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Kommentar zur Doping-Studie : Globaler Betrug

Bild: Reuters

Die Daten der von Wada und IAAF verschleppten Doping-Studie sind inzwischen sechs Jahre alt. Aber: Die Forscher würden heute sehr wahrscheinlich zu denselben Ergebnissen kommen.

          Wer hätte das gedacht? Für die arg gebeutelte russische Sportlerseele kommt etwas Entlastung aus Deutschland und den Vereinigten Staaten: Die anderen dopen auch, und zwar massiv! Zumindest muss man nach dem Studium der Studie aus Tübingen und Harvard davon ausgehen. Unter den Athleten, die sich vor der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2011 zu Doping befragen ließen, waren nur 76 Russen. Und dass sie bei der zweiten Untersuchung im selben Jahr mitmischten, ist recht unwahrscheinlich. Noch haben Putins Untertanen keinen Zugang zu Panarabischen Spielen. Die ermittelte Doping-Quote von wenigstens 30 Prozent für die Teilnehmer aus aller Welt in Daegu und von 45 für die Sportler in Doha lenkt nun ein bisschen ab vom Dauerbeschuss auf Doping-Organisatoren im Kreml. Das Manipulationssystem war international.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          War? Die von der Welt-Anti-Doping-Agentur und dem Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF vollführte Blockadetaktik ist zwar endlich durchbrochen worden. Aber die Daten sind inzwischen sechs Jahre alt. Die Welt hat sich weitergedreht. Zum Besseren, wie der organisierte Sport mit Blick auf seinen Anti-Doping-Kampf gerne behauptet. Dafür gibt es aber keinen Beleg. Im Gegenteil: Russlands aufgedecktes Staats-Doping stärkt nicht die These von der Sprengung einer kleinen, infamen Gruppe schwarzer Schafe, sondern vor allem die Behauptung, das Sportsystem sei verfilzt, ein Abhängigkeitsapparat wie die Zahnradkonstruktion eines stabilen Getriebes. Ja, ein paar faule Rädchen sind verschwunden, aber letztlich doch nur ausgetauscht worden. Das Räderwerk läuft weiter wie geschmiert. Am Druck auf die Athleten von allen Seiten, halbwegs offen in autokratisch gelenkten Staaten formuliert, subtil in demokratischen Ländern, hat sich nichts geändert – seit Daegu 2011. Die Forscher würden heute sehr wahrscheinlich zu denselben Ergebnissen kommen. Das Manipulationssystem ist international.

          Vor diesem Hintergrund sind die ersten Reaktionen des organisierten Sports auf die Publikation ernüchternd. Denn diese Studie ist mehr als ein Beitrag zur „Transparenz“ und mehr als eine Hilfe zur Aufdeckung von „Schwachpunkten“ im Anti-Doping-System. Sie offenbart das gesamte Ausmaß der Machtlosigkeit bei den Wohlwollenden und der Machtfülle bei den Zynikern unter den Sportführern. Die verstehen es nach wie vor, die Unabhängigkeitsforderungen etwa von Anti-Doping-Agenturen zu unterlaufen. Es ist eine Illusion zu glauben, der Machtapparat werde sich, endlich von einem guten Gewissen übermannt, selbst auflösen und eine saubere Gewaltenteilung einführen. Und deshalb wird sich der Sport mit seiner von ihm halbwegs abhängigen Welt-Anti-Doping-Agentur mit Händen und Füßen gegen eine Fortsetzung und Weiterentwicklung dieser schmerzhaft ehrlichen wissenschaftlichen Untersuchungen wehren. Man müsste ihn dazu zwingen, also zu seinem Glück.

          Doping im Spitzensport : Mindestens 30 Prozent

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