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Kommentar : Bis an die Grenze gehen!

Weil Dänemarks Fußballfrauen gleiches Geld fordern, fällt ihr Spiel aus. Bild: Picture-Alliance

Dänemarks Fußballfrauen, protestierende NFL-Spieler oder deutsche Athleten: Sportler gehen auf dem Weg zu einer besseren Position so weit wie nie. Am Ende kann der Sport dadurch gewinnen. Ein Kommentar.

          Das gibt es selten: Nicht die Funktionäre bremsen den Sport, sondern diesmal die Sportler – die Spielerinnen des dänischen Fußball-Verbandes. Sie haben ihrem Verband so sehr die Pistole auf die Brust gesetzt, dass der kurzerhand die Tore geschlossen hat: kein WM-Qualifikationsspiel an diesem Freitag gegen Schweden. Wenn das kein Skandal ist. Aber auch ein guter Grund, genauer hinzuschauen. Hinter dem dänischen Aufruhr steckt nichts Geringeres als die Gerechtigkeitsfrage. Die Frauen wollen so gut gefördert werden von ihrem Verband wie die Männer: Millionen jetzt auch für die Kickerinnen? So lautete der gerne vollzogene Kurzschluss, beflügelt auch durch einen Tweet, wie ihn die norwegische Spielerin Caroline Graham Hansen absetzte. Die hatte nach einem ähnlichen, gelösten Konflikt mit dem norwegischen Verband fröhlich über einen Wandel berichtet: Gleiches Geld für gleiche Arbeit.

          Dass es dazu auch in Dänemark vorerst nicht kommen wird, ist leicht zu verstehen und alles andere als ungerecht. Die teils aberwitzigen Gehaltsdifferenzen sind eine Folge des Marktprinzips, dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage geschuldet. Mit vielleicht 500 Zuschauern im Schnitt pro Meisterschaftsspiel lässt sich eben nicht Kasse machen. Wie viele austrainierte Athleten und Athletinnen zahlreicher Sportarten können davon ein Lied singen, selbst im reichen Deutschland?

          Umso wichtiger ist der Protest der Däninnen, der Kampf um Wahrnehmung, um Respekt und eine angemessene Förderung. Der Zeitpunkt ist interessant. Selten sind Spitzensportler in aller Welt so massiv für ihre Interessen aufgestanden, obwohl sie als kleine Rädchen im System mit massiver Bestrafung rechnen müssen. In den Vereinigten Staaten hat sich der private Aufstand des Footballspielers Kaepernick gegen Diskriminierung zu einem Politikum entwickelt. In diesen Tagen wird mit Spannung erwartet, ob nicht auch Spieler der Basketball-Profiliga NBA das „Demonstrationsverbot“ ihrer Geschäftsführung ignorieren. In Deutschland haben am vergangenen Wochenende die Athletenvertreter des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) die Drohgebärde der Verbandsführung geflissentlich übersehen und einen Verein gegründet, der sie unabhängiger machen soll von den Einflussen der Funktionäre. Von einer Gewerkschaft kann keine Rede sein, aber von einer Gemeinschaft, die selbstbewusst an einem Spiel teilnehmen will, das angeblich nur ihretwegen inszeniert wird.

          Zaghafte Versuche der Emanzipation, gute Ideen und starke Wortführer hat es immer wieder gegeben. Aber erstmals scheint es so, als hätten die Sportler begriffen, dass sie auf dem Weg zu einer besseren Position so weit gehen müssen wie im Wettkampf: bis an die Grenze. Wenn das zu einer Verständigung auf Augenhöhe führt, dann gewinnt am Ende der Sport.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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