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Kommentar : Die Chance der Leichtathletik

Speerwerfer Johannes Vetter gewann die einzige deutsche Goldmedaille bei der Leichtathletik-WM 2017. Bild: Reuters

Die Sorge um den Bedeutungsverlust der Leichtathletik in Deutschland ist berechtigt. Aber das Problem kann allen Klagen zum Trotz gelöst werden.

          Zum Schluss wird abgerechnet, an diesem Montag. Denn am Ende soll nur die Zahl der Medaillen Gold wert sein. So schaut die Welt überwiegend auf den Leistungssport. Und wir in Deutschland ganz besonders. Jetzt, da an allen Ecken und Enden in der Republik der Niedergang der einst überall glänzenden Sportnation beklagt wird. Als Gegenbewegung haben sich Politik und Verbände nolens volens auf ein Effizienzprogramm mit einem Kerndeal geeinigt: mehr Geld für mehr Medaillen nach Einführung eines Sparprogramms. Wenigstens um ein Drittel soll die Ausbeute gesteigert werden. Dann hebt mal die Beine und sputet euch, ihr Leichtathleten. Der Geldgeber will euch siegen sehen!

          Ein deutscher Hundert-Meter-Sprinter als Erster im Ziel, ein Weitspringer als Champion aus der deutschen Provinz, ein Hammerwerfer mit Bestweite, eine Sprintstaffel vorneweg und nicht „nur“ Vierte, das würde die Landsleute entzücken. Aber haben wir uns nach einem schmerzhaften, längst nicht abgeschlossenen Erkenntnis- und Heilungsprozess nicht ganz gut dran gewöhnt, dass wir nicht mehr um jeden Preis (stellvertretend) ganz oben stehen dürfen? Dass es neben massiven strukturellen Problemen im deutschen Spitzensport ganz glaubhafte und akzeptable Gründe für 15. Plätze gibt.

          Deshalb sollte nicht gleich die Predigt von der allgemeingültigen deutschen Sauberkeit für bare Münze genommen werden. Zu oft stellte sich der Schein als großer Betrug heraus. Und so könnte auch in ein paar Jahren die WM von London mit neuen Analysetechniken ihre große Ausstrahlung verlieren. Vorerst aber bleibt ein wunderbarer Eindruck hängen: Dort, wo die Menschen Leichtathletik mögen, zeigt sie ihr ganzes Potential, zieht die Zuschauer ins Stadion, die Fans an den Bildschirm – und ist angesichts der Millionenquote (3,4 am Dienstag) nicht mal hierzulande auf deutsche Sieger am laufenden Band angewiesen. Laufen, Springen und Werfen auf höchstem Niveau, allein die großartige Koordination etwa der Stabhochspringer fasziniert über alle Grenzen hinweg.

          Im deutschen Team von London steckt mit Blick auf die Jugend manch Starter mit einer vielversprechenden Zukunft. Von einer Fortsetzung des Abschwungs kann jedenfalls keine Rede sein. So wenig wie die hier und da geforderte Zentralisierung als einziges Modell taugt. Die Speerwerfer beweisen das. Dennoch ist die Sorge um den Bedeutungsverlust der Leichtathletik in Deutschland berechtigt. Aber das Problem kann allen Klagen zum Trotz gelöst werden. Wenn der organisierte Sport seinen Blick erweitert, wenn er nicht allein als Erfüllungsgehilfe der Politik die Effizienztrimmung (Spitzensportreform) im Mittelpunkt sieht, sondern einen viel größeren Ansatz wagt: Er müsste im ersten Schritt ansetzen mit einer Offensive für eine überfällige Reform des Schulsports. Angesichts der längst wissenschaftlich bewiesenen positiven Wirkungen von Bewegung auf Hirn und Herz gibt es zweifellos viel zu wenig und – wie zu hören ist – auch viel zu schlechten Unterricht. Dort, wo Sportlehrer Schüler interessieren, entwickelt sich Begeisterung und beim Übergang in den Verein dann eine enorme Leistungsfähigkeit wie von selbst, spielerisch. Hier schlummert das Bewegungsvermögen eines Volkes von 80 Millionen, entsprechend viele wie starke Athleten hervorzubringen.

          Für einen Bewusstseinswandel in der Bildungspolitik müsste der organisierte Sport auch die Bevölkerung überzeugen, seine Akzeptanz nach den Rückschlägen wegen der regelmäßigen Skandale wieder massiv steigern. Das geht nur mit einem klugen Programm, mit einer zündenden Idee, mit einer starken Kampagne. Kommt sie nicht bald, wird die Grundschule fast des gesamten Sports, die Leichtathletik, verkümmern. Dann gibt es nur noch eine Abrechnung: die letzte Quittung.

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          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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          Quelle: F.A.Z.

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