Kommentar zum Doping mit Asthma-Medikamenten im Fußball
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Kommentar : Gefährliche Entrüstung

Bild: dpa

Auch deutsche Fußballer sollen leistungssteigernde Mittel gegen Asthma erhalten haben. Dass im Fußball gedopt wird, ist nichts neues. Aber die Geschichte hat zwei Seiten – zum Beispiel für die echten Asthmafälle unter Athleten.

          Zweifellos wird gedopt. Auch im Fußball. Weil es, wenn professionell gemacht, Leistungssteigerungen verspricht. Darüber muss nicht mehr diskutiert werden. Eher über die Frage, welchen Gehalt die sogenannten Enthüllungen der Hackergruppe „Fancy Bears“ haben. Dieser Tage veröffentlichte sie unter anderem Dokumente des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), die Doping-Experten aufhorchen ließen. Weil von Ausnahmegenehmigungen für Profis vor der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika die Rede ist, auch für vier deutsche Spieler. Sie sollen alle (unter anderem leistungssteigernde) Mittel gegen Asthma erhalten haben.

          Der geneigte Kritiker deutscher Doping-Ignoranten unter den Fußball-Heroen mag es geahnt haben. Sieh an, auch die Deutschen haben plötzlich nach Luft geschnappt. So wie die halbe Sportlerwelt in manchen Sportarten mit einem Ausdaueranteil. Als Asthma vor zehn und mehr Jahren in der Wahrnehmung der Zuschauer unter Athleten weit häufiger verbreitet gewesen sein sollte als beim Schnitt der Bevölkerung, setzte das große Räuspern ein. Auch unter Wissenschaftlern. Geständnisse belegen längst, dass manch kerngesunder Doper das große Husten bekam beim Anblick eines Formulars für die Ausnahmegenehmigung in Training und Wettkampf.

          Aber die Geschichte hat zwei Seiten. Es gibt Studien, die behaupten, dass Football-Spieler an einer Highschool zu 19 Prozent an Asthma litten. Bei der Untersuchung von Hobbyathleten kamen eine Quote von zwanzig Prozent heraus sowie die verblüffende Erkenntnis, dass zehn Prozent der Betroffenen nichts von ihrer Einschränkung ahnten. Vor diesem Hintergrund ist eine allein auf wenige aussagekräftige Daten gestützte Entrüstung gefährlich. Zum Beispiel für die echten Asthmafälle unter den Athleten. Ein namhafter, in seiner Argumentation gegen Doping über jeden Zweifel erhabener Wissenschaftler berichtete der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von Spitzensportlern, die eine Einnahme von vergleichsweise harmlosen Asthmamitteln trotz Indikation ablehnten, allein um schon den Anschein einer Manipulation zu verhindern. Und das, obwohl ihnen ein Mediziner erklärt hatte, wie die Einschränkung der Sauerstoffaufnahme bei extremen Belastungen über einen längeren Zeitraum das Herz belasten kann. „Fancy Bears“, vermutlich eine Reaktion auf die Enthüllung des russischen Staatsdopings, hat bislang so gut wie nichts zur Realität in der Doping-Welt beigetragen. Die ist jenseits des Asthmamittel-Missbrauchs aber wesentlich erschreckender, als es die Allgemeinheit glaubt.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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