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Leichtathletik Nachsitzen für die unbekannte Olympiasiegerin

22.08.2004 ·  Der 100-Meter-Lauf soll einen Namen groß machen: Eine gewisse Julia Nesterenko aus Weißrußland platzt in Athen in die amerikanische Siegesserie.

Von Hans-Joachim Waldbröl, Athen
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Große Namen haben zwanzig Jahre lang das Rennen gemacht, nun soll der 100-Meter-Lauf einen Namen groß machen: Nach Evelyn Ashford 1984, Florence Griffith-Joyner 1988, Gail Devers 1992 und 1996 und Marion Jones 2000 platzt in Athen 2004 eine gewisse Julia Nesterenko in die amerikanische Siegesserie. Wenn wundert es da, daß die Neue Welt in alte Feindbilder und fundierte Vorurteile des Sports verfällt und die 25jährige Weißrussin, die den olympischen Sprint der Frauen in 10,93 Sekunden vor der fünf Jahre jüngeren Amerikanerin Lauryn Williams (10,96) und Veronica Campbell (10,97) aus Jamaika gewonnen hat, einer peinlichen Befragung unterzieht? Im erst kürzlich angebrochenen Anti-Doping-Zeitalter ist an die Stelle des generellen Unschuldsvorbehalts die pauschale Schuldvermutung getreten, leider in den meisten Fällen nicht ohne schlechten Grund. In dieser Grundstimmung des globalen Mißtrauens haben es Neue nun mal schwer, selbst unter Neugierigen. Und wenn sie, wie die blasse Unbekannte, plötzlich aus dem sportlichen Off auf die höchste Stufe des olympischen Podestes rennen, sitzen sie auf dem öffentlichen Podium wie vor einem unerbittlichen Tribunal.

Kann Julia Nesterenko etwas dafür, daß die amerikanische Olympiasiegerin des letzten Jahrgangs, Marion Jones, ihren Titel nicht verteidigen darf, weil sie unter dem Druck des Dopingverdachtes bei der nationalen Meisterschaft nicht schnell genug war? Daß die überholte Weltmeisterin Kelli White und deren Titelerbin Torri Edwards durch Dopingsperren ausgebremst sind? Daß deren Landsfrau, die zweifache Sprint-Olympiasiegerin Gail Devers, im Halbfinale zu langsam lief, auf der Strecke geblieben wie die für Slowenien startende Rekordmedaillistin Merlene Ottey aus Jamaika oder die französische Europarekordhalterin Christine Arron?

Rund eine halbe Sekunde schneller als vor einem Jahr

Natürlich kann sie nichts dafür. Aber die bleiche Olympiasiegerin muß dafür büßen, daß dieses 100-Meter-Finale, das angebliche Highlight der Spiele im Zeitplan der Frauen, schon vor dem Startschuß an Profil verloren hatte, daß die bekannten Gesichter fehlten, die man siegen oder auch scheitern sehen möchte. Julia Nesterenko darf sich ihres Erfolgs nicht freuen, sie muß ihn rechtfertigen - und versucht es so gewissenhaft, als gälte es, sich selbst mit jedem weiteren Wort fester von ihrem guten Gewissen zu überzeugen. Wie erklärt eine Frau, deren herausragende Leistung ein siebter Platz mit der weißrussischen Staffel bei den Weltmeisterschaften 2003 in Paris war und die jüngst in Rom ihr erstes bemerkenswertes Rennen gewonnen hat, die Beschleunigung um rund eine halbe Sekunde vom vergangenen Jahr zu dieser Saison? "Ich bin mit meinem Mann", dem 400-Meter-Läufer Dimitri Nesterenko, "bei meinen Eltern ausgezogen, und wir haben jetzt eine eigene Wohnung und unsere Ruhe."

„Gott sieht meine Anstregung und hilft mir“

Aha. Sonst noch was? "Ich habe mir einen neuen Masseur besorgt, das ganze Jahr nur auf Olympia ausgerichtet und mein Training komplett umgestellt." Irgendeine innovative Geschichte dabei? "Viele neue Elemente, Gewichtheben zum Beispiel. Aber ich möchte keine Details verraten." Ein Geständnis legt sie dann doch ab, auf beharrliche Nachfrage, die nach einigen verdeckten Annäherungen doch noch auf den Punkt kommt: Wie steht's in Weißrußland denn so mit Dopingtests? "Ich hatte einen, im Training nach der Wintersaison - und zuletzt eine Kontrolle in Rom." Beim Golden-League-Treffen, vorhersehbar, gleich nach dem Wettkampf. Die kleine Amerikanerin Lauryn Williams hat immerhin "drei bis vier" zu bieten, "und dazu eine überraschend im Training, eine bei den Trials in Sacramento". Woher der rauhe Wind weht bei dieser internationalen Anhörung, ist klar: Der Eindruck, daß die strenger beobachtete amerikanische Leichtathletik im Regen steht, aber die beargwöhnte Sportart darüber in eine osteuropäische Traufe geraten ist, steht unausgesprochen im Raum. Den möchte Julia Nesterenko jetzt doch lieber bald verlassen. "Ich bin sehr, sehr glücklich über meinen Sieg. Aber ich möchte jetzt nach Hause gehen, meine Familie sehen und die Freude mit ihr teilen."

Ungeteiltes Vertrauen hat Julia Nesterenko sich im mitternächtlichen Nachsitzen nicht erworben. Das spürt sie, und deshalb beruft sich die offensichtlich unerwünschte Olympiasiegerin auf höhere Instanzen und einen Kronzeugen, der in dieser Angelegenheit nicht aussagen, aber auch nicht widerlegt werden kann: "Ich glaube an Gott", lautet ihr Credo, "er sieht meine Anstrengung und hilft mir."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. 8. 2004, Nr. 195.
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