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Doping-Kommentar : Ein heikler Weg des IOC

Frei Fahrt für russische Bobs: Der Internationale Verband hebt die provisorischen Sperren auf Bild: Reuters

Vor Olympia geht es richtig zur Sache im Doping-Fall Russland. Statt die kleinen Individuen als Details des Ganzen zu jagen, hätte das IOC das System sperren sollen. Es ist zweifelsfrei überführt.

          Das ist kein Wunder: Selbst im Sport machen Juristen mobil gegen das Internationale Olympische Komitee (IOC) und dessen lebenslange Strafen für russische Athleten. Die Anti-Doping-Kommission des Internationalen Bob- und Skeleton-Verbandes (IBSF) hat nun begründet, warum sie die provisorische Sperre des Verbandes gegen vom IOC-Bann getroffene Athleten neulich aufgehoben hat. Weil sie schlicht und einfach die Begründung für nicht ausreichend hält. Ein einziger Zeuge der großen Manipulation, der frühere Laborleiter Rodtschenkow, auch die akribische Auflistung erdrückend erscheinender Indizien wie forensische Untersuchungen an den Kontrollbehältern, überzeugen diese Kommission nicht vom Beweis der individuellen Schuld.

          Das Gremium glaubt sogar, die Suspendierung habe gegen den Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur, gegen Regeln des Bob-Verbandes verstoßen und sie sei nicht vereinbar mit internationalem Recht sowie der Europäischen Konvention für Menschenrechte. Ob das stimmt, soll nun vor dem Sportgerichtshof (Cas) geklärt werden, den die Exekutive des IBSF angerufen hat. Sie traut also dem Urteil ihrer eigenen Experten nicht. Allein dieser Prozess zeugt schon von der allgemeinen Unsicherheit selbst unter Juristen.

          Da mag das IOC noch so selbstgewiss mit dem populären wie kaum haltbaren Postulat der lebenslangen Sperre hausieren gehen. Eine Bestätigung ihrer Sanktion durch den Cas ist alles andere als eine Formsache, im Gegenteil. Weil das ausgeklügelte, kriminelle Staats-Doping rund um die Olympischen Winterspiele 2014 keine positiven Proben bietet, gilt die Umkehr der Beweislast nicht. Die Anklage muss mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit belegen können, dass die Athleten wissentlich Teil des Systems gewesen sind.

          Mit Namen auf sogenannten Doping-Listen, mit Kratzspuren als eindeutigen Zeichen einer Manipulation der Urinproben? Hat sich der Goldmedaillengewinner im Zweier- und Viererbob, Alexander Subkow, selbst eingetragen? Hat er nachts die Behälter manipuliert? Oder wird er vor dem Cas behaupten, sauberen Urin abgegeben zu haben, um dann mit Unschuldsmiene die Hände zu heben: Haben Sie denn Doping-Mittel gefunden?

          Nun hat es zwar noch kein einziges Staats-Doping ohne Sportler gegeben. Diese Variante hätte Russland exklusiv. Aber diese absurde Vorstellung könnte vor Gericht theoretisch Gestalt annehmen. Denn die Feststellung der individuellen Schuld, das zeichnet sich schon bei den ersten juristischen Vorkämpfen ab, ehe es im Januar mit Blick auf die Nominierung für die Olympischen Winterspiele richtig zur Sache geht, wird ein heikler, schwieriger Weg. Statt die kleinen Individuen als Details des Ganzen zu jagen, hätte das IOC das System Russland sperren sollen. Es ist zweifelsfrei überführt.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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