http://www.faz.net/-gtl-99gqq

Kommentar : DOSB gegen flügge Sportler

Athleten-Vertreter wie Max Hartung wollen nicht mitgestalten. Bild: dpa

Deutsche Athleten haben erkannt, dass sie ihre Positionen selbst vertreten müssen und nicht zu bloßen Objekten der Sportpolitik verkommen dürfen. Auf solche Sportler sollten Funktionäre stolz sein. Oder ist Mündigkeit doch nicht ihr Ziel?

          Was erwarten wir von Athleten? Am besten Gold oder zumindest eine Medaille, absolute Sauberkeit, selbstverständlich. Fairness in jedem Moment, auch im Augenblick einer niederschmetternden Niederlage. Und ja, fast vergessen, Mündigkeit – wahlweise gefordert oder angepriesen in Reden von Funktionären wie Politikern über die großartigen Nebenwirkungen des Spitzensports.

          Aber wehe, das Kind tut, was man von ihm verlangt. Wehe, es wird erwachsen, erkennt seine Abhängigkeit, gründet einen Verein namens „Athleten Deutschland“, der wie ein Sport-Verband in den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) aufgenommen werden soll. Die dahinterstehenden Athleten-Vertreter wie Max Hartung und Silke Kassner wollen nicht nur spielen, sie wollen mitgestalten, was angeblich zu ihrem Wohle beschlossen wird. Sie wären dann in Zukunft mitverantwortlich für Entscheidungen wie die vergangener Jahrzehnte, deren fatale Folgen allein die Sportler zu tragen hatten. Zum Beispiel das lächerliche Anti-Doping-System.

          Alle Fraktionen des deutschen Parlaments finden eine Emanzipation der Athleten grundsätzlich gut. Das Bundesinnenministerium hat 225.000 Euro in den Haushalt gestellt, zusätzlich zur jährlichen Spitzensportförderung. Niemand leidet unter diesem Zuschuss. Und doch geht die Angst um unter Spitzenfunktionären.

          Anders kann man den Versuch nicht interpretieren, diese erfrischend flüggen Sportler mit aller Macht im Nest halten zu wollen. CDU/CSU und DOSB-Führung sind sich sehr einig, die Freiheit einer Athletenvertretung nur unter dem Dach des Verbandes gestatten zu wollen. So wurde es sinngemäß nach Darstellung von Anwesenden in der Sportausschuss-Sitzung des Bundestages in der vergangenen Woche formuliert. Frei übersetzt: Wenn sich schon der Geldfluss zugunsten einer Organisationsstruktur für Spitzensportler nicht mehr verhindern lässt, dann aber soll er über den Verteiler DOSB erfolgen. Die Personalauswahl obläge dem Dachverband, er behielte die Macht, die Athleten zu kontrollieren. Nichts würde sich ändern.

          Dass sich etwas ändern muss, haben Athletenvertreter schon vor vielen Jahren gemerkt. Sie scheiterten mehr oder weniger, weil sich der Beruf (erfolgreicher) Spitzensportler mit dem Ehrenamt (ernsthafter) Athletenvertreter nicht vereinen lässt. Heute angesichts hochkomplexer Rechtsfragen noch viel weniger als vor dreißig Jahren. Deshalb ist es zwingend notwendig, dem Verein „Athleten Deutschland“ Spielraum für eine eigene, vom DOSB unabhängige Struktur zu bieten. Denn diese Sportler sind nicht die „freien Radikalen“, vor denen der Parlamentarische Staatssekretär des BMI, Stephan Mayer, im Deutschlandfunk warnte. Sie sorgen eben nicht für einen Alterungsprozess, den die Theorie über die freien Radikale beschreibt, sondern für eine Verjüngung. Sie haben erkannt, dass sie ihre Positionen selbst vertreten müssen und nicht zu bloßen Objekten der Sportpolitik verkommen dürfen. Auf solche Sportler sollten Funktionäre stolz sein. Oder ist Mündigkeit doch nicht ihr Ziel?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Merkel löst Versprechen ein Video-Seite öffnen

          Besuch in Pflegeeinrichtung : Merkel löst Versprechen ein

          Im Paderborner St. Johannisstift wollte sich die Kanzlerin einen Einblick in den Pflegealltag verschaffen. Eingeladen wurde sie während des Wahlkampfs 2017 von Altenpfleger Ferdi Cebi.

          Total von den Socken

          X-Technology : Total von den Socken

          X-Bionic setzt auf Textilien in hoher Auflösung und individualisiert Sportkleidung. Die Marke hat es sich zum Ziel gemacht, bionische Erkenntnisse aus der Natur zu nutzen. Bringt das was?

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Donald Trump mit Russlands Staatschef Wladimir Putin.

          Gipfel in Helsinki : „Es ist ein trauriger Tag für die Welt“

          In Amerika reagieren Politiker und Medien entsetzt auf das Treffen Donald Trumps mit Wladimir Putin. Doch viele fragen sich auch zum wiederholten Mal, ob die Russen etwas gegen Trump in der Hand haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.