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Doping-Kommentar : Kein fairer Umgang mit den Russen

Wie viele Russen bei Olympia in Korea starten dürfen, ist noch unklar. Bild: AP

Das IOC zieht immer mehr russische Sportler aus dem Verkehr. Ihnen bleibt kaum Zeit, sich angemessen verteidigen zu können vor Olympia. Das mag gedeckt sein von den Statuten. Fair ist es nicht.

          Die Schlagzahl ist verblüffend. Am Mittwoch hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) schon wieder russische Sportler aus dem Verkehr gezogen. Drei Bobfahrer sollen wegen Dopings bei den Winterspielen 2014 in Sotschi lebenslang nicht mehr an Olympia teilnehmen dürfen. Zwei von ihnen, Pilot Alexander Kasjanow und sein Anschieber Alexej Puschkarew, wähnten sich schon auf dem besten Weg zu den Spielen von Südkorea im kommenden Februar. Am vergangenen Wochenende gewannen sie ein Weltcup-Rennen mit dem großen Schlitten. Nun hat sie der Internationale Verband quasi zeitgleich mit dem Urteil des IOC suspendiert. Zwar steht die Begründung noch aus. Aber die Erklärung des Urteils fällt sicher so aus wie im Fall des gesperrten Langläufers Legkow: Das IOC wird Kasjanow und Puschkarew vorwerfen, wissentlich am Staats-Doping Russlands teilgenommen zu haben.

          Bislang haben die Olympier 22 Russen den Rang von Sotschi und manchen Medaillengewinnern den Ruhm genommen. Aber der Kampfgeist unter den noch aktiven Sportlern ist groß. Weil ihre Anwälte beste Chancen sehen auf einen juristischen Sieg vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas). Zwar ist die Existenz eines ausgeklügelten Doping-Programms im Namen Russland (vor einem Jahr schon) überzeugend beschrieben worden. Und bislang kennt die Geschichte des Sports auch kein einziges Doping-System ohne Athleten. Aber die individuelle Schuld wird sich in den anstehenden Prozessen mit bislang einem einzigen Kronzeugen und ohne positive Doping-Proben nur sehr schwer zweifelsfrei feststellen lassen. Die Frage ist eher, wann es zu Freisprüchen kommt. Denn das Cas versteht sich nicht als Schnellgericht. Und einer Eilbedürftigkeit müssten beide Parteien zustimmen, also auch das IOC. Damit die von ihm gesperrten Sportler, der Todsünde des Sports für schuldig befunden, im Februar über den olympischen Hain spazieren, mit frischem Gold um den Hals?

          Ein Schelm, wer glaubt, dem IOC käme eine Verzögerung gelegen, damit während der Spiele heftige Doping-Diskussionen, Konfrontationen und Eklats ausbleiben. Aber das Cas wird die vermutlich mehr als zehn Prozesse selbst bei bestem Willen bis zur Eröffnungsfeier kaum abgeschlossen haben können. Dann bliebe zwar noch der Weg zum Ad-hoc-Schiedsgericht des Cas am Olympiaort. Es entscheidet binnen 24 Stunden. Aber dieses Gremium ist für plötzlich auftretende Streitfälle geschaffen, nicht für Auseinandersetzungen, die schon vor mehr als einem Jahr erkennbar waren. Den erst jetzt verurteilten Athleten bleibt kaum Zeit, sich angemessen verteidigen zu können. Das mag gedeckt sein von den Statuten. Fair ist es nicht.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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