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Dienstag, 18. Juni 2013
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Leichtathletik-Trainer Czingon im Gespräch „Der Trainerberuf ist nicht attraktiv“

 ·  Herbert Czingon war 35 Jahre lang Trainer beim Deutschen Leichtathletikverband (DLV). Im Interview spricht er über unangemessene Bezahlung, hohe Arbeitsbelastung, mangelndes Sozialprestige und fehlenden Korpsgeist.

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© dpa Kritischer Beobachter Herbert Czingon: „Das ist die Karikatur von Sportförderung“

Vor 17 Jahren gründete Herbert Czingon die Trainerschule in Mainz, seit Ende 2008 war er Chefbundestrainer des DLV. Nun wechselt der Sechzigjährige in die Schweiz, um die eidgenössischen Stabhochspringer auf die Europameisterschaften 2014 in Zürich vorzubereiten.

Stimmt der Eindruck, dass es eine Abwanderung deutscher Trainer gibt und noch dazu Nachwuchsmangel?

Der Trainerberuf war im alten Ostblock hoch angesehen, vergleichbar mit dem eines Lehrers oder eines Diplomingenieurs. Das war hoch attraktiv für junge Menschen, da muss man nicht mal an Westreisen denken. Im Westen war das nie so. Das Sozialprestige des Trainers steigt, wenn er im Profibereich tätig ist, im Fußball, im Tennis, im Golf, oder wo es sehr spektakulär zugeht, etwa beim Skispringen. Ansonsten wird der Trainerberuf nicht wirklich als gefestigtes Berufsbild wahrgenommen. Ein Trainer in einem Verein muss in der Regel Aufgaben wahrnehmen, die weit über sein Spektrum hinaus reichen: vom Platzwart bis zum Sportwart.

Man hat höchste professionelle Ansprüche an den Trainer, erwartet aber die Mentalität eines Ehrenamtlichen?

Vor allem in Landesverbänden der neuen Bundesländer ist die Haltung so. Mir sind Bruttogehälter bekannt von zweitausend Euro und weniger. Und wenn jemand zusätzlich eingestellt werden soll, wird der Topf einfach stärker geteilt: Alle kriegen weniger. Das ist ein unhaltbarer Zustand. In aller Regel können Sie davon ausgehen, dass ein Lehrer an der Schule besser verdient als ein Trainer, obwohl die Ausbildung vergleichbar ist und die Verantwortung nicht geringer. Das ist in West wie Ost der Fall.

Warum gibt es keine Gewerkschaft?

Das ist das heikelste Thema. Die Tätigkeit im Sport steht unter dem obersten Prinzip der Konkurrenz. Sieg und Niederlage entscheiden über Wohl und Wehe. Ich habe festgestellt, dass eine Solidarität unter Trainern nicht besteht. Deshalb ist es bis heute nicht gelungen, eine nennenswerte Berufsvertretung zu organisieren. Unter Trainern gibt es keinen Korpsgeist. Darüber hinaus ist es selbst für Verbände schwierig, das Trainer-Know-how, das in ihren Sportarten an verschiedenen Orten vorhanden ist, zu bündeln und allgemein zugänglich zu machen. Das würde nämlich bedeuten, Kooperation zu organisieren, aber unter Konkurrenz: ein Widerspruch in sich.

Der Föderalismus dürfte die Sache nicht leichter machen.

Vereine und Länder stehen im Wettbewerb miteinander. Und der Vereinstrainer steht in Konkurrenz zum Landestrainer, dieser wiederum in Konkurrenz zum Bundestrainer. Das heizen verschiedene Organisationen auch noch an, indem sie sagen: Wir Bayern, wir Westfalen, wir Leverkusener machen unser Ding. Da werden spitzensportliche Strukturen entwickelt, in Konkurrenz zum nationalen Verband, und die Nachwuchsförderung leidet unter Umständen darunter. Die Trainer müssen dieses strukturelle und strategische Tohuwabohu ausbügeln. Damit sind sie überfordert.

Ist das eine schlechte Prognose, die Sie der gerade in Köln gegründeten Organisation von Trainern ausstellen?

Ich glaube, dass die Rahmenbedingungen so schlecht geworden sind und sich das Bewusstsein der Trainer so gut entwickelt hat, dass sie wissen, dass sie das, was im Argen liegt, zumindest artikulieren müssen: die unangemessene Bezahlung, die Arbeitsbelastung, das hohe Maß an Arbeitszeit, die geringe Möglichkeit, den Beruf zu wechseln. Ich habe das Gefühl, dass der Trainerstand im Moment die Chance hat, sich schlagkräftig zu organisieren. Ich jedenfalls habe meinen Beitritt und die Bereitschaft zur Mitarbeit bereits erklärt.

Zeigt die Traineroffensive des DOSB Wirkung?

Für mich ist das nicht viel mehr als Wortgeklingel. Der DOSB pflegt seit Jahren auf seiner Website die Rubrik „Traineroffensive“. Aber außer, dass jedes Jahr ein Trainer des Jahres ausgerufen wird, habe ich davon nicht viel wahrgenommen. Dabei gäbe es wirklich viel zu leisten. Man muss davon ausgehen: Der Trainerberuf ist nicht attraktiv für junge Menschen. Ich habe erlebt, wie Kollegen lange gezögert haben, als ihnen eine Trainerstelle angeboten wurde, die überlegt haben, wie sie das realisieren könnten - und dann abgesprungen sind. Jetzt arbeiten sie im Freizeitsport, als Personal Trainer. Sie versuchen als Selbständige ihren Lebensunterhalt zu sichern und eben nicht in einem Verband, der ihnen Vorschriften macht, und in dem Erfolg und Misserfolg inkompetent und ungerecht beurteilt werden können.

Mehr Geld wäre also keine Lösung?

Geld würde viel verändern. Aber ein wichtiger Ansatz wäre schon, alle Trainerstellen innerhalb einer Sportart zu erfassen und zu bewirtschaften: einfach informieren, wo es welche Stellen gibt, ob sie besetzt sind, wie sie bezahlt werden. Wenn man dann auch noch Personalentwicklung betreiben wollte, junge Leute gewinnen und sie auf verschiedene Aufgaben vorbereiten, wäre das ein großer Fortschritt.

Stimmt die Gleichung: Prämien für Trainer erhöhen die Dopinggefahr?

Das glaube ich eher nicht. Wenn man aber darüber nachdenkt, Trainer besser zu bezahlen, sollte man auf das Anciennitätsprinzip kommen, nach dem bewährte Trainer als Senior Coaches höher eingeordnet werden als Anfänger. Ein Merkmal des Sports ist der Erfolg, Spitzenleistungen von Athleten werden mit Medaillen und erheblichen zusätzlichen finanziellen Mitteln honoriert. Es gibt kaum die Möglichkeit für einen Trainer, daran zu partizipieren, es sei denn, der Athlet beteiligt ihn an seinen Einkünften; das gibt es. Es sollte Prämien für Trainer geben.

Die nachträglich vom Bund für die Dopingbekämpfung der Nada bewilligte Million Euro ist aus dem Trainerbudget gestrichen worden. Was sagt das über die Sportförderung?

Ich konnte das kaum glauben, als ich es gelesen habe. Das ist die Karikatur von Sportförderung. Natürlich kann man fragen, ob die öffentliche Hand Sportarten entwickeln und Nationalmannschaften fördern soll. Wenn man sich aber dafür entscheidet, wenn man die gesellschaftspolitische Idee von Vorbildern verfolgt, sollte man das überzeugend tun. Mit Geld aus dem einen Topf das Manko in dem anderen auszugleichen, zeugt von Inkonsequenz. Das ist das Gegenteil von strategischem Handeln.

Das Gespräch führte Michael Reinsch.

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