrem Artikel deutlich, dass amerikanische Ermittler ihr den Blick auf die Überweisungsbelege erlaubten.

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